Lokalsport

"Ein Turntrainer darf kein Dompteur sein"

Herbert Leikov (55) gilt als VfL-Urgestein: Fast zwei Jahrzehnte lang fungiert er inzwischen als Trainer innerhalb der Turnabteilung. Mit der VfL-Frauenriege feierte der gebürtige Elsässer soeben seinen bisher größten Erfolg: den Aufstieg in die 1. Bundesliga.

THOMAS PFEIFFER

Anzeige

KIRCHHEIM Der Relegationswettkampf in Kirchheim es war die erwartete Nervenschlacht bis zum Schluss: Buchstäblich mit der letzten Übung erst stand fest, dass neben dem SSV Ulm (129,80), TuG Leipzig (127,80) und KTV 68 Wetzlar (125,05) auch der VfL Kirchheim (124,20) künftig zur Beletage des Frauenturnens zählt. Lange musste gezittert werden, doch der Adrenalinausstoß lohnte sich: Erstmals in der Abteilungshistorie haben VfL-Turnerinnen (in diesem Falle Daniela Flaig, Lisanne Lichner, Nina-Florin Leikov, Carolin Riethmüller, Alina Binder, Pia Pohl, Magdalena Heffner und Tatjana Würslin) als Kollektiv den Nachweis nationaler Erstklassigkeit erbracht.

Als VfL-Erfolgsgarant gilt Trainer Herbert Leikov. Der Mann, der in Thann/Elsass geboren ist, seine Brötchen als Dozent für Turnen und Klettern an der Uni Stuttgart verdient und einer der ersten deutschen Trainer-A-Lizenz-Inhaber im Kunstturnen war (1985), hat die VfL-Turnerinnen schon seit vielen Jahren unter seinen Fittichen. Wir baten ihn zum Interview.Herr Leikov, Ihnen und Ihrer Mannschaft nochmals Gratulation zum Erstliga-Aufstieg. Fünf Tage nach dem Triumph immer noch enthusiastisch?Herbert Leikov: Immer noch ein bisschen. Wir waren darauf eingestellt, dass wir den Aufstieg von unserem Leistungspotenzial her schaffen können, andrerseits waren hinterher alle gottfroh, als Platz vier mit dem hauchdünnen Vorsprung von 0,05 Punkten zur TG Frankfurt endlich perfekt war. Die lokale Presse, und nicht nur die, nannte in ihrer ersten Analyse eine geschlossene VfL-Mannschaftsleistung als Schlüssel zum Erfolg. Welchen Anteil am Coup hatte eigentlich Trainer Herbert Leikov? Leikov: Der Erfolg eines Turntrainers liegt vor allem in der täglichen Trainingsarbeit. Hinzu kommen, natürlich, taktische Varianten im Wettkampf selbst. Lasse ich meine nervenstärkste Turnerin als Erste oder als Letzte ans Gerät, um die Konkurrenz zu besiegen solche Fragen gilt es als Trainer nach Möglichkeit richtig zu beantworten. Als der Aufstieg feststand in der Kirchheimer Sporthalle Mitte, entrollten Ihre Turnerinnen spontan ein Plakat: "Danke, Herbert". Die Geste spricht für eine wirklich prächtige Harmonie zwischen VfL-Riege und Trainer. Leikov: Das interne Verhältnis ist sicherlich gut, sehr gut sogar. Als Trainer in einem besonders sensiblen Individualsport darf ich nicht Dompteur sein, sondern sollte eher der Helfer sein, der den Mädchen auch schon mal bei persönlichen Angelegenheiten die richtigen Tipps gibt. Nach den Mountainbikern, Segelfliegern und Sportschützen ist mit dem Kunstturnen künftig eine vierte in Kirchheim vertretene Sportart in der Bundesliga präsent. Wurde am vergangenen Samstagabend ausgiebig gefeiert?Leikov: Klar, im Sporthallenfoyer gab's nach der Siegerehrung eine Riesenparty. Turnerinnen, deren Freunde, Funktionäre, mein Hamburger Trainerkolllege, alle waren da. Ich bin um 2 Uhr morgens gegangen, und ich war nicht der Letzte. Fast ein Jahr dauert es nun, bis Ende Oktober 2006 die neue Erstligasaison startet. Wie sieht die Vorbereitung bis dahin aus?Leikov: In rund zwei Wochen gibt's ein VfL-internes Sondierungsgespräch, in dem die Zeitabläufe und Trainingsinhalte des kommenden Jahres abgesprochen werden. Tatjana Würslin steht 2006 beispielsweise vor ihrem Studienabschluss als Ingenieurin als Turnerin muss sie angesichts ihrer Prüfungen da natürlich kürzer treten. Darauf muss ich Rücksicht nehmen.Apropos VfL-Personal. Sie werden als Trainer weitermachen auch alle ihre Turnerinnen? Leikov: Ja. Es wird keine personellen Änderungen geben. Alle machen weiter, und es wird auch keine starke Turnerin aus dem Ausland für teures Geld verpflichtet werden. Wir in der VfL-Turnabteilung setzen da lieber auf den eigenen Nachwuchs. Unsere Philosophie heißt, gute Jugendarbeit zu leisten. Anstatt Schorndorf, Überlingen und Illertissen wie in der 2. Liga heißen die VfL-Kontrahenten künftig Turnteam Toyota Köln, KTV Stuttgart, TuS Chemnitz-Altendorf oder SSV Ulm. Wie groß ist eigentlich der Leistungsunterschied zwischen der ersten und zweiten Frauen-Bundesliga?Leikov: Nicht so groß wie es auf den ersten Blick erscheint . . . Zumindenst die Spitzenmannschaften der zweiten Liga können mit den Tabellenhinterbänklern der ersten Liga ganz gut mithalten, sie liegen leistungsmäßig eng beieinander.Trotzdem kann es für die VfL-Turnerinnen bei ihrer Erstliga-Premiere bestenfalls um den Klassenerhalt gehen. Wie groß ist die Chance auf den Verbleib im Konzert der Großen?Leikov: Meine Mädchen haben derzeit ein Leistungspotenzial, das so um die 125 Punkte pro Wettkampf erlaubt. Perspektivisch arbeiten wir an 126,5 Punkten. Sollte dieses Niveau erreicht werden, müsste der Erstliga-Klassenerhalt realisierbar sein. Spätestens seit dem Relegationsabend ist das Kirchheimer Publikum auf den Turn-Geschmack gekommen: 800 kamen. Dürfen die Sportfreunde in der kommenden Erstliga-Saison in Kirchheim auf ein ähnlich spannendes Kunstturn-Highlight hoffen?Leikov: Jörg Rosenkranz, der Vizechef der Deutschen Turn-Liga, hat noch just am Samstag angefragt, ob wir die Bundesliga-Relegation 2006 erneut ausrichten wollen. Warten wir mal ab. Ausgeschlossen ist indes ein Bundesliga-Wettkampf in Kirchheim im nächsten Jahr: Modusbedingt gibt es in der Saison leider nur zwei Wettkämpfe.Stichwort Sponsoring. Könnte der viel beachtete VfL-Aufstieg in die erste Bundesliga der Turnabteilung ganz neue Geldquellen erschließen? Leikov: Keine Ahnung, für diesen Bereich ist unser Abteilungsleiter Wolfgang Sahm zuständig. Grundsätzlich sind wir natürlich für jeden Euro, den ein Gönner uns zukommen lässt, dankbar. Schließlich haben wir zum Beispiel für Geräteanschaffungen ständige Unkosten zu bestreiten. Wir danken für das Gespräch.