Lokalsport

Die Pille, der Rasen und 90 Minuten: Das Mysterium der Geschlechter

Das Thema ist so alt wie Adam und Eva und beginnt damit, dass irgendwann irgendwer dem Mann einen runden Gegenstand in die Hand

ALEXANDRA BOGER

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drückte, der über die Zeiten hinweg zum Fuß wanderte. Heute heißt es: "Der Ball ist rund", "Das Runde muss ins Eckige" und "ein Spiel dauert 90 Minuten". Egal in welcher Epoche in einem Szenario mit Männlein, Weiblein und runden Dingen kommen Frauen irgendwie nicht gut weg. So manches Klischee kommt nicht von ungefähr, doch sind "Frauen und Fußball" tatsächlich mehr als eine schöne Alliteration?

Um sich dieser Frage anzunehmen, muss das Wortspiel um ein wichtiges Glied erweitert werden: "funktionieren". Wie funktionieren Frauen? Wie funktioniert Fußball? Ist es eigentlich zulässig, beide Fragen in einem Satz zu formulieren? Dass Männer mit Fußball funktionieren, ist hinlänglich bekannt, aber wie? Und wie fügen sie sich in diese Dreier-Konstellation? Die Mysterien um Geschlechter und "das Leder" müssen etwas gelichtet werden.Kicken und Erotik Die Füße. . . Laut dem Berliner Sportphilosophen Gunter Gebauer kann so mancher Grund in der Erziehung gefunden werden: "Da Fußball das Treten und Stoßen mit den Füßen im Zentrum seiner Spielidee hat, steht er Männern sehr viel näher als Frauen." So ist es wohl schon von Grund auf festgelegt, dass Männer ihre Füße zum Kicken verwenden und Frauen, um Strümpfe und Pumps drüberzuziehen.

Kirchheims Frauen sind sich laut einer nicht repräsentativen Umfrage in der Fußgängerzone uneins, was sie von dieser Aussage halten sollen. Irgendwie scheint der Fußball schon im männlichen Naturell zu liegen. "Es ist fast außerirdisch, wenn eine Frau Fußball spielt", meint Susana Andrade. Für Edith Koch hingegen lag es wohl eher früher an der Erziehung, dass das schwarz-weiße Leder mit dem typisch Männlichen gleichgesetzt wurde: "Frauen haben auch Kampfgeist, wenn man sie fördert", ist ihr Resümee für das 21. Jahrhundert.Sexappeal und Glamourfaktor. . .

An der Hand von Gattin Victoria, über die roten Teppiche der Welt flanierend, fällt die Vorstellung von einem verschwitzten Trikot und Rasenmatsch zwischen den Stollen schwer. Doch David Beckham haut nicht nur die Pille in den Kasten, sondern auch sämtliche Konkurrenz in die Pfanne und das vor allem mit seinem Aussehen. Er ist Idol und vernichtet Assoziationen von rippshirtigen, biertrinkenden, ole-ole-rufenden Fußball-Männern.

Hatte nicht auf einmal jeder den obligatorischen "Iro" auf dem Kopf? Und welcher Mann sieht sogar noch mit Zöpfchen so sexy aus wie er? Der Fußball hat nunmal eine Menge solcher schöner Männer zu bieten und wer kann es da den "Fußball-Fan-inistinnen" schon übel nehmen, wenn die Abseitsregel dabei zur Nebensache wird. Tatsache ist zumindest in der Teckstadt wenn Mann Fußball schaut, schaut auch Frau auf Fuß und Ball und nicht auf Popo und Sixpack. "Dafür guckt man besser Schwimmen, die sind knackiger", meint Eva Richter, die gern und oft ins Stadion geht. Und irgendwie hat sie auch recht, immerhin muss man dabei auch nicht bis zum Trikottausch warten, bis es was zu sehen gibt.

Bei ihren Favoriten bleiben die Kirchheimerinnen im Ländle. So würden die meisten am liebsten Timo Hildebrandt zum Kaffee einladen oder auch den "Klinsi", wie Claudia Barner. Luis Figo wäre auch eine Idee, wobei selbige von einer Portugiesin stammt. Immerhin ist der Südländer in der Umfrage der "Quasar Trend Research" zum Thema "Frauen, Fußball und die Fifa-WM 2006" in der Rubrik "Lieblingsstars" zu finden, in der kickende Frauenhelden zur Auswahl gestellt wurden. Darin sind die beiden Fußball-Schwaben höchstens auf Platz zwei unter dem Stichwort "Jemand anderen" vertreten, gleich nach "keinen Fußballspieler" auf Platz eins. Auf Platz drei findet sich wie könnte es anders sein "Iro-David", gefolgt von Ballack, Figo, Kuranyi, Poldi, Zidane und Ronaldo. "Ich schaue Fußball nur wegen des Spieles und der Atmosphäre", so der weibliche Konsens. Liebe Kirchheimerinnen, unter uns Frauen, mal ehrlich. . .

Die Abseitsfalle. . .

"Reg dich nicht so auf, ist doch nur ein Spiel", "Eine Horde erwachsener Männer, die einem Ball hinterher rennen ich werde nie kapieren, was daran so toll sein soll." Definition von "Abseitsfalle": Die Frau lässt einen solchen Satz los, steht mit beiden Beinen in der Falle und damit den Rest des Abends im Abseits.

"Frag nicht so dumm und schau zu" ebenso wie "Holst du mir jetzt endlich noch ein Bier". Nach solchen Sätzen ist Er Ihr in die Falle gegangen und verbringt die Nacht abseits des gemeinsamen Schlafzimmers. Bei so mancher Kirchheimerin jedoch kommt die Regel zum Verstoß prompt wie aus dem Lehrbuch. Andere hingegen wissen: "dass se Tore schießen müssen und wer mehr hat, hat gewonnen", wie Theresa Horn. Die Frau aus der Werbebranche weiß um die Zielgruppe Frau im Fußballgeschäft Bescheid. Sie selbst sieht Fußball aus der klassisch weiblichen Perspektive: "20 erwach-sene Männer, die einem Ball hinterher rennen. " Doch wenn in ehelichen Diskussionen die DFB-Frauen schlecht wegkommen, muss sie Partei ergreifen. Und abgesehen davon steht sicher jeder zweite Ehemann erstaunt neben seiner Frau und meint: "Besser hätte ich die Abseitsregel auch nicht erklären können".

Und die Männer? Sofa, Chips und Samstagabend machen aus lieben Männern sprachgeschädigte Zombies, die, sonst noch bedingt multitasking-fähig, jetzt nur noch mit 0/1, An/Aus, Ja/Nein denken, sprechen und handeln. Das heißt im konkreten Fall zum Beispiel, dass Sätze nicht mehr als zwei Worte haben und meist auf Unnötiges wie Verben verzichten: Schiri raus! Abseits Mann! Bier her! Weg da!Hauptsache chic. . .

Frauen mögen alles, wozu es das passende Outfit gibt. Harald Braun und Julia Möhn warnen in ihrem Buch über "Abseitsfallen So überleben Frauen die Fußball-WM" vor diesem Phänomen: "Niemand, der sich ernsthaft mit Fußball beschäftigt, kauft ein Trikot, weil es so hübsch aussieht. Oder weil es gerade schick ist." Dennoch: Die Stylingfrage wurde im Fußball bisher stiefmütterlich behandelt mal abgesehen von der wirklich unvorteilhaften Arbeitsbekleidung von Birgit Prinz und Co. Sicherlich gibt es Damen, die meinen: "Schwarz, rot, gold passt einfach nicht zu meinem Teint" oder "Querstreifen machen dick". Aber für alle, die sich nicht prinzipiell an die vorgegebene Farbpalette aus Paris halten oder Fan der belgischen Nationalelf werden wollen, könnte das Fan-Sein immer noch an Fragen wie dem V-Ausschnitt, der Passform oder den Kombinationsmöglichkeiten zum Jeans-Mini scheitern.

Zumindest während der WM waren Deutschlands Kleiderständer schwarz-rot-gold und das in sämtlichen Schnitten, Längen und Kürzen, Größen, Formen und Stilen und dazu: passende Broschen, Gürtel, Handyanhänger, Schuhe und Bikinis. Bei Sport-Räpple in Kirchheim fanden die "Girlie-Shirts" und Trägertops mit Nationalelf-Applikation eher geringen Absatz. Begehrter hingegen war: "Alles was trikotmäßig aussah. Auch das passt eher zur Jeans als zum Minirock" stellte Daniela Eisemann, Verkäuferin bei Räpp-le, begeisterter VfB-Fan und Stadion-Besucherin, fest. Sie denkt nicht, dass Frauen über den Style zum Sport gelangen. Ähnliches beobachtete auch Anja Klement bei Kirchheimer Steingass: "Den Mädchen hat es schon gefallen, sich so anzuziehen. Es hat es interessanter gemacht, war aber nicht der Hauptgrund."Von der La Ola zum Eckball. . .

Und warum stehen eigentlich Fluglotsen am Spielfeldrand? Nun können sich Interessentinnen natürlich alle 94 Seiten des Regelwerkes auf der Seite "http://www.dfb.de/dfb-info/regeln/fussballregeln/regeln0607.pdf" durchlesen oder es mit "learning by doing" während eines gemeinsamen Fußballabends mit dem Liebsten versuchen. Oft endet ein solcher dann im Debakel. Manche kennen es vielleicht, wenn einem ein passionierter Skifahrer das Skifahren beibringen soll: Im Anblick einer unberührten Piste wird der Anfänger irgendwann im Tiefschnee zurückgelassen. Das Gleiche passiert beim Fußball. Nach Fragen wie: "Was machen die Fluglotsen mit den bunten Fähnchen auf dem Platz?", "Was bringt denn die diese La Ola, die müssen sich doch auf den Ball konzentrieren?", "Welche Farbe hatten nochmal unsere?" oder "Warum hat der jetzt schon wieder gepfiffen?", wird jede Fußball-Jung-Frau zum Auslöser eines cholerischen Anfalls. Die Antworten reduzieren sich spätestens dann auf: "Der Ball ist rund, das Runde muss ins Eckige und ein Spiel dauert 90 Minuten." Oder Mann versucht es mit: "Wenn du mit mir Fußball schaust, geh ich mit dir in den neuen Film von dem Tom-Cruise-Heini". Doch das endet unter Umständen mit: "Geh mit mir Schuhe kaufen, lass mich mal fahren und meine Mutter zieht bei uns ein, aber dir gehört samstags der Fernseher." Liebe Männer, da macht ihr es euch schon ein bisschen einfach.

Hier zumindest exemplarisch und weiter ausbaufähig die Abseitsregel für die Frau: Während Sie sich beim Sommerschlussverkauf brav von hinten nach vorne an die Wühltische arbeiten, hat ihre Nachbarin mit dem modischen Bewusstsein einer Fünfjährigen eine Schwägerin dritten Grades als Verkäuferin in der H&M-Filiale, die ihr auf Zurufen aus der hintersten Reihe hin sämtliche 70%-reduzierten Einzelstücke zurücklegt. Wären sie nicht auch froh, wenn die Tante ihrer Stief-Cousine Filialleiterin wäre und sich zwischen den Schnäppchen und der Kasse postieren würde? Etwas komplexer ist das im Fußball, doch das gleiche Prinzip.

Frauen, Fußball funktionieren. . .

Liebe Männer, wenn Ihr noch ein "nützliches" Weihnachtsgeschenk für eure Liebste sucht, weil sie schon drei Mixer zu Hause hat, ein paar Buchtipps:

"Kleines Fussball-ABC für Frauen", passt in jede Handtasche und erklärt in kurzen Sätzen alles von "Abgefälschter Ball" bis "Zweikampf", erschienen im Verlag-für-die-Frau.

"Kick it. Das ultimative Fußballbuch für Frauen", ist etwas ausführlicher, passt immer noch in die größeren Handtaschen und enthält zusätzlich anschauliche Grafiken und "Blufferwissen" wie "Warum Rudi Völler auch "Tante Käthe" heißt. Erschienen im Knaur-Verlag.

"Abseitfallen. So überleben Frauen die Fußball-WM", erschienen vor selbiger im Bastei-Lübbe-Verlag. Rückblickend spannend aber auch auf die EM anwendbar und die nächste WM kommt bestimmt. Eher was zum Schmökern und wirklich was für die Frau, die beispielsweise lernt, wo man während der WM welche Männer kennenlernt.