Lokalsport

"Ein Tor, das den Kapitalismus abstraft"

Deutschland gegen Ecuador: Beim bevorstehenden WM-Spiel ist die Daumendrücker-Quote unter den Bürgern des Landes hochprozentig. 1974 war das anders. Das dritte Vorrundenspiel der Bundesrepublik gegen die DDR-Auswahl geriet mancherorts zum Glaubenskrieg: "Linksrebellen" jubelten dem sozialistischen Gegner zu. Im Kirchheimer club bastion entbrann-te sogar eine Art Lagerkampf.

THOMAS PFEIFFER

Anzeige

Fast auf den Tag genau vor 32 Jahren: Ein WM-Spiel erhitzt die Gemüter. Wie die Berliner

O:9020603.JP_Mauer, so spaltet auch die Vorrundenpartie Deutschland West (BRD) gegen Deutschland Ost (DDR) die Menschen in zwei Lager. Es ist noch immer die Zeit des Kalten Krieges mit latenter Atombombenangst, RAF-Terror und der Affäre um DDR-Spion Günter Guillaume, zu deren Opfer, ziemlich genau vier Wochen vor dem offiziellen WM-Start, Willy Brandt wird: Der Bundeskanzler stürzt und tritt zurück.

Die bilateralen Politbeziehungen zur DDR stecken in einer schweren Krise, als am 22. Juni 1974 im Hamburger Volksparkstadion unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen das erste innerdeutsche Fußball-Duell steigt. Zeitgenossen aus West und Ost raubt es fast die Luft zum Atmen: Längst ist das Länderspiel kein Länderspiel mehr, sondern ein symbolischer Schlagabtausch zweier Klassenfeinde. Kapitalismus gegen Sozialismus, die Boulevard-Schlagzeile bringt die Stimmung auf den Punkt. Der erstmalige deutsch-deutsche Bruderkampf polarisiert wie keine zweite Partie in der 76-jährigen WM-Geschichte.

Manche Fans im Westen wurden bei den legendären 90 Spielminuten regelrecht zu Überläufern: Im Kirchheimer Kultur-Club bastion etwa. "200 Leute kamen damals zu unserem WM-Fernsehabend", erinnert sich der damalige bastion-Vorsitzende und heutige SPD-Stadtrat Andreas Kenner, Jahrgang 1956, noch gut an den legendären Keller-Treff, bei dem er Augenzeuge war, "schätzungsweise die Hälfte davon sympathisierte ganz offen mit der DDR-Auswahl." Motive der Fahnenflucht: entweder Frust über die herrschende Politik oder Ressentiments gegenüber DFB-Star Franz Beckenbauer. "Der hatte vor Jahren mal in einem Interview gesagt, dass Deutschland, wenn Willy Brandt Kanzler würde, untergehen würde. Diese Aussage nahmen sie Beckenbauer krumm", sagt Kenner zur entscheidenden Vorgeschichte. Und fügt grinsend an: "Mit diesem Spruch hatte er es auch mit mir gründlich verdorben."

600 oder 700 Flugblätter hatten die bastion-Leute am Vorabend in der Kirchheimer Innenstadt verteilt, dazu eine Anzeige im Teckboten geschaltet: Das Info übers Samstag-abendprogramm mit Laune machender Band ("Ragtime-Specht-Groove") und bewegten Bildern vom außergewöhnlichen Deutschland-Duell sollte zum Happening werden. Aus der Idee, den bastion-Gästen neben Butterbrezeln, Cola oder Bier diesmal auch eine TV-Premiere anzubieten, gebar aus heutiger Sicht eine echte Kultveranstaltung. Der Besucherandrang war so groß, dass 150 Leute aus Platzgründen draußen bleiben mussten. Wer reinkonnte vom Tross der 16- bis 30-Jährigen, trug meist das typische 70er-Jahre-Outfit zur Schau: Parka, Jeans, lange Haare und Koteletten die Männer, Latzhose oder Poncho die Frauen. Wer sich einfand zum Showdown unter Tage, trug alternativ. Manche waren Linksrebellen.

Die machten in der 78. Spielminute einen Luftsprung: Als sich Etliche schon auf ein friedlich-schiedliches 0:0-Unentschieden im Kampf der Systeme eingestellt hatten, erzielte Jürgen Sparwasser unter frenetischem Jubel der Linksfraktion den 1:0-Siegtreffer für die DDR. "Danach kamen von den Leuten Sprüche wie: "Mit diesem Tor wird der Kapitalismus abgestraft", erzählt Kenner über die Reaktionen nach dem Tor, das, nach jeweiligem Gusto des politisierten Fußball-Fans, entweder Himmelsgeschenk oder Schande war.

Jürgen Sparwasser: Sein ultimativer Schuss, für den guten Sepp Maier im bundesdeutschen Kasten unhaltbar, riss in der Bevölkerung Gräben auf. Tiefe Gräben. Im club bastion genauso wie anderswo. "Die für Westdeutschland sympathisierten, hatten das blanke Entsetzen in den Augen. Bei uns wurde die Partie noch tagelang heftig diskutiert."

Unterm Strich hatte sich der Fußball-Treff mit Polit- und Bandbegleitung für den club bastion schließlich gelohnt. "Wir haben damals Rekordumsatz gemacht." Und nebenbei eine Marktlücke entdeckt: Public viewing für vier Mark kannte in Kirchheim damals fast keiner. In einem Keller, "in dem 95 Prozent der Gäste rauchten" (Kenner), schon gar nicht.