Lokalsport

Die Spanier mit den besten Karten

Ab heute gilt‘s: Wer wird Weltmeister?

Wer wird Fußball-Weltmeister, wenn nicht Deutschland? Die brennendste Frage der kommenden vier Wochen beschäftigt nicht nur unsere Leser, sondern auch das hauseigene Expertenteam. Von unseren freien Mitarbeitern in der Redaktion, die Woche für Woche die lokalen Sportstätten beackern, wollten wir wissen: Wer hält am 11. Juli in Johannesburg den Pokal in der Hand?

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Bernd Köble

Kirchheim. Ball flach halten, heißt es für Reimund Elbe (47) im richtigen Leben, wenn es um Reizthemen wie Autobahnmaut oder Tempolimit geht. Als Fußballexperte ist der Pressechef des ADAC Baden-Württemberg ein Freund hoher Ballkunst und tempogeladener Ballstafetten. Deshalb steht für ihn fest: Spanien wird Weltmeister. „Weil sie nicht nur den schnellsten Fußball spielen, sondern auch taktisch mächtig aufgeholt haben. Schön aber erfolglos, das war einmal,“ meint er. „Bei den Spaniern stimmt einfach das Gesamtpaket.“ Als Endspielgegner tippt „rei“ auf Argentinien. „Mit Messi und Milito haben die den besten Sturm des gesamten Turniers, vorausgesetzt, Messi kann nach dieser knüppelharten Saison seine Form halten.“ Und Jogis Buben? „Das Viertelfinale wäre für die junge Mannschaft ein schöner Erfolg, mehr ist nicht drin.“ Ballacks Verlust hält er für gravierender als viele behaupten. Mit ihm fehle der Leitwolf in der Mannschaft. „Es gibt einfach zu viele Teams, die besser ausbalanciert sind.“

In die gleiche Kerbe haut auch Klaus-Dieter Leib (51). Der radelnde Postbote liebt das Tempo schon von Berufs wegen und deshalb sieht auch er die Spanier vorn. Der Europameister stellt für ihn die taktisch und spielerisch beste Mannschaft auf dem Papier. Besser noch als Rekord-Weltmeister Brasilien, die „kdl“ als Finalgegner auf der Rechnung hat, „weil die Brasilianer ihre besten Turniere bisher immer außerhalb Europas gespielt haben.“ Für die deutsche Elf tut es ihm leid, denn: „Im Viertfinale ist Schluss. Dort werden wir auf Argentinien treffen, und die sind momentan noch eine Nummer zu groß.“ Noch einmal so viel Glück wie im Elfmeterschießen vor vier Jahren, werde man sicher nicht wieder haben.

Dass Spanien als der Deutschen liebstes Urlaubsziel firmiert, ist faktisch belegt. Doch scheinen die Iberer hierzulande auch fußballerisch einen mächtigen Stein im Brett zu haben. Jedenfalls hält auch Helge Waider (47) große Stücke auf Torres, Villa, Xabi´ und Co., und dies, obwohl er die schönsten Tage des Jahres eigentlich am liebsten auf Sylt verbringt. „Die Spanier werden das Rennen wohl machen“, glaubt er, „die haben die beste Spielkultur und die größte individuelle Klasse.“ Den Einzug ins Finale traut auch er am ehesten den Brasilianern zu. „Das wäre auch optisch ein Leckerbissen.“ Immerhin: Die deutsche Mannschaft sieht „wai“ im Halbfinale. „Für mehr allerdings sind die Jungs noch zu unerfahren.“ In einem Punkt widerspricht er seinem Kollegen Elbe energisch: „Der Ausfall von Ballack ist eine große Chance, den Umbruch konsequent voran­zutreiben.“

Ist es die größere Erfahrung oder schlichter Zweckpessimismus? Klaus Schlütter (68) jedenfalls macht eine ganz andere Rechnung auf. Der langjährige BILD-Redakteur blickt den Tatsachen ins Auge, auch wenn‘s weh tut, weil es sich bei seinem Favoriten nach eigenem Bekunden um eine Hassliebe handelt: „Die Schauspieler aus der Mailänder Scala werden erneut Weltmeister“, glaubt „ks“ und findet sich damit mit der Tatsache ab, dass er seine letzte Pizza zwischen Neckar und Albtrauf fürs Erste wohl gegessen hat. Der „aufgewärmte Catenaccio“ der Italiener sei zwar nicht gerade ein Geschenk für Anhänger des Offensivfußballs, dafür aber meist erfolgsversprechend. Der Mann muss wissen, wovon er spricht, schließlich ist Südafrika seine erste WM seit Chile 1962, die er daheim vor dem Fernseher verbringt. Zehnmal war er in den Stadien dabei, neunmal als Berichterstatter. Sein Endspiel-Tipp: eine Neuauflage des Finales von Mexiko 1970 mit Brasilien. Weil er damals trotz Presse-Akkreditierung keinen Zutritt zum Innenraum erhielt, ließ er sich kurzfristig als Rotkreuzhelfer eintragen. Der Lohn für den Coup: eine Ehrenrunde an der Seite Pele´s. Trainer Carlos Dunga kennt Klaus Schlütter aus dessen Stuttgarter Zeiten. „Er hat den ballverliebten Brasilianern deutsche Tugenden beigebracht.“ Apropos Deutschland: „Der Mannschaft gehört die Zukunft“, glaubt Klaus Schlütter. „Doch Südafrika kommt zu früh.“ Seine Prognose: „Wir werden die Gruppe überstehen, von da an wird‘s zur Lotterie.“

„Wir Frauen haben einen Hang zur Ästhetik“, meint Ulrike Weissinger (39) augenzwinkernd und hält es deshalb mit den Brasilianern und deren Fußballkunst. Die Pressesprecherin des VVS in Stuttgart bekennt sich offen zu ihrem WM-Favoriten: „Das waren in der Vergangenheit meist die attraktivsten Spiele.“ Als Gegner tippt „uli“ auf Maradonas Argentinier. Das WM-Finale 2010 – ein südamerikanisches Nachbarschaftsduell? In der Unerfahrenheit der deutschen Elf sieht auch sie das größte Risiko, trotzdem glaubt sie, dass Özil, Marin, Boateng oder Khedira in Südafrika über sich hinauswachsen und dem Ruf der Deutschen als Turniermannschaft gerecht werden können. „Wir spielen um Platz drei und schlagen dort Südafrika.“

Das kleine Finale hält auch Walter Rau (33) für realistisch. „Wir haben eine junge, dynamische Mannschaft, der allerdings die Reife fehlt.“ Deshalb wird für ihn viel davon abhängen, wie gut das DFB-Team ins Turnier startet. Der Geschäftsführer der VfL-Fußballabteilung glaubt zwar an den Gruppensieg, doch in den K.o.-Spielen wird sich die fehlende Erfahrung bemerkbar machen. Was den Titel anbelangt setzt „wr“ als Einziger auf Oranje. „Die wurden bisher immer hoch gehandelt und wären endlich einmal fällig“, meint er. Seine größte Sorge: Dass Argentinien am Ende den Pokal in Händen hält. „Bei aller Ehre – wer einen Mann wie Maradona an die Spitze stellt, wäre der falsche Weltmeister.“