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„Dirk hat mich damals sehr unterstützt“

Mann mit Vergangenheit: Knights-Neuzugang Julian Sensley

Er ist der Mann mit der wohl schillerndsten Biografie, die je ein Basketballer in Kirchheim hatte. In acht Profijahren hat er in 13 Ländern gespielt, er war Nationalspieler an der Seite von Dirk Nowitzki und er träumt von einem Leben nach dem Basketball, dort wo er aufwuchs: auf Hawaii. Warum er seit dem Jahreswechsel das Knights-­Trikot trägt und warum darauf immer die 14 steht, verrät Julian Sensley im Interview.

Kirchheim Knights Julian Sensley
Kirchheim Knights Julian Sensley

Hi, Julian. Gut durch den Schnee gekommen vor Weihnachten?

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Sensley: Oh, Mann. Das war echt hart. Das Wetter hier ist wirklich nicht mein Ding. Ich vermisse die Sonne.

Gratulation zu Ihrem ersten Auftritt als Topscorer in Würzburg.

Sensley: Ich hätte stattdessen lieber gewonnen. Aber gut, mir hat es geholfen, meine Nervosität abzulegen.

Nervös? Bei all der Erfahrung?

Sensley: Ich war wahnsinnig nervös. Man darf nicht vergessen, das war mein erstes Spiel seit ich im April Venezuela verlassen habe. Dazwischen war im Juli eine Knie-Operation. Da weiß man nicht, wo man steht.

Und wo stehen Sie?

Sensley: Ich würde nicht sagen, dass ich außer Form bin, aber ich muss konditionell noch an mir arbeiten. Dass ich nach dem Ausfall von Jordan gleich im ersten Spiel mehr als 30 Minuten auf dem Spielfeld stehen würde, damit habe ich nicht unbedingt gerechnet.

Was ist in Würzburg im ersten Viertel passiert, als ihr plötzlich mit 16:32 zurückgelegen habt?

Sensley: Ich glaube, das Problem war im mentalen Bereich. Wir waren anfangs vielleicht zu überdreht, gleichzeitig aber im Kopf zu langsam, vor allem in der Defensive.

Wenn man so oft das Team gewechselt hat, lernt man dadurch, sich schneller auf neue Bedingungen einzustellen?

Sensley: Es ist immer harte Arbeit, wenn man in ein neues Team kommt. Du musst nun mal wissen, wie deine Teamkollegen ticken, wie der Ball läuft. Das fällt umso leichter, wenn der Kader komplett ist. Das ist leider das Problem zurzeit. Zuletzt hat Jordan gefehlt. In ein bis zwei Wochen kommt Enosch zurück. Das macht es natürlich nicht einfacher. Ich muss jetzt sehr schnell neue Abläufe lernen. Dafür sind wir Profis.

Wie groß ist Ihre Sorge, dass die Saison um ist, noch ehe Sie ihr eigentliches Potenzial ausschöpfen konnten?

Sensley: Natürlich macht man sich darüber Gedanken, aber ich bin ein positiver Mensch. Ich habe Basketball schon auf höherem Niveau gespielt, da profitiert man auch von Erfahrungen, die einem in solchen Situationen Sicherheit geben.

Wie geht es Ihrem Knie?

Sensley: Das Knie ist in Ordnung. Der Eingriff war ja schon im Juli, Auch keine richtige Operation, nur eine Arthroskopie. Nein, das ist alles O.K., das Einzige, was noch besser werden muss, ist die Kraft im Bein.

Sie sind vermutlich der einzige deutsche Nationalspieler, der kein Wort deutsch spricht und der noch nie in Deutschland gelebt hat. Wie kam das denn?

Sensley: 2004 hat mich ein Offizieller vom Verband angerufen und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen. Ich sagte, soweit ich weiß, braucht man dafür einen deutschen Pass. Er meinte, ich hätte doch eine deutsche Mutter, da ließe sich was machen. 2006 hatte ich den Pass und Dirk Bauermann lud mich nach Hamburg zum ersten Länderspiel ein. Meine Großeltern waren da, die in Hamburg leben und meine Mutter. Für sie war es die erste Rückkehr nach 30 Jahren.

Sie standen zwei Jahre in der Mannschaft, haben 14 Länderspiele absolviert, gemeinsam mit Dirk Nowitzki. Wie haben Sie ihn damals erlebt?

Sensley: Über Dirk ist eigentlich alles gesagt und geschrieben. Er ist großartig, nicht nur als Spieler. Ich war mit 23 einer der Jüngsten in der Mannschaft. Spieler wie Femerling, Okulaja oder Roller waren alle deutlich älter. Dirk hat mich damals sehr unterstützt. Wahrscheinlich weil er meine Situation kannte. Er kam zu Beginn seiner NBA-Karriere ja selbst als Rookie in die USA, ohne Erfahrung und ohne die Sprache richtig zu beherrschen. Ich bin ein großer Fan von ihm. Deshalb trage ich überall immer die 14 – Dirks Trikotnummer.

Ihre Mutter stammt aus Rostock, Sie sind in New Orleans geboren. Wie kam es, dass Sie auf Hawaii aufgewachsen sind?

Sensley: Meine Mutter ist 1976 aus Ostdeutschland ausgewandert, als sie meinen Vater kennenlernte. New Orleans war damals anders als heute, ein sehr gefährliches Pflaster, viel Armutskriminalität. Als ich geboren wurde, saß mein Vater im Gefängnis wegen mehrerer kleinerer Delikte. Er kam raus, als ich drei war. Danach entschieden sich meine Eltern wegzuziehen. Sie wollten, dass ich an einem besseren Ort aufwachse.

Trotzdem hat es Sie nach dem College weggezogen. Die letzten acht Jahre betrachtet, hielten sie es nirgends besonders lange aus. Sind sie ein Getriebener oder einfach neugierig auf Neues?

Sensley: Sieht so aus, als wäre ich ein rastloser Mensch. Natürlich wäre es schön, etwas mehr Stabilität im Leben zu haben. Aber Profibasketball außerhalb den USA ist anders. Egal, ob in Europa, Asien oder Südamerika. Da gibt es keine Verträge über mehrere Jahre. Ich bin immer dem Basketball gefolgt. Dort, wo ich eine Chance gesehen habe, habe ich sie genutzt.

Wie wichtig ist Geld dabei?

Sensley: Geld ist immer wichtig. Jedes neue Angebot, dass ich angenommen habe, war immer ein besseres. Je älter du wirst, desto wichtiger werden aber andere Dinge. Wo fühle ich mich wohl, welches Team passt zu mir oder in welcher Stadt möchte ich gerne leben?

Letzte Station war Venezuela, das Land mit der zweithöchsten Mordrate der Welt.

Sensley: Ja, aber das gilt in erster Linie für die Hauptstadt Caracas. Ich habe im Osten gewohnt, in Puerto Ordaz. Dort ist es ruhiger. Mein Coach war Carl Herrera, der in den Neunzigern mit den Houston Rockets zweimal NBA-Champion war. Er hat mich in meinem Spiel weitergebracht.

Was war aus Ihrer Sicht der beste Ort, um Basketball zu spielen?

Sensley: Südkorea. Die Bedingungen dort sind unglaublich. Wohnung, Trainingsstätten, tolle Fans und immer brechend volle Hallen. Da kann selbst die NBA nicht mithalten.

Wie passt Kirchheim in diese Reihe?

Sensley: Kirchheim war der einzige Klub, der mir die Chance gegeben hat, in Deutschland Fuß zu fassen. Ich habe noch nie in der BBL gespielt. Das wäre noch ein Ziel. Ich denke, ich habe noch vier, fünf gute Jahre vor mir. Ich fühle mich deutlich jünger als 32.

Es gibt Menschen, die halten Sie für einen schwierigen Charakter. Haben Sie eine Idee warum?

sensley: Ich glaube, das hängt mit meiner Zeit in der Nationalmannschaft zusammen. Ich kam damals vom College als sehr talentierter, junger Spieler in eine relativ alte Mannschaft, in der viele kurz vor dem Karriereende standen. Ich war der Meinung, ich hätte eine größere Chance verdient. Ich habe Dirk Bauermann damals nicht verstanden und er hat mich nicht verstanden. Das hat einfach nicht gepasst.

Sie haben einen achtjährigen Sohn, der bei der Mutter in Kalifornien lebt. Was wäre ein lohnendes Ziel nach dem Karriereende?

Sensley: Wieder in Hawaii zu leben mit Familie. Das vermisse ich schon. Vielleicht ein Jahr Auszeit nehmen und das Leben genießen. Vielleicht als Coach arbeiten.