Lokalsport

Ein belgischer Virtuose, von zwei Leidenschaften beflügelt

Louis Dresse hat zwei große Leidenschaften, und in beiden Fällen braucht er die passenden Flügel: In Kirchheim ist der 51-jährige Belgier derzeit als Teilnehmer des Hahnweid-Wettbewerbs zu Gast. Das Fliegen ist eines seiner Hobbys seit frühester Kindheit. Sein anderes Hobby ist das Klavierspielen. Beide Leidenschaften lassen sich nicht immer richtig miteinander vereinbaren. Intensiviert Louis Dresse die eine Passion, hat unweigerlich die andere darunter zu leiden.

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Andreas Volz

Kirchheim. „Ich bin hier zum Fliegen“, sagt Louis Dresse, „und beim Segelfliegen musst du voll konzentriert sein.“ Deshalb will er auch höchstens in den Abendstunden am Klavier üben, wenn die fliegerische Tagesaufgabe hinter ihm liegt. Die andere Möglichkeit, an den Flügel eilen zu können, besteht bei schlechtem Wetter. Das wäre zwar durchaus im Sinn des Pianisten Louis Dresse, aber natürlich hätte der Segelflieger Louis Dresse etwas dagegen einzuwenden.

Trennen kann er übrigens deutlich zwischen seinen beiden Passionen: Auf die Frage, ob er im Segelflieger seine Musik im Kopf hat, antwortet er klar und deutlich: „Fliegen ist Fliegen, und das ist immer auch gefährlich. Ich will aber ein alter Pilot werden.“ Deshalb hört er im Cockpit keine Musik. Deshalb hat er auch ein Konzert verschoben, das eigentlich nächsten Monat hätte stattfinden sollen: „Meine Klavierlehrerin hat gesagt, dass es zu gefährlich wäre, wenn ich beim Fliegen nur an Musik denke.“

Und was die Klavierlehrerin sagt, das gilt bei Louis Dresse. Schließlich handelt es sich bei Marie-Paule Cornia aus Lüttich um „eine der besten Klavierlehrerinnen Belgiens“. Seit vier Jahren hat er bei ihr Unterricht. Das Programm für sein Konzert, das er auf Oktober verschoben hat, erarbeitet sie ebenso mit ihm wie das Programm für sein abschließendes Prüfungsvorspiel am Konservatorium im Juni. Dieser Termin ließ sich nicht verschieben, und deshalb brauchte Louis Dresse auch unbedingt ein passendes Klavier in Kirchheim.

Die Veranstalter des Hahnweid-Wettbewerbs nahmen folglich im Vorfeld Kontakt zum Kirchheimer Kulturring auf und bekamen sofort und anstandslos den Flügel im Spitalkeller „vermittelt“. Dass es sich um einen Kawai-Flügel handelt, würde seine Klavierlehrerin sicher freuen, meint Louis Dresse: „Er ist sehr schwer zu spielen, aber das ist hervorragend für die Finger. Da braucht man kräftige Finger, und die kriegt man mit der Zeit auch.“ Was für ihn ebenfalls gewöhnungsbedürftig ist, das ist der Klang des Flügels im Spitalkeller. Es ist eben nicht sein gewohntes „Arbeitsgerät“.

Letzteres gilt auch für die Fliegerei: Am Hahnweid-Wettbewerb nimmt Louis Dresse in der 18-Meter-Klasse teil, und zwar mit einem Leihflugzeug. Die 18-Meter-Klasse hat mit 41 Teilnehmern das größte Starterfeld, und der Belgier hat seine sportlichen Ziele realistisch gesteckt: „Ich würde mich freuen, wenn ich am Schluss in der ersten Hälfte des Klassements liege.“ Am Sonntag war das noch nichts. Da hatte er einen schlechten Tag und belegte in der Gesamtwertung Platz 30.

Und am Montag? Da hatte Louis Dresse Zeit zum Klavierspielen. Mozart, Mendelssohn Bartholdy, Schumann, Chopin, Brahms spielte er, beim Pressetermin alles durcheinander: hier das eine Notenblatt hervorgezogen, da ein anderes und dort etliche Takte auswendig gespielt. Alles gefällt ihm ausgesprochen gut, manches findet er „furchtbar schwierig“ oder gar „verrückt“. Und dann kommt das Hauptproblem: „Ich habe seit vier Tagen nicht mehr gespielt. Das ist viel zu lange. Ich muss jeden Tag üben.“ Deshalb ist er auch nicht recht zufrieden mit der eigenen Leistung am Flügel: „Zu Hause hat das besser geklappt.“ Aber es ist gerade diese Leidenschaft, die ihn zum Weitermachen antreibt. Als Kind haben ihn die Eltern zum Klavierspielen gezwungen. Heute ist er ihnen dafür dankbar: „Ich liebe das Fliegen. Aber die Musik ist für mich noch wichtiger. Ich wäre verzweifelt, wenn ich nicht mehr Klavier spielen könnte.“

Was auch immer Louis Dresse tut, sein Geheimnis lautet: „Du musst alles konzentriert machen: fliegen, musizieren, arbeiten.“ Der Ingenieur, der bei einem namhaften französischen Glashersteller – „der ältesten Firma Frankreichs, gegründet von Finanzminister Colbert unter Ludwig XIV.“ – im Qualitätsmanagement arbeitet, schafft es mit diesem Geheimnis denn auch, alles unter einen Hut zu bringen. Allerdings hat er jetzt die Musik verstärkt, auf Kosten der Fliegerei. Vor ein paar Jahren war Louis Dresse noch Mitglied der belgischen Nationalmannschaft. Damit ist es inzwischen vorbei. Er macht sich auch nicht vor, dass er sich einmal in die Siegerliste des Hahnweid-Wettbewerbs eintragen könnte.

Trotzdem nimmt Louis Dresse den Wettbewerb sehr ernst: „In den nächsten Tagen wird das Wetter gut. Da werde ich wohl nichts anderes tun als fliegen.“ Beim Wettbewerb geht es ihm nur um die Tagesaufgabe, ihr gilt seine volle Konzentration. So wenig, wie er sich am Himmel um die Musik kümmern kann, so wenig schaut er sich während des Wettbewerbs die Landschaft am Albtrauf an. Aber eines hat er trotzdem bereits festgestellt: „Hier ist es sehr schön. Ich komme bestimmt mal wieder her.“