Lokalsport

Ein Lehrgang zwischen Hoffen und Bangen

Frauenfußball boomt nicht nur hierzulande. Selbst im geschundenen Afghanistan erfreut sich die "schönste Nebensache der Welt" immer größerer Beliebtheit auch bei Frauen. Dass sie ihren geliebten Sport jedoch nicht ohne Gefahr für Leib und Leben ausüben können, davon berichten Trainer und Spielerinnen der afghanischen Nationalmannschaft, die derzeit zu einem Lehrgang in der Sportschule Ruit weilt.

PETER EIDEMÜLLER

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OSTFILDERN Terror, Tod und Taliban die Assoziationen, die man gemeinhin an Afghanistan knüpft, könnten negativer kaum sein. Der Alltag in dem Vielvölkerstaat am Hindukusch ist auch sechs Jahre nach dem Sturz des radikal-islamischen Regimes immer noch geprägt von Gefahr und Entbehrung. Vor allem Frauen fristen in der patriarchalischen Gesellschaft immer noch ein Schattendasein die Teilhabe am täglichen Leben, der Zugang zu Bildung und Beruf ist ihnen allzu oft verwehrt. Selbst die nach europäischen Maßstäben simpelsten Dinge wie Sport zu treiben, ist für Frauen und Mädchen in Afghanistan mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden dies bestätigen auch die 18 jungen Frauen, die seit vergangenen Montag in der Sportschule Ruit weilen und deren zwölftägiger Aufenthalt im Ländle den vorläufigen Höhepunkt eines ganz besonderen Projekts darstellt: Die afghanische Frauen-Fußballnationalmannschaft absolviert ihr erstes Trainingslager im Ausland überhaupt.

Vor fünf Jahren begannen Bundesregierung, Deutscher Olympischer Sportbund und Deutscher Fußballbund beim Wiederaufbau des afghanischen Fußballs zu helfen. Nach 30 Jahren Verwüstung und Blutvergießen standen neben Aufbau des Straßen- und Schulfußballs vor allem die Trainerausbildung sowie die Rückkehr der Nationalmannschaften im Fokus. Während sich die Männerauswahl großer Beliebtheit erfreut, findet Frauenfußball in Afghanistan nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. "Trainieren können wir nur hinter verschlossenen Türen auf einem Militärsportgelände" schildert DFB-Auslandstrainer Klaus Stärk, der das deutsche Fußballprojekt in Kabul leitet. Zu sehr sind kickende Mädchen den im Lande wiedererstarkenden Taliban ein Dorn im Auge, weswegen Stärk auch zugeben muss: "Die Gefahr ist allgegenwärtig, von heute auf morgen kann alles vorbei sein." Der Anschlag auf ein bei Ausländern beliebtes und bis dato als sicher geltendes Hotel in Kabul vor knapp zwei Wochen hat dem 54-jährigen Stärk deutlich vor Augen geführt, auf welch schmalem Grat er und sein Team sich bewegen.

In jüngerer Vergangenheit haben immer mehr Eltern ihren Töchtern verboten, das Training zu besuchen wohlgemerkt aus Angst und nicht aus religiösen Gründen. "Selbst die aufgeschlossensten Eltern wollen und werden ihre Töchter schützen", so Stärk, "wir können nur hoffen, dass sich nichts Schlimmes gegen die Mädchen wendet, nur weil sie Fußball spielen." Allein vor diesem Hintergrund werten es der DFB-Trainer und sein deutsch-afghanischer Kollege Ali Lali als "Sensation", dass alle 18 Spielerinnen sowohl die Erlaubnis ihrer Familien als auch die entsprechende Ausreisevisa erhalten haben.

"Wir sind wirklich glücklich, dass wir hier sein können", sagt Rasoul Razia stellvertretend für das Team, das neben den Trainingseinheiten in Ruit auch ein ausgiebiges Kulturprogramm absolvieren wird. Die junge Frau ist, wie ihre Mannschaftskameradinnen, das erste Mal überhaupt von ihrer Familie getrennt. Zu Hause in Kabul besucht sie die International School, studiert Englisch bei amerikanischen Lehrern und geht drei Mal in der Woche zum Training. "Leider gibt es in Kabul zum Üben nur einen einzigen guten Fußballplatz", erzählt sie den zahllosen Journalisten in der Pressekonferenz in Ruit das mediale Interesse am Besuch der exotischen Kickerinnen ist hoch. "So viele Presseleute haben wir selten hier bei uns", schmunzelt Geschäftsführer Volker Stark, der neben der Mannschaft noch den Präsidenten des afghanischen Fußballverbands, Karim Keramuddin und die Vertreterin des Nationalen Olympischen Komitees, Alam Shamsy willkommen heißt. "Wir wollen den Frauen zu ihrem Recht verhelfen, Fußball zu spielen", lässt sich Keramuddin von Ali Lali, der vor 20 Jahren nach dem Einmarsch der Sowjets nach Deutschland geflohen war, übersetzen. "Dafür müssen wir noch viel Aufklärung betreiben", so der Funktionär, der die Nationalmannschaft gleichermaßen als "Symbol für die Freiheit der Frauen" als auch als "Ergebnis der Hilfe aus Deutschland" sieht.

Ob diese über das Ende des Projekts, das bis Sommer 2008 befristet ist, hinausgeht, ist momentan noch offen. Klaus Stärk wird aus Sicherheitsgründen vorerst nicht nach Afghanistan zurückkehren seine Mannschaft hingegen wird nach dem sicheren Trainingslager im Schwäbischen wieder die Heimreise ins unsichere Kabul antreten müssen. "Egal, was noch kommt: Dieses Erlebnis werden die Mädchen niemals vergessen", ist Stärk überzeugt.