Lokalsport

Ein Stück Ersatzheimat in der schwäbischen Schweiz

Dass dem am Albtrauf beheimateten Schwaben der Nasallaut gewissermaßen in die Wiege gelegt ist, mag als Standortvorteil durchgehen, wenn man Ludovic Magnin heißt. Doch auch sonst gibt es für den 26-jährigen Bundesligaprofi des VfB Stuttgart eine Handvoll guter Gründe, Schlierbach zur neuen Wahlheimat zu küren.

BERND KÖBLE

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SCHLIERBACH VfB-Autogrammkarten? Die gibt's in Schlierbach inzwischen sogar beim Bäcker. Ein bisschen Glück und das Privileg vorausgesetzt, seine Brötchen wie ein Fußballprofi zu halbwegs erträglicher Morgenstunde verdienen zu dürfen. In solchem Fall ist es leicht möglich, an der Ladentheke Bekanntschaft zu machen mit einem, den sie an seinem Arbeitsplatz im Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion alle nur "Ludo" rufen. Ludovic Magnin, schweizerischer Nationalspieler und seit Saisonbeginn erste Wahl auf der linken Abwehrseite beim VfB Stuttgart, ist einer, der eigentlich bei jedem Proficlub auf der Wunschliste stehen müsste: kampfstark auf dem Platz, sympathisch im Auftreten. Ein Fußballstar ohne Allüren, der sich schon mal dafür entschuldigt, wenn er am frühen Morgen keine Autogrammkarten bei sich hat, weil er als mobiler Fanshop zur Frühstückszeit noch nicht auf Kundschaft gepolt ist.

Seit seinem Wechsel vom letztjährigen deutschen Meister und Pokalsieger Werder Bremen nach Stuttgart wohnt Ludovic Magnin mit Freundin Chantale und dreijährigem Söhnchen in Schlierbach. Eine Mietwohnung mit Garten mitten im Ortskern so wohnt keiner, der abgeschirmt von der Außenwelt seine Ruhe haben will. Im Gegenteil: "Wir fühlen uns wohl in Schlierbach und wollen uns hier integrieren", sagt der stets fröhliche Blondschopf und betont, wie "viele liebe Menschen" er in der kurzen Zeit hier bereits kennen gelernt habe. Eine Liebe, die offenbar auf Gegenseitigkeit beruht: Ein ganz ein Netter sei der Herr Magnin vernimmt man im Schlierbacher Rathaus allenthalben und überdies auch immer für ein Schwätzchen zu haben. Die Herzen der Mitarbeiter in der Ortsverwaltung hat "Ludo" jedenfalls im Sturm erobert. Ein lockerer Typ mit keinerlei Berührungsängsten.

Dass er mit seiner Familie die dörfliche Idylle am Albtrauf schätzt, hängt nach eigenem Bekunden mit seiner Herkunft und der Liebe zur Natur zusammen. Geboren in Lausanne hat der Schweizer in einer 6 000-Seelen-Gemeinde nahe des Genfer Sees eine unbeschwerte Kindheit auf dem Lande verbracht. Mit großem Garten und dem Bolzplatz direkt vor der Tür. All dies will er nun auch seinem Sprößling angedeihen lassen, der im Schlierbacher Kindergarten derzeit die ersten Freundschaften knüpft. "Meine Freundin und ich sind beide auf dem Land aufgewachsen", sagt Magnin. Eine Wohnung in der Landeshauptstadt kam für die junge Familie deshalb nie in Frage, zumal Lebensgefährtin Chantale im April zum zweiten Mal Nachwuchs erwartet. "Vier Jahre Stadtleben in Bremen, das hat gereicht."

Am Fuße der Alb fühlen sich alle drei inzwischen wohl, nicht zuletzt deshalb, weil die Landschaft der in der Heimat so ähnlich sei. Und hier in Schlierbach wollen sie vor allem eines: ein "ganz normales Leben" abseits des Bundesligaalltags führen. "Wir brauchen keinen Gärtner und keine Putzfrau", meint der 26-Jährige mit einem Lachen. "Das machen wir alles selbst." Vor Wochen erst hat er beim Nachbarn einen Rasenmäher erstanden, um das Grün hinterm Haus in Schuss zu halten. Im eigenen Garten bringt er nach Feierabend seinem Sohnemann die ersten Kontakte mit dem runden Leder bei und lädt dazu auch schon mal die Jungs vom Nachbarhaus mit ein. Kinder spielen eine wichtige Rolle im Leben des gelernten Grundschullehrers. Auch wenn er in seinem Beruf über die Referendarzeit nie hinaus gekommen ist, weil irgendwann der Fußball wichtiger war. Wenn eines Tages Schluss ist mit dem Fußballerdasein, so meint er, würde ihn die Arbeit mit Kindern wieder reizen. Weniger im Schulalltag, dafür umso mehr im sportlichen Bereich.

Bis dahin freilich verfolgt der Schweizer andere Ziele. Mit dem VfB will er im kommenden Jahr unbedingt in einem internationalen Wettbewerb stehen. Zurück in die Champions League lautet das Ziel, auch wenn er derzeit schon mit einem UEFA-Cup-Platz zufrieden wäre. Dass er sich bei den Roten in kürzester Zeit einen Stammplatz erkämpft hat, ist für ihn wenig Trost angesichts der Tatsache, dass es derzeit alles andere als rund läuft auf dem Platz. Da gräbt sich auch bei ihm, der als Spaßvogel vom Dienst für die gute Laune in der Mannschaft zuständig ist, die eine oder andere Falte in die Stirn. Zwar stimmten zuletzt wenigstens die Ergebnisse, doch spielerischen Glanz sucht man am Wasen noch immer vergebens. "Jeder von uns wartet eigentlich nur darauf, dass der Knoten endlich platzt", sagt Magnin. Vielleicht schon heute Abend, wenn UEFA-Cup-Gegner Rapid Bukarest im Daimler-Stadion aufkreuzt.

Aufs Stuttgarter Publikum hält der Schweizer große Stücke. Weil trotz rekordverdächtiger Remis-Bilanz und fußballerischer Magerkost die Fans den Glauben an die Mannschaft nicht verloren haben. Auch in Schlierbach gibt es schließlich viele VfB-Anhänger. "So viel Zuspruch wie ich dort erhalte, das tut schon gut", sagt er.

Sollte das Minimalziel UEFA-Cup-Platz im kommenden Jahr nicht erreicht werden, bleibt dem Schweizer Nationalkicker immer noch die WM vor der eigenen Haustür. Von der Welle der Euphorie, die nach dem denkwürdigen Qualifikationsspiel in der Türkei über sein Heimatland hereinbrach, lässt auch er sich mitreißen. Vom Ergebnis der Gruppenauslosung am vergangenen Freitag hingegen zeigt er sich eher enttäuscht: Mit den Franzosen treffen die Eidgenossen im ersten Gruppenspiel am 13. Juni auf alte Bekannte. "Das ist fast schon langweilig", kommentiert Ludo Magnin das dritte Aufeinandertreffen beider Teams beim Vorentscheid eines großen Turniers. Schon bei der EM in Portugal traf die Schweiz in der Vorrunde auf die Equipe Tricolore. Damals gab es eine schmerzhafte 1:3-Niederlage und die Schweiz musste als Gruppenletzter vorzeitig die Koffer packen. Das soll diesmal anders werden. "Die Franzosen sind zu schlagen", meint Magnin und verweist auf die zwei jüngsten Unentschieden in der WM-Qualifikation. Für ihn ist klar: "Wir kommen weiter", auch wenn er den Südkoreanern großen Respekt zollt und vom Gruppengegner Togo kaum etwas weiß. Bei so viel Spekulation bleibt eines gewiss: Das Auftaktspiel gegen Frankreich wird im Stuttgarter Daimler-Stadion stattfinden, und flugs hellt sich die Miene des Blondschopfs auch schon wieder auf: "Da werden wir wohl einen Familienausflug unternehmen."