Lokalsport

Die Pharisäer Mores gelehrt

Der Laie staunt, den Fachmann wundert's: Innerhalb von fünf Monaten haben sich die Verbandsligakicker des VfL Kirchheim vom biederen Abstiegskandidaten zur beständigen Mittelfeldgröße gemausert. Gründe: Systemumstellung, ausgeglichenerer Kader und größere Leistungsdichte die erfolgsbringenden Rädchen scheinen endlich ineinander zu greifen.

PETER EIDEMÜLLER

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KIRCHHEIM Dass der Prophet im eigenen Lande nichts gilt, ist bekannt so hat auch VfL-Mannschaftskapitän Mario Grimm einiges Kopfschütteln geerntet, als er am Tiefpunkt der sportlichen Talfahrt im Dezember orakelte: "Wir sind zu stark, um abzusteigen." Was damals noch als Durchhalteparole belächelt wurde, hat sich knapp fünf Monate später bewahrheitet. Der VfL hat das Tal der Tränen durchschritten und seit der letzten Niederlage am 10. Dezember gegen die TSG Balingen (1:3) aus zehn Spielen 28 Punkte geholt. Dank dieser getrost als "imposant" zu bezeichnenden Serie hat sich der Club darüber hinaus aller Abstiegssorgen entledigt. Vor Jahresfrist sah es freilich eher nach einem Absturz in die Landesliga aus: Der VfL verlor fünf Spiele hintereinander, überwinterte mit 16 Punkten nach 18 Partien auf einem Abstiegsplatz dennoch ließen sich die Verantwortlichen nicht aus der Ruhe bringen. "Wir wussten damals, dass wir uns auf unsere Stärke verlassen können", blickt VfL-Trainer Michael Rentschler auf die düstere Vorweihnachtszeit zurück, ohne sich im Nachhinein selbst zu beweihräuchern. "Es wäre ja auch vermessen gewesen, damals solch eine Serie anzukündigen."

Dass diese dennoch Einzug an der Jesinger Allee gehalten hat und noch immer hält, ist laut Rentschler auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Neben der stärkeren Ausgeglichenheit des Kaders durch die Neuzugänge betont der 35-jährige Sportlehrer den Umstand, dass im Winter eine vernünftige Vorbereitung stattgefunden habe. "Das war im vergangenen Sommer wegen der beiden späten Relegationsspiele nicht möglich", so Rentschler, "in der Vorrunde hat sich das deutlich bemerkbar gemacht."

Noch bemerkbarer hat sich allerdings das Mitwirken Michael Heilemanns gemacht. VfL-Nostalgiker nennen den 22-Jährigen, der in der Winterpause von den Stuttgarter Kickers nach Kirchheim kam und den klassischen "Zehner" gibt, inzwischen bereits in einem Atemzug mit Claus Maier, Thomas Endler oder Steffen Kaiser, den Regisseuren von einst. Dank Heilemanns Spielmacherqualitäten kann Rentschler das von ihm präferierte 4-3-3-System mit einer echten (Pavel Ferenz, Feriz Meha oder Cem Korkmaz) und zwei hängenden Spitzen (Coskun Isci und Alban Meha) spielen lassen. Seine Verpflichtung brachte dem Team noch einen weiteren positiven Effekt: Mario Grimm, der aufgrund fehlender Alternativen lange Zeit gezwungen war, den Posten des Spielmachers auszufüllen, rückte in die Vierer-Abwehrkette und spielt dort seither eine überragende Rückrunde.

Dasselbe gilt für Torwart Patrick Gühring. In den zehn Spielen, die er für den VfL seit seiner Rückkehr aus Balingen zwischen den Pfosten stand, hat der 25-Jährige nur sechs Gegentore kassiert. Zum Vergleich: Norman Volber musste in den 18 vorangegangenen Spielen 42 Mal hinter sich greifen. "Ich will die Erfolgsserie nicht an einzelnen Spielern festmachen", betont Michael Rentschler. Sein ehemaliger Boss schon eher: "Seit Gühring im Tor steht, ist die Viererkette stabil", sagt Ex-Abteilungsleiter Winfried Scholz ohne den 19-jährigen Volber diskreditieren zu wollen: "Wir haben Norman Anfang der Saison ins kalte Wasser geschmissen", so Scholz, "ich bin ihm dankbar für das, was er geleistet hat."

Scholz, seit der Wahl Jörg Mosolfs zum neuen Abteilungsleiter Anfang April im Ehrenamts-Ruhestand, ist rückblickend vor allem froh, "in der Winterpause die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben." Gemeint ist das Festhalten an der Person Rentschlers. Abteilungsinterne Pharisäer forderten angesichts der Misere einen neuen Trainer. Scholz stellte sich vor Rentschler ("Bevor ich ihn rausgeschmissen hätte, wäre ich lieber selbst zurückgetreten") und sieht sich im Nachhinein bestätigt. "Er hat mit der Mannschaft Großes geleistet."

Was möglich gewesen wäre, wenn der VfL bereits in der Vorrunde so aufgespielt hätte, wie zuletzt auch den Mannschaftskapitän treiben solche Gedanken um: "Manchmal könnte ich mir deswegen schon in den Arsch beißen", sagt Mario Grimm, der den Rückenwind nicht nur mit in die letzten vier Saisonspiele nehmen will. "Wer weiß, vielleicht können wir nächste Saison wieder an der Tür zur Oberliga anklopfen." Es wäre nicht die erste Prophezeiung Grimms, die eintrifft.