Lokalsport

Ein (Doppel-)Leben für den Randsport

Volker Keuper wird regelmäßig zum Faust: Genau wie der Goeth‘sche Held muss der 52-Jährige aus Kirchheim regelmäßig feststellen, dass auch in seiner Seele zwei Herzen wohnen. Wo Faust sich nicht zwischen Leben und Wissenschaft entscheiden kann, ist er jedoch zwischen zwei Sportarten zerrissen: Keuper spielt seit 40 Jahren Faustball und seit 35 Schach – ein (Doppel-)Leben für den Randsport.

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Peter Eidemüller

Kirchheim. VfL oder SC? Nicht selten stellt sich für Volker Keuper am Wochenende diese ganz persönliche Gretchenfrage: Die beiden Kirchheimer Vereine sind für den gebürtigen Saarbrückener seit seinem Umzug unter die Teck vor 20 Jahren sportliche Heimat. Faustball im VfL, Schach im SC – für beide Randsportarten zusammen ist der 52-Jährige an rund 16 Wochenenden im Jahr auf Achse.

Müsste er tatsächlich mal eine Disziplin aufgeben, wüsste er auf Anhieb nicht, welche. Zu groß ist die Verbundenheit zu den Clubs, zu genau weiß er, dass hier wie dort jeder Akteur nahezu unentbehrlich ist. „In beiden Vereinen ist die Personaldecke momentan ziemlich dünn“, seufzt Keuper. Beispiel Schach: Für das Landesligateam bekommt der SC, bei dem Keuper auch die Kassierfunktion innehat, zwar seine obligatorischen acht Spieler zusammen. Allerdings stehen im günstigsten Fall nur zwei oder drei Ersatzdenksportler zur Verfügung. Dabei ist Volker Keuper, der am Brett sechs auf die Jagd nach gegnerischen Königen geht, nicht der einzige SC-Crack, den es mitunter zu ersetzen gilt: Wolfhart Umlauft, Kraft seiner Fähigkeiten eigentlich am dritten Bett einsetzbar, ist regelmäßig in der Bridge-Bundesliga aktiv – ein Bruder im Geiste für Volker Keuper. „Wenn‘s mal Terminkollisionen gibt“, erzählt der, „dann entscheide ich mich meist fürs Faustball.“ Diese Entscheidung ist jedoch eher von Pragmatismus als von Vorliebe geprägt. „Im Schach bin ich leichter ersetzbar“, schmunzelt er.

Anders im Faustball: Ohne Keuper, der in seiner Jugend im württembergischen Auswahlkader stand, läuft in der Kirchheimer M45-Truppe wenig: Für seine Position des Hauptangreifers, eine von fünf in einem Faustballteam, gibt es keinen gleichwertigen Ersatz. Da der VfL-Kader aus nur sieben Spielern besteht, kommen die Altersklassensportler bei ihren Einsätzen mehr ins Schwitzen als ohnehin schon. „Wenn du drei Spiele hintereinander mit nur zwei Minuten Pause dazwischen machst, ist das ziemlich anstrengend“, schildert Keuper den jüngsten Spieltag in Kirchheim, der für ihn ein nicht alltäglicher war.

Während sich seine Mannschaftskameraden nämlich schon in der Walter-Jakob-Halle warmmachten, brütete Keuper knapp vier Kilometer entfernt im Ötlinger Haus der Vereine noch über der optimalen Schachstrategie – VfL und SC spielten ausnahmsweise beide daheim, für Keuper ein sportlicher Mammuttag: vormittags Schach, nachmittags Faustball, insgesamt neun Stunden unterwegs in Sachen Randsport.

Da drängt sich zwangsläufig die Frage nach dem Warum auf. „Es ist Entspannung, ein guter Ausgleich zum Beruf.“ Den hat Keuper auch nötig: Als Hauptkommissar bei der Bereitschaftspolizei Göppingen ist er oft bei Großveranstaltungen wie Nato-Gipfeln oder Castor-Transporten dabei. Im Tagesgeschäft ist er verantwortlich für alle bei der „Bepo“ tätigen Lehrer, plant deren Einsätze und ist darüber hinaus auch selbst unterrichtend tätig – als passioniertem Schachspieler liegt ihm jene analytische Vorgehensweise, die er den Beamten in spe vermittelt, regelrecht im Blut.

Faustball und Schach sind übrigens nicht das Einzige, was selbiges bei Keuper in Wallung bringt. Zusammen mit Ehefrau Ute fegt er einmal pro Woche über das Parkett der Tanzschule Winkle. „Schon vor Jahren haben wir das Goldabzeichen gemacht“, verrät er seine dritte große Sportpassion. Darüber hinaus besitzt er auch noch einen Tauchschein. „Das ist ein faszinierender Sport“, schwärmt er, „leider fehlt mir da die Zeit zu.“ Vielleicht ist das auch ganz gut so – nicht, dass am Ende noch mehr Herzen in seiner Seele Platz finden müssen.