Lokalsport

"Die Qualität ist seit 2002 besser geworden"

Umstrittene Elfmeter, vermeintliche Abseitstore, unzählige Platzverweise und Kartenflut die WM-Schiedsrichter stehen seit Beginn der K.-o.-Spiele in der Kritik. Auch bei Unparteiischen auf Bezirksebene sind die Leistungen der FIFA-Kollegen Gesprächsthema.

PETER EIDEMÜLLER

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KIRCHHEIM Fußballdeutschland jubelt: Abermillionen Menschen erfreuen sich am beherzten Auftritt der DFB-Elf, sind berauscht vom Kombinationsfußball der "Klinsmänner"

O:9020603.JP_und beklatschen jede gelungene Aktion im Spiel nach vorne wer achtet da schon auf die Leistung der Schiedsrichter. Wenn nicht gerade ein neuer Kartenrekord aufgestellt, ein vermeintlicher Abseitstreffer gegeben oder ein umstrittener Elfmeter verhängt wird, ist der 23. Mann auf dem Platz für das Gros der Gucker unsichtbar. Nicht so für Daniel Geywitz: Der 39-jährige Bezirksligareferee achtet während der WM-Übertragungen vornehmlich auf die Leistungen seiner FIFA-Kollegen und weiß: "Man muss entscheidende Spielszenen knacken, sonst läuft eine Partie schnell aus dem Ruder." Die Achtelfinalbegegnung zwischen Holland und Portugal, in der der russische Unparteiische Walentin Iwanow zum Buhmann avancierte, sei ein Paradebeispiel gewesen. "Die Szene, in der Bouhlarouz den Portugiesen Ronaldo foult, ist genau so eine Sache", analysiert Geywitz, innerhalb der Schiedsrichtergruppe Nürtingen zuständig für das Coaching junger Kollegen, "da hätte Iwanow meiner Meinung nach Rot zeigen müssen. Danach hat er sich die Begegnung von den Spielern diktieren lassen."

Sein Kollege Holger Böhm aus Unterensingen sieht's ähnlich: "Wie man eine Partie pfeift, ergibt sich erst im Laufe des Spiels", sagt der 28-Jährige. Er hält Iwanow zugute, dass er während der "Schlacht von Nürnberg" seine Linie eingehalten hätte. Eine Vorgehensweise, die er bei seinen eigenen Auftritten (bis zur Bezirksliga) ebenfalls präferiert. "Man versucht in so einem Spiel natürlich, Zeichen zu setzen", sagt Böhm, "aber wenn die Spieler fortwährend ihre Grenzen austesten, muss auch mal Schluss sein." Platzverweise als der Weisheit letzter Schluss? Nicht zuletzt deswegen stößt vielen Schiedsrichtern in den Amateurligen der Spruch "Wer mit wenig gelben Karten auskommt, ist ein guter Unparteiischer" sauer auf. Auch bei Evelin Holder, die als Schiedsrichterin aus Zainingen öfter im Nachbarbezirk Neckar/Fils pfeift, löst diese vermeintliche Binsenweisheit Kopfschütteln aus. "Das ist doch Quatsch", sagt die 34-Jährige, "natürlich ist uns Schiedsrichtern ein faires Spiel auch lieber. Aber manche Kicker lernen's einfach nie."

Anders die Referees: Anhand der Leistungen der Unparteiischen bei der WM werden Videos erstellt, die bei Schulungen zum Einsatz kommen sollen. Der WM-Schiri als Lehrbeispiel dem Obmann des Bezirks Neckar/Fils, Klaus Bühler, ein großes Anliegen: "Die Kritikfähigkeit bei Schiedsrichtern ist wichtig. Nur wer Fehler eingesteht, kann sie in Zukunft vermeiden." Kollege Daniel Geywitz kann dem nur zustimmen. "Die kritische Reflexion der eigenen Leistung ist das, was im Amateurbereich oft fehlt." Ob es da hilft, wenn ein Mann wie der ehemalige Pfeifenmann Urs Meier als ZDF-Experte jeden Pfiff der Ex-Kollegen vor einem Millionenpublikum bis ins letzte Detail analysiert? Evelin Holder findet's gut: "Auf diesem Weg können dem Publikum unverständliche Entscheidungen besser erklärt werden." Auch Daniel Geywitz hebt den Daumen. "Prinzipiell eine gute Sache", findet er, "man muss auch als WM-Schiedsrichter mit Kritik umgehen können."

Trotz all der in den vergangenen Tagen aufgekommenen Diskussionen attestieren die Kollegen aus dem Amateurbereich den WM-Schiedsrichtern alles in allem gute Leistungen. "Ich bin sehr zufrieden", sagt Daniel Geywitz, "die Qualität ist im Vergleich zur WM 2002 besser geworden." Schade sei es, wenn ständig nur von den Fehlleistungen der Unparteiischen die Rede sei. Beispiel Graham Poll, der im Spiel Kroatien gegen Australien einem Spieler drei gelbe Karten zeigte. "Klar schimpft man da", sagt Holger Böhm, "weil es die ansonsten guten Leistungen der anderen überschattet." So war Daniel Geywitz beispielsweise von der Leistung des Unparteiischen der Vorrundenpartie Uruguay gegen Mexiko äußerst angetan. "Das Gespann war sehr gut", schwärmt er dass sich der Durchschnittsfan nicht einmal mehr an das Ergebnis dieses Kicks erinnert, spricht für die These, dass Schiedsrichter tatsächlich nur dann in die Schlagzeilen geraten, wenn ihre Leistung vermeintlichen Einfluss auf den Spielausgang hatte.

Dass die Weltmeisterschaft Einfluss auf den Amateurschiedsrichter haben wird, davon ist zumindest Klaus Bühler überzeugt. "Ich könnte mir vorstellen, dass die Vorgaben der FIFA an den DFB und dann auch an die Landesverbände weitergegeben werden", sagt der Bezirksobmann. Sprich: Unsportliches Verhalten wie Zeitspiel oder Trikotzupfen müssten ab der kommenden Saison auch in der Kreisliga B rigoros geahndet werden. Wenn da mal nicht manches Spiel mangels Spieler abgebrochen werden muss. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.