Lokalsport

Ein Hörspiel in zwei Akten

In ihrer Welt gibt es kein Licht und keine Schatten, keine Farben und auch keine Formen. Es sei denn, sie lassen sich ertasten. So wie der Ball, den sie in Händen hält. Auf den ersten Blick ist Kadriye Uyar ein ganz normaler Teenager, der Spaß am Fußballspielen hat. Erzählt sie von ihrer großen Leidenschaft, reagiert ihre Umwelt jedoch meist irritiert, denn die 18-Jährige aus Kirchheim ist von Geburt an blind.

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Bernd Köble

Kirchheim. Sie hat ihr Dribbling stark verbessert und träumt von einem Treffen mit VfB-Kapitän Thomas Hitzlsperger. Ihr Hobby und ihre Leidenschaft teilt sie mit Millionen Gleichaltrigen in diesem Land. Und doch ist alles anders, wenn Kadriye Uyar in ihrer Freizeit die Fußballschuhe schnürt. Hören, was andere sehen – für die junge Frau mit dem sportlichen Äußeren ist das die Normalität.

Die Carl-Strehl-Schule in Marburg ist eines von insgesamt nur zwei Gymnasien in Deutschland, an dem blinde oder sehbehinderte Schüler die Hochschulreife erlangen können. Dort will Kadriye Uyar in drei Jahren ihre Abiturprüfung ablegen und anschließend studieren. Was ihren Traumjob angeht, hat sie sich noch nicht festgelegt. Sonderschulpädagogin oder Journalistin würde sie gerne werden. Bei der Wahl ihrer liebsten Freizeitbeschäftigung zeigt sie sich hingegen deutlich entschlossener. Der Fußball nimmt breiten Raum in ihrem Leben ein. Ob sie am Wochenende die Heimspiele des VfB Stuttgart besucht oder wie vor wenigen Wochen in Stuttgart einen Lehrgang des Deutschen Behindertensportverbandes. Was sie dort erlebte, war eine Premiere: Sie stand im Siegerteam beim weltweit ersten Turnier für Frauen und Mädchen. Bisher war Blindenfußball reine Männersache.

Fußballbegeistert ist Kadriye Uyar von Kindesbeinen an. Dass sie an ihrem jetzigen Schulort selbst zur Spielerin wurde, ist kein Zufall. Die Universitätsstadt Marburg, wo die Deutsche Blindenstudienanstalt beheimatet ist, gilt für Menschen mit Sehbehinderung nicht nur als die barriereärmste Stadt Deutschlands, sie stellt mit der SSG auch den ersten Deutschen Meister im Blindenfußball. Seit 2008 gibt es einen eigenen Ligaverband und auch eine MännerNationalmannschaft, die bei der Europameisterschaft im Juli im französischen Nantes nur knapp das Ticket zur WM verpasste.

Fußball für Blinde? Wie geht denn das? Kadriye Uyar hat sich an solche Fragen längst gewöhnt. Sehenden ist nur schwer zu vermitteln, wie Fußball nach Gehör funktionieren kann. Des Rätsels Lösung liegt im Inneren des Balls, wo Schellen dafür sorgen, dass das Spielobjekt akustisch zu orten ist. Fußball als Hörspiel in zwei Akten. Eine ohrenbetäubende Kulisse, wie man sie aus den großen Stadien kennt, ist da eher unerwünscht. Doch auch sonst gelten auf dem Spielfeld, das den Maßen eines Handballfeldes ähnelt, andere Gesetze. Eine Mannschaft besteht aus vier Feldspielern und einem sehenden Torhüter, der als einer von maximal drei Guides entsprechende Anweisungen geben darf. Gespielt wird mit Bande, der Elfmeter wird zum Acht- oder Sechsmeter – je nach Schwere und Art des Fouls. Eine zentrale Rolle nimmt ein Ausruf ein, der aus dem Mutterland des amtierenden Europameisters Spanien stammt und so viel bedeutet wie „Ich komme.“ Voy! hat jeder Spieler zu rufen bevor er den Ballführenden attackiert. Angriffe ohne Vorwarnung gelten als übles Foul.

Doch wie findet man sich im Dunkeln räumlich auf dem Spielfeld zurecht? „Die Bande gibt Orientierung“, klärt Kadriye Uyar auf. Außerdem sei das Gehör blinder Menschen deutlich differenzierter als das der Sehenden. Trotz des geringeren Tempos im Spiel ist die Verletzungsgefahr groß, der Kraftaufwand enorm. Zweikampfverhalten stand im Mittelpunkt des Lehrgangs in Stuttgart. „Das war ganz schön intensiv“, stöhnt sie und ist froh darüber, dass im Blindenfußball der Spaß am Spiel mehr zählt als die reine Leistung. Ob sie sich vorstellen könnte, eines Tages in der Nationalelf zu stehen und vielleicht zu den Paralympics zu fahren? „Eher nicht“, meint Kadriye Uyar. Fußball ist zwar ihre große Leidenschaft, doch es gibt auch noch andere Dinge im Leben. Sie nimmt regelmäßig an der Kletter-AG ihrer Schule teil und möchte sich im Winter erstmals als Skifahrerin versuchen. Sich draußen in der freien Natur zu bewegen, bedeutet ihr viel – genauso wie ihr Platz im Stadion. Wenn der FC Bayern am 31. Oktober in der Mercedes-Benz-Arena aufkreuzt, wird sie kein Ohr haben für das Starensemble von der Isar. Das Autogramm von Phillipp Lahm auf ihrer VfB-Fahne stammt aus der Zeit, als der noch das Trikot mit dem roten Brustring trug. An diesem Samstag wird sie wie immer auf der Haupttribüne neben dem Mannschaftsportal sitzen, den Knopf des Audioguides im Ohr und der leisen Hoffnung, dass sie ihn diesmal endlich zu fassen bekommt. Den Mann mit der Elf auf dem Rücken: Thomas Hitzlsperger.