Lokalsport

Die Sehnsucht nach Typen wie Milan Vagner

Ehemals war Wernau eine Eishockey-Hochburg, die bis zu 2000 Zuschauer ins Eisstadion lockte. Der sportliche Höhenflug endete in der Zweiten Liga und dem anschließenden Konkurs der SG Wernau-Esslingen im April 1997.

THOMAS PFEIFFER

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WERNAU Sie fahren nach Bietigheim-Bissingen, nach Stuttgart oder sonstwo hin: Eishockey-Fans aus Wernau sind, wenn die Saison im Laufen ist, fleißig unterwegs. Spieltag für Spieltag, Wochenende für Wochenende. Das schnelle Mannschaftsspiel mit Schläger und Puck lässt die Wernauer einfach nicht los, schließlich hat Eishockey-Gucken in der 12 500-Einwohner-Stadt auch Tradition.

Früher, in den Achtziger- und Neunzigerjahren, waren die Anfahrtswege für die Eishockey-Enthusiasten aus der Narrenhochburg wesentlich kürzer und die Schlachtgesänge lauter: Seinerzeit waren es örtliche Clubs, die zu spannender Samstagabend-Unterhaltung in klirrender Kälte lockten. Ganze Familien pilgerten regelmäßig ins Eisstadion am Neckar, heißer Glühwein und heiße Steaks fanden in eiskalten Drittelpausen vierstelligen Absatz in den besten Zeiten platzte das Stadion aus allen Nähten. "Ich kann mich an Spiele erinnern, da kamen sogar mehr als 2000 Zuschauer", sagt Werner Jontza. Der Mann schwärmt heute noch mit leuchtenden Augen davon, wie schön doch die (alte) Zeit war, und das ist kein Wunder: Als die lokale Kufencrackszene in Form der Spielgemeinschaft (SG) Wernau-Esslingen im Jahre 1995 mit dem Aufstieg in die Zweite Liga ihre absolute sportliche Blütezeit erlebte, war Jontza als gewählter SG-Funktionär hautnah dabei.

Damals lieferte er den lokalen Tageszeitungen die Spielberichte, und nicht nur einmal konnte er beim Texten förmlich in Superlativen schwelgen. "An das entscheidende Aufstiegsspiel gegen den EV Germering erinnere ich mich noch gut", sagt Jontza, "die Halle war wieder brechend voll, die Stimmung prächtig, und wir gewannen 5:3." Folge: Die SG war Gruppensieger mit 10:2 Punkten, stieg zusammen mit dem ERC Hassfurt (8:4) auf. Nach der Schlusssirene ebbte die Euphorie nicht ab, Autokorsos durch Wernau mit Hupkonzerten folgten. Der Tag des Aufstiegs blieb unvergessen wie auch die folgenden zwei Spielzeiten, in der die SG in der höheren Spielklasse immer stärker wurde. Jontza: "Erst landeten wir auf Platz zehn, ein Jahr später wurden wir Vierter." Und plötzlich klopfte die SG sogar an die Tür zur Ersten Liga: eine echte Sensation.

Nostalgie. Anno 2005 bleibt von der Wernauer Eishockey-Herrlichkeit nur noch die Erinnerung. Denn Knall auf Fall endet die Erfolgsgeschichte des Wernauer Eishockeys, als die SG am 10. April 1997 beim Amtsgericht Esslingen Konkurs anmelden muss. Zuvor war ein allerletzter Rettungsversuch gescheitert, den nicht nur in der Ägide der SG-Vorsitzenden Joachim Aichele und Jürgen Melzer aufgetürmten Schuldenberg in Höhe von 344 000 DM doch noch zu stemmen. Keine Chance die SG, bis dahin Eishockey-Aushängeschild der Region, verschwindet jäh von der Bildfläche.

Ein Exitus mit Langzeitwirkung: Knapp acht Jahre später findet Eishockey in Wernau nur noch auf Hobbyebene statt, die Teams heißen Bigfoots oder Revierlöwen und bestreiten im Eisstadion Freundschaftsspiele. Mit der SG Wernau-Esslingen verschwand die letzte Publikumsattrak-tion vom Wernauer Eis ein Nackenschlag auch für Werner Jontza. "In mir brach damals ein Stück weg", sagt der Mann, der die Wernauer Eishockeyszene seit den Anfängen in den Achtzigerjahren kennt.

Seinerzeit ging der ESC Wernau ins Rennen mit dem legendären Präsidenten Wolfgang Zivny und einem Spielertrainer namens Kenneth Glemser, der erstens die Mannschaft zum Erfolg führte und zweitens sich selbst ins Abseits: Wiederholt grob unsportliche Attacken auf dem Eis brachten dem Kanadier eine Langzeitsperre durch den Deutschen Eishockey-Bund (DEB) sowie den Ausschluss aus dem Verein ein. Schon Wernaus erstem Eishockey-Verein haftete dereinst Skandalöses an bei einem Finanzcheck fehlten 35 000 DM Zuschauereinnahmen in der Kasse.

Juristereien, Skandale, Finanzdesaster: Wie ein roter Faden ziehen sich solche Überschriften durch zwei Jahrzehnte Wernauer Eishockeygeschichte. Kaum ein Club, der neben dem Eis am Ende positive Schlagzeilen schrieb drei davon gingen pleite. Was haften blieb, sind freilich auch viele sportliche Erfolge sowie Spieler(stars) aus dem Ausland: Welcher ältere Wernauer Eishockey-Fan erinnert sich nicht gerne an "Tormaschine" Mike Rosendahl, den stoisch ruhigen Torhüter Alain Poulain oder Oleg Choulaev? Auch Verteidiger Milan Vagner der Tscheche, den Erfolgscoach Jiri Bolehofsky Mitte der Neunzigerjahre nach Wernau geholt hatte hat dank seiner ausgebufften Technik noch hohen Erinnerungswert. Vielleicht auch deswegen, weil Vagner nach seinem Karriereende in Wernau eine neue Heimat gefunden hat: Dort arbeitet er als Stukkateur.

Typen wie Milan Vagner und nicht unsolide arbeitende Clubpräsidenten sind es, die Werner Jontza als "echter Eishockeyfan" auf dem Wernauer Eis gerne wiedersehen würde. "Leider ist die Aussicht, dass Wernau wieder zur Eishockey-Hochburg wird, derzeit nicht sehr groß", sagt er. Es fehle an guten Funktionären.