Lokalsport

Ein meisterlicher Samstag: Was mit Leberkäs' begann, endet mit Döner

KIRCHHEIM/STUTTGART Weit nach Mitternacht versenke ich meine Zähne in einem Döner ohne Tomaten. Endlich: Mein Hunger auf Essbares kann nach über zwölf Stunden auf

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PETER EIDEMÜLLER

dem Stuttgarter Schlossplatz nicht minder groß sein, als der des VfB auf den ersten Titel nach 15 Jahren satt sind wir am Ende dieses denkwürdigen Tages beide geworden, der VfB und ich. Erschöpft und mit einem dezenten Sonnenbrand im Nacken, lasse ich den Tag kauend Revue passieren.

Bereits um 11 Uhr ist am Samstag mit den Mitgliedern von Rot-Weiss Leberkäs (RWL) am Kirchheimer Bahnhof Treffpunkt. Die Idee ist simpel: Warum nicht einen der 265 VfB-Fanclubs am Tag des erhofften Titelgewinns begleiten und gleichzeitig den Kick gegen Cottbus live auf dem Stuttgarter Schlossplatz miterleben?

Erste Fangesänge im Zug nach Wendlingen. Bier- und Schweißgeruch übertünchen allmählich den Bundesbahnmief. RWL-Mitglied Albert Häussler schwelgt in Erinnerungen: "Bei der letzten VfB-Meisterschaft 1992 bin ich mit einer selbst gemalten Fahne auf dem Fahrrad durch Oberlenningen gefahren."

Bahnhof Esslingen. Die zwölf RWLer mit Karte für das Cottbus-Spiel steigen um in die S-Bahn zum Daimler-Stadion. Der auf etwa 15 taxierte Rest prüft auf dem Weg zum Stuttgarter Hauptbahnhof das Zuginventar auf Trommeltauglichkeit und skandiert: "Deutscher Meister wird nur der VfB".

Endstation Stuttgart. Am Hauptbahnhof lässt sich nur erahnen, was auf dem Schlossplatz los sein wird: Ein rot-weißer Lindwurm mit Tausenden VfB-Fans setzt sich in Bewegung. Mittendrin der RWL-Tross. Mitglied Jan Müller philosophiert über die Schwächen der Stuttgarter Konkurrenz in Sachen Titelambitionen: "Wenn's von denen keiner machen will, macht's halt der VfB."

Stiller Support auf der Königsstraße? Inmitten des rot-weißen Trubels meditiert ein Dutzend Chinesen mit geschlossenen Augen bei näherem Hinsehen geht's aber nicht um Fußball, sondern um Protest gegen Todeslager in China.

Dichtes Gedränge am umzäunten Schlossplatz, die Menschenmassen pferchen sich durch die Eingänge. RWL-"Vize" David Lempp versucht vergeblich, via Handy Kontakt mit seiner Freundin aufzunehmen. "Die finde ich heute bestimmt nicht mehr wieder."

Ernüchterung auf dem Schlossplatz: Nur eine Mini-Leinwand für 50 000 auf und 100 000 Fans rund um das Gelände im Rathaus scheint man aus der WM nicht viel gelernt zu haben. Entsprechend groß das Gedränge Richtung Bühne. Als an der Bolzstraße kurzerhand die Zäune von den Massen eingerissen werden und Tausende Menschen von Polizei und Sicherheitsdiensten unbehelligt aufs Gelände stürmen, weiß jeder: Dilettantischer kann man ein Fan-Fest kaum organisieren. Wenigstens scheint die Sonne.

Pinkelpause mit Folgen: Nach erledigtem Geschäft im Dixi-Klo ist an ein Durchkommen zum RWL-Tross nicht mehr zu denken, dem Schlossplatz droht der Kollaps. Zum Glück sind Kollegen aus gemeinsamen Notzinger Fußballtagen auch zugegen. Wegen schlechter Sicht auf die Leinwand verfolgt Matthias Weinmann die Partie via Handyradio. Einziger Nachteil: SWR 1 ist im Radio knapp 15 Sekunden schneller mit der Berichterstattung als Arena auf der Leinwand so steht Weinmann vor allen anderen das Entsetzen im Gesicht: Schalke führt 2:0, Cottbus geht 1:0 in Führung. Totenstille auf dem Schlossplatz.

Dezibel-Rekord dank Hitzlsperger und Khedira der VfB hat's tatsächlich gepackt. Freudentänze, Bierduschen und Schmähgesänge auf den Vizemeister: "Schade, Schalke, alles ist vorbei." In Stuttgart geht's erst los: Zahllose Fahnen verwandeln den Schlossplatz in ein rot-weißes Meer.

Nach stundenlanger Funkstille funktionieren kurzzeitig wieder die Handynetze. RWL-Boss Michael Hack ist dennoch kaum zu verstehen: Der Glückliche hat den Triumph im Stadion miterlebt, die Geräuschkulisse macht eine Unterhaltung aber unmöglich. Nur Wortfetzen wie "Bis später" dringen durchs Mobiltelefon gesehen ward aber kein Leberkäsler mehr.

Inzwischen schallt Musik aus der Konserve über den Schlossplatz. Nach AC/DC's "Highway to Hell" und der VfB-Hymne stimmen rund 150 000 Kehlen in den obligatorischen Sieger-Chor von Queen ein. "We are the champions". Zeitgleich kreist ein Kleinflugzeug mit Spruchband über der Landeshauptstadt: "Ostermann sagt Danke VfB". Über den Wolken muss wohl auch der Jubel grenzenlos sein.

Vier Stunden nach dem Abpfiff hat der Veranstalter ein Einsehen und öffnet die Tore zum Schlossplatz. Prompt werden die Schlangen vor den Bierständen länger. Mathias Ernst kümmert's scheinbar nicht. "Heute wird nichts getrunken, morgen geht's gegen Ötlingen", sagt der Amateurkicker augenzwinkernd. B-Ligist Notzingen II will dem VfB in Sachen Meisterschaft eben in nichts nachstehen.

Ohne RWL und Notzinger, dafür aber mit leerem Magen geht's mit dem Zug wieder Richtung Kirchheim aller Titel-Euphorie und Partystimmung zum Trotz: Die Meisterfeier lässt sich am heimischen Fernseher besser und gemütlicher verfolgen, als verschwitzt und ausgehungert aus 300 Metern Entfernung. Ähnlich denkt ein Fan aus Heidenheim, der aber noch ein ganz anderes Problem zu lösen hat: "Irgendjemand muss mich noch vom Bahnhof in Ulm abholen, sonst komm' ich nicht heim", lallt er im voll besetzten Regionalexpress Richtung Plochingen.

Fangesänge auch im Bus von Wendlingen nach Kirchheim. Die Ersten stimmen sich schon auf den kommenden Samstag ein: Pokalfinale mit dem VfB gegen Nürnerg. "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin", schallt's aus der letzten Sitzreihe. Double-Fieber in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Gottseidank: Der "Teck-Grill" in der Kirchheimer Marktstraße ist noch offen. Immerhin hatte Inhaber-Ehefrau Pala auch was vom VfB-Trubel. "Heute war mehr los als sonst." Spricht's und schaufelt das Dönerfleisch ins Fladenbrot genug Leberkäs' für heute.