Lokalsport

"Die mit den goldenen Knöpfen findet man bei uns nicht"

NÜRTINGEN In einer Jolle über das Wasser zu gleiten, auf dem Bootsrand sitzend, die Großschot in der einen Hand, die Pinne in der anderen, die Füße fest an die Bordwand

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UWE GOTTWALD

gestemmt das kann anstrengend sein. Auch eine Yacht mehrere Stunden bei starkem Wind zu manövrieren und die seemannschaftliche Arbeit zu verrichten, erfordert Ausdauer. So ist Segeln Freizeitvergnügen und Erholung auf dem Wasser ebenso wie Sport und auch in der Voralbregion finden sich immer mehr Segelbegeisterte. Vor zwei Jahren hoben 25 Gründungsmitglieder den Yachtclub unter Teck aus der Taufe, heute zählt er über 270 Anhänger, von denen nicht wenige an Regatten teilnehmen.

Dass der Verein in nur zwei Jahren einen so rasanten Zuspruch erlebt hat, liegt sicher am Konzept. Mit moderaten Mitgliedsbeiträgen und günstigen Charterkonditionen für die fünf vereinseigenen Schiffe wird man dem Anspruch gerecht, den Segelsport möglichst vielen zugänglich zu machen. "Wir sind kein elitärer Zusammenschluss, bei uns finden sich Mitglieder vieler Berufsgruppen mit unterschiedlichen Vermögensverhältnissen", betont der Vorsitzende Rainer Jüttner. Dem kann Geschäftsführer Jürgen Hülß aus Nabern nur zustimmen: "Die mit den blauen Jacken und den goldenen Knöpfen findet man bei uns nicht."

Hülß übt sein Amt wie alle anderen Funktionsträger des Vereins rein ehrenamtlich aus. Ihnen allen geht es darum, den Mitgliedern einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch zu ermöglichen, sei es beim Stammtisch oder beim gemeinsamen Segeln auf dem Bodensee, aber auch bei Meerestörns. Darüber hinaus liegt dem Club die Aus- und Weiterbildung am Herzen, von der nicht nur der einzelne Segelbegeisterte, sondern der gesamte Verein profitiert. Erfahrene Segler geben ihr Wissen ehrenamtlich weiter, in qualifizierten Kursen befähigen sie Mitglieder zu Prüfungen in Theorie und Praxis für verschiedene amtliche Segelzeugnisse für Binnengewässer und für die See. Dieses Jahr kommt das Funk-Zeugnis, das Short Range Certificate (SRC) hinzu, das der Gesetzgeber ab 2008 von allen Inhabern von Sportbootführerscheinen für die See verlangt. Mit den Einnahmen durch Kursgebühren finanziert der Verein Anschaffung und Unterhalt der Boote, die in einem Yachthafen in Kressbronn am Bodensee liegen. Eine Aufnahmegebühr wird nicht erhoben.

Zur Bodensee-Vereinsflotte gehören Yachten mit einer Länge zwischen zirka sieben und zehn Metern, dazu kommt für die Motorbootausbildung, die für größere Segelyachten notwendig ist, ein 45-PS-Boot am Neckararm in Neckarrems und für die Jugendausbildung ein Opti, eine kleine Segeljolle am Stuttgarter Max-Eyth-See. Die beiden älteren Yachten, eine Dufour 2800 und eine Jeanneau Tonic 23, sind wegen ihrer geringeren Größe ideal für die Ausbildung, die beiden Bavarias und die Jeanneau Sun Odyssey 34.2 sind brandneu und bieten neben moderner Segeltechnik genügend Komfort und sechs Kojen für mehrtägige Törns auf dem Schwäbischen Meer.

Hervorgegangen ist der Club aus der Sportgemeinschaft Industriepark Nabern, einer Betriebssportgruppe von Daimler-Tochterfirmen. Im Laufe der Jahre fand das Segeln immer mehr Anhänger, mit der Erfahrung wuchsen die Ansprüche. Mit dem mehrere Tonnen schweren Stahlschiff ließ sich zwar gemächlich über das Wasser gleiten, sportlicheres Segeln war damit jedoch kaum möglich, erinnert sich Jürgen Hülß.

Dass Hülß solchen Ansprüchen nachkommen möchte, stellte er in diesem Jahr mit dem Gewinn des erstmals ausgelobten Vereinspokals unter Beweis, mit dem Mitglieder zum sportlichen Segeln bei Regatten ermutigt werden sollen. Dafür wurde ein Punktesystem ausgeklügelt, bei dem ein Quotient aus der Größe der jeweiligen Teilnehmerfelder und der erzielten Platzierung gebildet wird. Berücksichtigt werden die drei besten Wertungen innerhalb eines Kalenderjahres vom 1. November bis zum 31. Oktober des darauf folgenden Jahres.

Die Regatten müssen nicht auf dem Bodensee sein, obwohl sich die dortige "Rund um" großer Beliebtheit erfreut. Die "Eiserne" als Saisonabschluss am ersten Adventswochenende ist dann etwas für Hartgesottene, wie Name und Austragungstermin unschwer verraten. Gerne starten die Schwaben aber auch beim Deutschlandpokal der SG Stern, aus alter Verbundenheit zum Betriebssport. Dann geht es auf der Ostsee vor Heiligenhafen hart an oder platt vor den Wind. Mit sehr guten Ergebnissen im Jahr 2005 bei der "Rund um" und der SG-Stern-Regatta und einem Mittelfeldplatz bei der "Eisernen 2004" sicherte sich Hülß den Vereins-Wanderpokal.

Dass es beim Segeln knapp hergehen kann, zeigt das Endergebnis. Die Vereinskollegen Karl-Heinz Landenberger und Rolf Patzig verfehlten bei der vereinseigenen Regatta nur um Sekunden Platz zwei, der zum Gesamtgewinn der Pokalwertung gereicht hätte. So sind die Taktik beim Regattasegeln ebenso wie Schnelligkeit gefragt, wenn Manöver ausgeführt werden müssen. Vor allem wenn große Segelflächen zu bedienen sind, ist mitunter Schwerstarbeit angesagt.

Wenn der Wind von hinten kommt, werden die Spinaker aufgezogen, die sich gleich riesigen Ballons mit aufblähen. An der Wendetonne ist dann Steuerkunst des Skippers gefragt, der Wind- und Wasserdruck in den Händen über das Steuerrad oder die Pinne spürt. Dann kommt es für ihn, aber auch für die Mannschaft auf eine exakte Ausführung der Manöver und das schnelle Bergen des riesigen Segeltuchs an, um dann je nach Aufgabe mit Halbwindkurs oder hart am Wind mit der Brise im Gesicht und mehr oder weniger dicht geholtem Groß- und Vorsegel schnell wieder Fahrt aufzunehmen. Die unterschiedliche Leistungsfähigkeit der Boote wird bei solchen offenen Regatten mit einem Rennwert ausgeglichen, der sich aus bauartbedingten Faktoren und der Segelfläche errechnet. So muss nicht immer derjenige Sieger sein, der als erster die Ziellinie überquert.

Doch bei allem sportlichen Ehrgeiz immerhin 56 Mitglieder kamen in die Vereinswertung kommt beim Yachtclub unter Teck das Gesellige nicht zu kurz. Gemeinsames An- und Absegeln und kleine Feiern gehören ebenso zum Vereinsleben wie privat organisierte Segeltörns am See oder entlang von Meeresküsten, die Segeln zum Naturerlebnis werden lassen.

INFOZum Stammtisch jeden zweiten Freitag im Monat ab 19 Uhr im Nebenzimmer des Kirchheimer Autohofes sind auch Nichtmitglieder willkommen. Weitere Informationen: www.ycut.de oder beim Vorsitzenden Jüttner unter der Telefonnummer 01 73/9 52 65 29.