Lokalsport

Ein Überraschungsteam, das keines sein will

Weihnachten gibt nicht nur Gelegenheit zur inneren Einkehr, es ist auch die Zeit der Überraschungen. Die SG Lenningen als Herbstmeister der Landesliga Staffel 2 zu Saisonbeginn hatte dies wohl kein Experte auf der Rechnung. Doch der Lauf der Handballer aus dem Lenninger Tal verblüfft nur auf den ersten Blick.

BERND KÖBLE

Anzeige

LENNINGEN Wenn der Lenninger Tälesexpress einmal ins Rollen kommt, ist er derzeit nur schwer zu stoppen. Ähnlich verhält es sich mit dem Mann im Führerstand, wenn er auf sein Lieblingsthema zu sprechen kommt: Hans Hahn ist ein Trainer, der mit dem Handballsport lebt. Ein scharfer Analytiker, der hohe Ansprüche an sich und andere stellt, aber auch einer, der weiß, dass Geduld und Beharrlichkeit in diesem tempogeladenen Geschäft unerlässliche Tugenden sind. Kurzum: Einer mit dem nötigen Riecher auf dem Weg zum langfristigen Erfolg. Da zählt vor allem eines: Bodenhaftung. Wenn die lokale Handballszene statt Weihnachtsliedern Lobeshymnen auf die Mannschaft der Stunde anstimmt, lässt das den 49-Jährigen weitgehend kalt. Er weiß: Der Erfolg kommt nicht aus heiterem Himmel. "Wir haben uns seit dem Aufstieg in die Landesliga konstant weiterentwickelt," sagt Hahn.

Dass die Mannschaft vergangene Saison nur um Haaresbreite am Abstieg vorbei schrammte, hat etliche dazu veranlasst, die Lenninger auch in diesem Jahr als Abstiegskandidaten abzustempeln. Doch Belege für die wahre Stärke finden sich vorwiegend abseits der Statistik. Der Ausfall von Leistungsträgern wie Jochen Leitner, Hagen Braunwarth oder Jens Kirschmann waren eine schwere Hypothek, die eine Reihe knapper Niederlagen gegen direkte Konkurrenten um den Nichtabstieg nach sich zog.

Was folgte, war eine gute Rückrunde mit einem Herzschlagfinale am letzten Spieltag. Was der Tabellenplatz damals nicht widerspiegelte: Die SG stellt bis heute die zweitbeste Abwehr der Liga. In der laufenden Saison nun sind alle Mann an Bord und die Hahn-Sieben begeistert inzwischen auch in der Offensive mit variablem und druckvollem Tempospiel. Homogenität heißt das Erfolgsrezept, das die Handschrift des Trainers trägt: "Die Mannschaft ist gereift", meint Hahn. "Aus der Stammformation kann ein jeder sämtliche Positionen spielen." Mit der Abkehr vom Spezialistentum, das selbst in höheren Spielklassen lange praktiziert wurde, trägt der Lenninger Coach einer generellen Entwicklung im Handballsport Rechnung, der deutlich athletischer und vor allem schneller geworden ist. Die Zeiten, da Rückraumkanoniere auf den linken oder rechten Halbpositionen klebten und der Kreisläufer 60 Minuten lang in der gegnerischen Abwehr wühlte, sind offenbar passe. Und: Eine flexible Abwehr ist heute die halbe Miete.

Damit zählt Hahn wie sein Owener Kollege Enrico Wackershauser zu einer neuen Generation von Trainern, die mit Erfolg modernen Handball exerzieren und sich dafür auch im Jugendbereich stark machen: Wackershauser als sportlicher Leiter des Handball-Teilzeitinternats in Nellingen, Hahn als Jugend-Koordinator der JSG Neuhausen-Metzingen, wo mit der A-Jugend in der Oberliga ein viel versprechender Nachwuchs heranreift. Dass der deutsche Handball inzwischen auch international wieder Anschluss an die Weltspitze gefunden hat, ist für Hahn ein Indiz für den Wandel in der Trainingslehre. Koordinationsfähigkeit und Aktionsschnelligkeit sind Schlüsselqualifikationen, die heute bereits im Alter von sieben oder acht Jahren geschult werden. Der Handballer der Zukunft ist zweifellos ein Allrounder mit vielfältigen Stärken und wenig Schwachpunkten. Bestes Beispiel im Falle Lenningens: Jochen Renz mit 33 Jahren der Senior in der Mannschaft. Ein unermüdlicher Rackerer und als offensiver Abwehrspieler auf der Mittelposition wohl einer der stärksten der Liga. "Für mich ein Schlüsselspieler", gesteht der Trainer ein.

Ein jeder trägt derzeit seinen Teil zum Lenninger Erfolg bei. Jochen Leitner etwa, der sich nach einjähriger berufsbedingter Abstinenz nahtlos in die Mannschaft integrierte und seitdem konstante Leistung bringt oder Steffen Kazmaier, der zentrale Mann im Rückraum mit dem sicheren Gespür fürs richtige Tempo. Ein Antreiber, der weiß, wann er den Fuß vom Gas nehmen muss. "Inzwischen bestimmen wir das Tempo auf dem Platz", attestiert Hans Hahn seiner Mannschaft Fortschritte in Taktik und Spielaufbau. "Früher war das oft der Gegner."

Vor einem möglichen Aufstieg in die Verbandsliga wäre dem Coach demnach nicht Bange. "Wir haben junge Spieler mit Potenzial, eine tolle Halle und ein Publikum, das sich zu hundert Prozent mit der Mannschaft identifiziert." Doch Hahn wäre ein schlechter Stratege, würde er den Aufstieg als beschlossene Sache deklarieren, denn dafür ist die Luft an der Tabellenspitze derzeit zu dünn. Immerhin haben die Lenninger ihre Auswärtsschwäche inzwischen abgelegt und zeigen sich auch in fremder Halle stabil. Dies wird freilich auch nötig sein, wollen sie die Rückrunde ohne nennenswerte Blessuren überstehen. Denn mit Ausnahme des Heimspiels gegen den TSV Weilheim am 22. Januar muss die SG gegen alle vier Mitkonkurrenten im Kampf um die Meisterschaft auswärts antreten. "Die Mannschaft hat einen enormen Ehrgeiz entwickelt", stellt Hans Hahn fest. Die Zeit so scheint es ist reif für den Titel.