Lokalsport

Ein Senkrechtstarter vor dem Abflug

"Fußball war lange Zeit das Wichtigste in meinem Leben", sagt Steffen Klett. Dass er irgendwann den großen gegen den kleineren Ball eingetauscht hat, gilt in Owen inzwischen als Glücksfall. Denn in einem Punkt sind sich die Experten einig: Mit dem 18-Jährigen reift derzeit eines der größten Handballtalente in der Region heran.

BERND KÖBLE

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OWEN Er wirkt auf den ersten Blick wie einer, dem es schwer fällt, erwachsen zu werden. Mit einem Lausbubengesicht und einem Schwarm Hummeln im Hintern. Die handballlose Zeit nach Weihnachten für ihn ein Graus. Besinnliche Tage daheim auf dem Sofa nicht sein Ding. Grenzenlose Gier nach Neuem, Experimentierfreude und einen unbändigen Spieltrieb sagen ihm all diejenigen nach, die ihn kennen. Doch da gibt es auch noch eine andere Seite: die des jungen Burschen, der genau weiß, was er will. Der seine Ziele messerscharf skizziert und obendrein in klare Worte zu packen vermag. Nicht zwangsläufig das, was man von einem 18-jährigen Instinkthandballer erwarten würde.

"Er ist ein Talent, das man selten findet", sagt sein Mentor Enrico Wackershauser, der vor allem Einsatzbereitschaft und Gewissenhaftigkeit an ihm schätzt. Einer der Alkohol und Partys meidet und sich selbst der größte Motivator ist. Als langjähriger Owener Trainer und Erfahrener im Umgang mit jungen Talenten weiß Wackershauser, wie wertvoll solche Charakterzüge in einem ansonsten oft schwierigen Alter sind. Seit der C-Jugend hat er ihn begleitet, ihn ans Handball-Teilzeitinternat nach Nellingen geholt und zuletzt mit der A-Jugend der SG Teck in die höchste württembergische Jugendspielklasse geführt. Heute blickt Steffen Klett als A-Jugendlicher mit Doppel-Spielberechtigung bereits auf seine zweite Saison in der Landesliga-Truppe des TSV Owen zurück. Dort hat er sich vom Start weg für die Rolle des Spielmachers empfohlen und mit seiner Kaltschnäuzigkeit manch alt gedienten Recken verblüfft. Mitunter geht er an guten Tagen mit zweistelliger Torbilanz vom Feld oder sieht sich als Jüngster auf dem Platz einem Sonderbewacher gegenüber.

Dass das, woran man sich in Owen längst gewöhnt hat, von der Konkurrenz nicht unbeobachtet bleibt, versteht sich von selbst. Inzwischen strecken Mannschaften bis hinauf zur Regionalliga die Finger nach ihm aus. Dass das ohnehin rasante Tempo seiner noch jungen Sportlerlaufbahn sich 2006 noch weiter verschärfen wird, gilt als wahrscheinlich. In den nächsten Wochen und Monaten stehen die Abiturprüfungen am Kirchheimer Wirtschaftsgymnasium an. Danach will er seinen Zivildienst ableisten und diese Zeit nutzen, um sich intensiv dem Sport zu widmen. "Das wird ein Jahr, in dem ich nochmals richtig Gas geben kann", sagt er. Der Zeitpunkt scheint also günstig zu sein und bei den Gelbhemden des TSV fragt man sich immer seltener, ob er gehen wird als vielmehr wohin.

Für Rico Wackershauser steht außer Frage, dass die Zeit gekommen ist, Luft in einer höheren Spielklasse zu schnuppern. Doch nicht um jeden Preis. Eine junge Mannschaft, ein behutsamer Trainer, "das Umfeld muss passen", sagt er. Sonst läuft auch ein Senkrechtstarter Gefahr, "verheizt" zu werden. Was ihn alsbald erwar-ten könnte, hat der 18-Jährige bereits zu erkunden versucht als gelegentlicher Trainingsgast beim Drittligisten in Neuhausen auf den Fildern. Doch den direkten Sprung in die Regionalliga hält nicht nur Wackershauser für verfrüht. "Dafür fehlt ihm noch die Wettkampfhärte", warnt auch sein derzeitiger Trainer Christoph Winkler, selbst ein Spieler mit langjähriger Regionalliga-Erfahrung. Hinzu kommt, dass der quirlige Allrounder mit 1,77 Meter Körpergröße auf dem Spielfeld nicht gerade furchteinflößend wirkt, auch wenn er mit Schweiß treibenden Einheiten im Kraftraum derzeit konsequent an der Physis feilt. "Die BW-Oberliga wäre sicherlich ein geeignetes Sprungbrett", glaubt Winkler, der keinen Hehl daraus macht, dass er seinen Mittelmann gerne noch ein Jahr behalten würde. Schließlich ist das Thema Verbandsliga-Aufstieg in Owen längst noch nicht vom Tisch und Winkler erinnert an ein ungeschriebenes Gesetz in Handballerkreisen: Verlasse nie deinen Heimatverein im Aufstiegsjahr.

Noch ist das Jahr jung und Steffen Klett freut sich, dass er am morgigen Freitag beim Winterpreis in der Lenninger Sporthalle endlich wieder auf Torejagd gehen kann. Nicht nur das, denn zum Ende der Winterpause steht gleich ein Familienduell an: Mit SG-Abwehrchef Jochen Renz steht nämlich sein Onkel im Team des Lokalrivalen und fordert zum internen Wettstreit heraus. Klar, dass der Jungspund dem Routinier dabei gerne das eine oder andere Tor einschenken würde.