Lokalsport

Ein Toptalent in Lauerstellung

Im Frühjahr baden-württembergischer Meister in der A-Jugend, im Sommer EM-Teilnahme mit der Jugend-Nationalmannschaft, zum Jahresausklang auf dem Sprung in die erste Liga. Fabian Gutbrod erlebt ein Jahr wie im Zeitraffer. Die handballerische Karriere des 18-jährigen Oweners ein Musterbeispiel für erfolgreiche Talentförderung in Württemberg.

BERND KÖBLE

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OWEN Beim Wurf springt er höher als die meisten anderen und bleibt dennoch auf dem Boden. Dass er die Dinge gelassen sieht, mag an der Perspektive liegen: Zur magischen Zwei-Meter-Marke fehlt Fabian Gutbrod nur ein mickriger Zentimeter. Überragend im wörtlichen Sinne war der Schlaks schon damals, als er in der D-Jugend seines Heimatvereins TSV Owen zum ersten Mal auf ein Handballtor schoss. Mehr aus Verlegenheit, denn eigentlich wollte er Fußballer werden. Doch wie das in Owen eben so ist: Entweder du nimmst das kleinere Leder oder du lässt es ganz sein.

Dass er es damals nicht gelassen hat, ist ein Glücksfall für den Handballsport. Mit 18 Jahren gilt der Blondschopf mit der Lockenmähne als das größte Talent im württembergischen Verbandsgebiet. Das zumindest glaubt sein Trainer und sportlicher Ziehvater Kurt Reusch, der ihn direkt aus der A-Jugend ins aufstrebende Regionaligateam des TV Neuhausen holte. In der jungen Ermstal-Truppe, die im ersten Jahr nach dem Aufstieg erfolgreich die arrivierte Konkurrenz narrt und sich sogar Chancen auf den Durchmarsch in die zweite Liga ausrechnen darf, hat sich Fabian Gutbrod inzwischen zur festen Größe entwickelt. Im Wechsel mit dem Ex-Pfullinger Markus Gaugisch beackert er beim TVN erfolgreich die linke Rückraumseite.

Doch nicht nur im Ermstal hat man erkannt, welches Juwel da im eigenen Verein heranreift. Die Kaltschnäuzigkeit des Jungen hat auch beim großen Nachbarn Frisch Auf Eindruck hinterlassen. Dass ein A-Jugendlicher einem Bundesligisten sechs sehenswerte Treffer einschenkt wie bei einem Testspiel im Juli geschehen erlebt auch ein erfahrener Trainer wie Velimir Petkovic nicht alle Tage. Der Göppinger Traditionsclub hat dem Rechtshänder mit der enormen Sprungkraft inzwischen einen Zweijahresvertrag mit Zweitspielrecht in seinem alten Verein unterbreitet. Ein Kooperationsmodell, von dem bereits Tim Kneule, Junioren-Europameister und Gutbrods Teamkollege beim TVN, profitiert.

Glaubt man seinem Trainer Kurt Reusch, hat Fabian Gutbrod alles, was ein erstklassiger Spieler braucht: die Größe, die Schnellkraft und vor allem die richtige Einstellung zum Leistungssport. "Er nutzt seine körperlichen Vorteile aus, ist fleißig und neugierig genug, um sich bei anderen vieles abzugucken", lobt der seinen Schützling. "Wenn das Training vorbei ist, ist für ihn noch lange nicht Schluss." Die Chancen, in der ersten Liga Fuß zu fassen, stehen Reusch zufolge gut. Ähnlich wie der 20-jährige Tim Kneule, der seit der C-Jugend in Neuhausen am Ball ist und es bei Frisch Auf immerhin schon zu einem Kurzeinsatz in der Bundesliga brachte, wird Fabian Gutbrod weiterhin einmal die Woche mit den Göppingern trainieren, in den Punktspielen jedoch für den TVN am Ball sein. Das soll ab Sommer 2007 auch im ersten Jahr des Kooperationsvertrags so bleiben. "Wir haben im ersten Jahr das Vorzugsrecht, die Göppinger dann im zweiten", sagt Reusch.

Wie schnell der Owener das Erstliga-Parkett betritt, wird von seiner sportlichen Entwicklung und der Personalsituation bei Frisch Auf abhängen. Und natürlich, vom Glück, gesund zu bleiben. Dass sich dies rasch ändern kann, führt ihm derzeit sein Mannschaftskollege vor Augen, mit dem er so viele Gemeinsamkeiten teilt: Tim Kneule zog sich Mitte der Woche eine Bänderverletzung zu und wird dem TV Neuhausen für unbestimmte Zeit fehlen. Der vertraglich verankerten Schonfrist in Neuhausen kann der Newcomer durchaus positive Seiten abewinnen: "Mein Herz hängt an diesem Verein", gibt er unumwunden zu. Hier fühlt sich die Familie wohl, hier hat er Freunde gefunden und in Kurt Reusch einen Mentor, der zu einer Art Vaterfigur geworden ist. "Ohne ihn und Hans Hahn (Neuhausens Jugendtrainer, Anm. d. Red.) wäre ich nie so weit gekommen", sagt er. Doch der Ehrgeiz ist groß genug, um zu wissen, dass sich unterm Hohenstaufen eine vielleicht einmalige Chance bietet. Für die hat er sein Leben fast vollständig dem Handballsport unterstellt. Sieben Trainingseinheiten absolviert er die Woche, dazu kommen Lehrgänge mit der DHB-Juniorenauswahl. Am Wochenende reist er zu den Spielen mit der Mannschaft quer durch die halbe Republik und strickt nebenbei an der Kirchheimer Schöllkopfschule an seiner Fachhochschulreife. Die wenige Zeit, die ihm für Privates bleibt, verbringt er im Verein oder mit der Familie, die ihm den nötigen Rückhalt gibt.

Die Dosis macht bekanntlich das Gift und erste Warnsignale gibt es. Die Verletzung am Sprunggelenk, die ihn vor drei Wochen zu einer Trainingspause zwang, deutet auf Überlastung hin. "Wir werden das ganz genau beobachten und ihn bei Bedarf schonen", meint Trainer Kurt Reusch. Das richtige Tempo zu bestimmen fällt schwer, wenn man ganz nach oben will. Fragt man ihn nach Schwächen, so fällt ihm sein Gewicht ein. 95 Kilo auf zwei Meter Körperlänge verteilt, klingt für den Normalsportler nach Idealmaß. "100 sollten es schon sein", meint er augenzwinkernd und schwitzt dafür mehrmals die Woche im Kraftraum.

HVW-Junioren in ÜberzahlSollte ihm eines Tages der ganz große Wurf gelingen, hat er dies der eigenen Disziplin, aber auch vereinsübergreifenden Talentschmieden wie der Göppinger Handball-Akademie zu verdanken. Dort führen erfahrene Kräfte wie Kurt Reusch und Vasile Oprea junge Nachwuchsspieler behutsam an den Spitzensport heran.

Eine Saat, die längst Früchte trägt: Acht von 14 Spielern der Juniorenauswahl, die im Sommer den EM-Titel nach Deutschland holten, stammen aus Württemberg.