Lokalsport

Ein "Dickkopf" auf dem Weg nach oben

Sie ist ein Rohdiamant, sagt ihre Trainerin. "Ich habe einen ziemlichen Dickkopf", sagt Dorothee Henzler über sich selbst. Nicht wenige trauen dem 12-jährigen VfL-Talent den Sprung an die nationale Spitze zu. Doch in kaum einer anderen Sportart liegen Erfolg und Scheitern enger beisammen als im Kunstturnen.

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Anlaufen, immer wieder anlaufen. Das Gefühl fürs Timing, das Tempo beim Eindrehen zum abschließenden Salto über den Sprungtisch es gibt Tage, da geht nichts zusammen. "Eine Katastrophe", entfährt es der Frau im weiten T-Shirt, die das Ganze vom Rande der Mattenbahn aus beobachtet. Wortlos verlässt das Mädchen im Einteiler die Halle. Minuten später kehrt sie zurück konzentriert und entschlossen. Marie-Luise Probst kennt dieses Ritual. Sie weiß, wann sie die Zügel lockern muss und kennt die Momente, die Unnachgiebigkeit fordern. Seit vier Jahren sind die STB-Landestrainerin und Dorothee Henzler ein Gespann. Drei bis vier Stunden trainieren sie täglich zusammen sechs mal die Woche. Da knirscht es schon mal kräftig. Kunstturnen hat viel mit Psychologie zu tun, mit Ängsten, mit Zweifeln, manchmal auch mit völliger innerer Leere. An solchen Tagen verschwindet das Lächeln aus dem Gesicht der 12-Jährigen, die das Lachen als ihre Lieblingsbeschäftigung angibt. "Wenn ich nicht gerade meinen Dickkopf habe, lach ich den ganzen Tag", fügt sie rasch hinzu.

Einen solchen braucht vermutlich, wer in einer Sportart wie dem Kunstturnen Erfolg haben will. "Turner sind ausgeprägte Individualisten", sagt Marie-Luise Probst. "Die erfolgreichsten sind nicht die einfachsten." Die 36-Jährige Diplom-Sportpädagogin preist Dorothees starken Willen und schwört auf ihr Potenzial. Doch Talent alleine genügt nicht in einer Sportart, die den Athleten Trainingsumfänge wie keine andere abverlangt. Ein Sport, der auch außerhalb der Halle keine Kompromisse duldet. Wenn, wie im weiblichen Kunstturnen, die Pubertät ein ständiger Begleiter ist, findet der Weg zum Erfolg oft ein abruptes Ende.

18 Stunden die Woche verbringt Dorothee Henzler im Kunstturn-Forum hinterm Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion, das gleichzeitig Bundesstützpunkt der Leistungsturner ist. Hinzu kommen vereinzelte Trainingseinheiten mit ihrem Heimatverein, dem VfL Kirchheim. Das klingt enorm und ist doch zu wenig: Mindestens 28 Wochenstunden sollte das Pensum betragen, um ganz nach vorne zu kommen. "Das ist Standard", sagt die Trainerin, die weiß, dass dazu Schule und Training Hand in Hand gehen müssen. Das hieße Abschied nehmen. Abschied von den Klassenkameraden am Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasium, wo die 12-Jährige die sechste Klasse besucht. Aber auch ein Stück weit Abschied vom Elternhaus.

"Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust", gesteht die Trainerin ein. Als Mutter zweier Kinder, die beide erfolgreich turnen, weiß sie, was es für den Nachwuchs heißt, morgens um sechs das Elternhaus zu verlassen, um frühestens abends um sechs wieder daheim zu sein. Schule, Mittagessen, Training, Hausaufgaben das Stuttgarter Wirtemberg-Gymnasium als Partnerschule des Sports würde dies ermöglichen, nur einen Steinwurf weit vom Kunstturn-Forum entfernt. Der mögliche Wechsel aufs Sportinternat trifft nicht nur im Elternhaus in Notzingen auf Skepsis. Auch Dorothee zögert noch. "Wir versuchen, unter Extrembedingungen einen gemeinsamen Weg zu finden", sagt Marie-Luise Probst und fügt hinzu: "Die Entscheidung muss letztlich Dorothee selbst treffen."

Mit der Berufung in den nationalen C-Kader Mitte vergangenen Jahres hat das zierliche Mädchen mit dem ansteckenden Lachen die Tür zur großen Turnbühne aufgestoßen. Wesentlichen Anteil daran hat die erfolgreiche Jugendarbeit in Reihen des VfL Kirchheim. Michaela Pohl, die seit mehr als zehn Jahren der VfL-Talentschule ihren Stempel aufdrückt, hat inzwischen 20 Mädchen in ihrer Obhut, die allesamt in Leistungskadern turnen. "Eine solche Leistungsdichte findet sich nur dort, wo es Turnverrückte gibt", meint Marie-Luise Probst anerkennend.

Für Dorothee Henzler ist das Jahr 2005 bereits ein richtungsweisendes: Über die Länderkämpfe und die deutschen Meisterschaften könnte sie schon in diesem Jahr die Qualifikation für die WM 2007 in Stuttgart schaffen. Doch weil die Altersspanne bei den Kunstturnerinnen kurz bemessen ist, gelten die olympischen Zyklen als das Maß aller Dinge. "2008 in Peking wäre Dorothee startberechtigt", meint ihre Trainerin knapp, ohne sich auf eine Prognose einzulassen. In ihren Paradedisziplinen, dem Schwebebalken und am Boden, traut sie ihrem Schützling zumindest die Norm für die Weltmeisterschaften vor der eigenen Haustür zu. "Das müsste Motivation genug sein."

Einmal bei Olympischen Spielen dabei zu sein, egal mit welcher Platzierung, beschreibt Dorothee Henzler ihren eigenen Traum. "Ich glaub' das könnte klappen." Sie, die gerne malt und später einmal Schauspielerin werden will, zeigt sich selbstbewusst und reichlich ausgeschlafen. Kein Wunder: "Schlafen tu' ich am liebsten", verrät sie mit einem Lachen. "Weil ich so ein Morgenmuffel bin."