Lokalsport

„Doper sind Betrüger“ – oder Opfer

Das erste Kirchheimer Sportforum: Viele verschiedene Meinungen zu einem echten Reizthema

Das erste Sportforum des Teckboten und der Südwestpresse – es hielt, was es versprach: Zweieinviertel Stunden lang gab es kontroverse Debatten um das Reizthema „Was läuft schief im Kampf gegen Doping?“ Fast 400 Neugierige in Jesingen lauschten den Promis aus Sport, Verband und Kommune gespannt.

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Thomas Pfeiffer

Kirchheim. Sie ist Fan des FC Nürnberg („hoffentlich steigen die auf“), 29 und frühere Hockeyspielerin in der ersten Bundesliga. Beim ersten Sportforum des Teckboten und der Südwestpresse in der brechend vollen Jesinger Gemeindehalle betrieb Anja Berninger allerdings weniger Selbstdarstellung als vielmehr positive Außendarstellung der Nationalen Doping Agentur (Nada), deren Justiziarin sie seit zweieinhalb Jahren ist. Spätestens seit sich der Verband bei der Jagd nach Dopern und Dope intelligenter Lösungen in Form von Athleten-Profilen bedient und Sportarten nach ihrem Gefahrenpotenzial klassifiziert („Radsportler, Schwimmer, Leichtathleten, Gewichtheber und Triathleten gehören zur größten Risikogruppe“), sei er auf dem richtigen Weg.

Berninger („wir bei der Nada sind ein junges, ehrgeiziges Team“) verteidigte den aktuell gültigen Maßnahmenkatalog der Nada verhement: Zuletzt hatte selbst „Der Spiegel“ kritische Worte über den „mäßigen“ Aufwand und Ertrag der Organisation gefunden. Doch im gleißenden Schweinwerferlicht der Jesinger Bühne hatte die Bonnerin am Montagabend einen schweren Stand. Gefahr drohte aus ihrer Sicht vor allem von Linksaußen: Dort hatten sich die Nada-Kritiker Professor Dr. Helmut Digel und Lado Fumic postiert. Der Mountainbike-Profi, der in der gängigen Kontrollpraxis mit präziser Offenlegung des Athleten-Terminkalenders drei Monate im Voraus sozusagen die Entmündigung eines ganzen Standes sieht, warf Provokatives in die Debatte. „Nicht jeder Sportler ist ein Verbrecher“, sagte er.

Für Lado Fumic, der zusammen mit Bruder Manuel inzwischen unter slowenischer Lizenz durch den Weltcup tourt, steckt die hierzulande laufende Dopingdebatte voller Hype und Ungerechtigkeit. Der Mann mit den kroatischen Wurzeln malte das Bild des degradierten Profis. Fumic brachte ein konkretes Beispiel: „Nehmen Sie das Schmerzmittel Wick Medinait. Jeder Bürger kann das in der Apotheke kaufen und konsumieren. Tut das ein Leistungssportler, wird er wegen der enthaltenen Substanzen positiv getestet und gesperrt.“

Der Konter ließ nicht lange auf sich warten und kam von Helmut Digel. „Wegen Wick Medinait ist noch kein Sportler für zwei Jahre gesperrt worden“, sagte der Tübinger Sportwissenschaftler. Ansonsten war der 65-Jährige mit Fumic einig, dass Nada-Kontrollpraktiken ineffizient bis nutzlos seien. „Mit den Whereabout-Meldungen ist der Athlet doch überfordert“, sagte Digel und meinte: Keiner könne ein Vierteljahr im Voraus planen. Ohnehin sei der Zukunfts-Faktor der entscheidende Fehler im System: „Kontrollen machen nur dann Sinn, wenn sie ohne jede Vorwarnzeit passieren.“

Mit der turnusmäßigen Meldepflicht des Athleten bei der Nada hat Speerwerfer Peter Esenwein kein Problem. Der 41-jährige Uhinger, der bei der „Heim-WM“ in Berlin Mitte August nach langer Verletzungspause auf internationalem Parkett endlich wieder mitmischen will, klagt trotzdem an: In Deutschland malten die Kontrollmühlen schneller als anderswo, im Ausland „lächeln die Athleten milde über uns“. Esenwein, dessen persönliche Bestmarke bei 87,20 Metern steht und meilenweit vom aktuellen Weltrekord des Tschechen Jan Železný (98,48 m) entfernt ist, will wissentlich dopende Sportlerkollegen gleichwohl genauso abgeurteilt wissen wie es das das gemeine Volk tut: „Doper sind Betrüger.“

Über die moralische Verwerflichkeit des bewussten Dopingvergehens im Wettkampfsport waren sich inklusive des Moderatorenpaares Bernd Köble (Teckbote) und Ute Gallbronner (SWP) alle einig, doch die Analysen über die Motivlagen der „Sünder“ differierten. Während Berninger („es kann mir keiner erzählen, versehentlich in eine Epo-Spritze gefallen zu sein“) und Digel („Doping ist nicht Medikamentenmissbrauch, sondern gezielte Manipulation“) jedes Vergehen als individuellen Fehltritt geißeln, sieht Dr. Michael Lehner in fast jedem Dopingfall eher ein gesellschaftliches Problem. Der Schumacher-Anwalt, der schon Rad-Größen wie Jörg Jaksche und Patrik Sinkewitz in bekannten Fällen juristisch begleitete, erkennt in manchem Dopingsünder ein Dopingopfer, ein Opfer des allgemeinen Leistungsdrucks. Zu viele fänden sich nicht zurecht.

Einen Schritt weiter geht Günter Riemer. Der Kirchheimer Bürgermeister und Vorsitzende des Württembergischen Radsport-Verbandes (WRSV) seit 2002 sieht die Dopingproblematik auch als Folge einer gewachsenen Medienlandschaft, in der „über Sieger und nicht über Platzierte berichtet“ wird. So etwas setzt Signale – für Riemer, der ein Herz für den Nachwuchssport und fundierte Ausbildungsstätten hat, sind es die falschen Signale.

Was läuft schief im Kampf gegen Doping? So hieß das Thema dieses ersten Sportforums in Jesingen. Eine Antwort darauf gibt es nicht – es gibt viele Antworten.