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Die Werbe-Tour

Radsport Der Weilheimer Jannik Steimle startet nach seinem Wechsel zum Continental-Team Vorarlberg mit ehrgeizigen Zielen in seine letzte Saison als U23-Fahrer. Von Bernd Köble

Zuversichtlich beim Redaktionsgespräch: Jannik Steimle will 2018 durchstarten. Foto: Markus Brändli
Zuversichtlich beim Redaktionsgespräch: Jannik Steimle will 2018 durchstarten. Foto: Markus Brändli

Es gibt Tage, da träumt man auch als 21-Jähriger schon mal von barrierefreiem Wohnen. Die Treppe zu den Redaktionsräumen im ersten Stock ist an diesem Morgen eine echte Herausforderung. Erst am Abend zuvor ist Jannik Steimle aus Spanien zurückgekehrt. Das Trainingslager an der Costa Blanca war bereits das dritte seit November. Die Pause war kurz. Bei den Radprofis beginnt die Vorbereitung auf die neue Saison bereits lange vor Weihnachten. 7 000 Trainingskilometer hat er seitdem in den Beinen. So viel wie nie zuvor.

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2018 soll für den Weilheimer zu seinem Jahr werden. Es ist sein letztes als U23-Fahrer und ein neuer Anlauf nach einer Saison, die enttäuschend begann und wenigstens versöhnlich endete. Knieprobleme nach Überlastung im Frühjahr, nervige Rennpausen, der zwangsweise Verzicht auf die Österreich-Tour, die als Saisonhöhepunkt eingeplant war. Im August dann die beeindruckende Rückkehr mit Platz drei auf der vierten Etappe der Tschechien-Rundfahrt.

Jetzt also der Neustart. Mit einem neuen Team, mit neuen Zielen und vor allem: mit neuer Motivation. Der Wechsel von Felbermayr zum Team Vorarlberg, vom Osten in den Westteil der Alpenrepublik, ist der nächste Versuch aus der dritten Liga des Radsports den Sprung nach ganz oben zu schaffen. Sein neuer Vertrag läuft über zwei Jahre, lässt jedoch eine Hintertür offen, sollten am Saisonende höherklassige Teams bei ihm anklopfen. Er weiß: Um das zu schaffen, muss er liefern. Ein Etappensieg bei der Österreich-Schleife, ein Startplatz bei der Tour de l‘Avenir, der weltweit wichtigsten Rundfahrt für Nachwuchsprofis, sind ehrgeizige Ziele.

Ziele, für die er in diesem Winter hart gearbeitet und auf vieles verzichtet hat. Kilometer fressen bei Wind und Wetter, ein strikter Ernährungsplan. 72 Kilo bei einer Körpergröße von 1,88 Meter, das ist hart an der Grenze dessen, was sein Naturell an Leistungsoptimierung zulässt. Er sei „bergfester“ geworden, sagt er. Jetzt gilt es, die richtige Balance zwischen Gewichtsreduktion und Substanzerhalt zu finden. Schließlich liegen seine Qualitäten nach wie vor im Sprint und auf welligem Terrain, wo der richtige Punch den Unterschied ausmacht. 5,8 Watt pro Kilo Körpergewicht - das sind Leistungsdaten, die sich sehen lassen können. Vor allem deshalb, weil sie denen im Vorjahr zur Saisonmitte gleichen. Jetzt ist Februar und die Saison hat gerade erst begonnen. Das Auftaktrennen am vergangenen Sonntag in Ligurien war noch kein Maßstab. Zu hart, zu bergig für diesen frühen Zeitpunkt. Steimle landete weit hinten im Hauptfeld.

„Meine Rennen werden kommen“, sagt der Jungprofi, der im April seinen 22. Geburtstag feiert. Erste echte Bewährungsproben werden zwei Eintagesrennen in der letzten Februarwoche in Kroatien sein. Geduld ist auch das, was sein Teamchef von ihm fordert. „Jannik ist ein schneller Mann“, meint Thomas Kofler, „aber er ist noch jung, seine Zeit wird kommen.“ Kofler hat den Rennstall mit Sitz in Rankweil vor knapp zwei Jahrzehnten aus der Taufe gehoben. Jetzt erwarten den 45-Jährigen und seine Mannschaft ein Jahr voller Höhepunkte. Die Österreich-Tour startet am 7. Juli zum ersten Mal in Feldkirch und damit fast vor der eigenen Haustür. Ende September ist Innsbruck Gastgeber bei der WM, wo die Equipe aus dem benachbarten Vorarlberg im Teamzeitfahren am Start sein wird. 16 Fahrer stehen unter Vertrag. Kapitän und Steuermann ist der 27-jährige Schweizer Patrick Schelling, der Klassementfahrer im Team.

Jannik Steimle ist der Viertjüngste und trotzdem, so sagt er, deutlich reifer geworden. Eine Saison wie die letzte, in der er das Glück erzwingen wollte und prompt dafür bestraft wurde, hat ihren Teil dazu beigetragen. „Ich habe gelernt, Ruhe zu bewahren, nicht alles mit der Brechstange anzupacken“, sagt er heute. Die nötige Ruhe zwischen den Rennen findet er daheim in Weilheim, wo er mit Freundin im Elternhaus wohnt. Dort bestimmt der Radsport den Takt. Die ganze Familie hat sich inzwischen seinem Ernährungsplan unterworfen. Die Mutter kocht, der Vater ist sein Partner beim Motortraining auf der Alb, wenn es heißt, im Windschatten des Motorrollers Schlagzahl zu halten. Nur um die Schwester macht er regelmäßig einen weiten Bogen. „Die bäckt wie verrückt“, stöhnt Jannik Steimle. „Jede Woche anderen Kuchen.“