Lokalsport

Eine Flatrate für den Krisenfall

Sie hat nicht nur das Talent für den Handballsport in die Wiege gelegt bekommen. Familiensinn und Bodenhaftung zählen im Leben von Christine Dangel. Manches davon hat sie geopfert, um sportlich ihren Weg zu gehen. Nach dem Abstieg mit Frisch Auf Göppingen und zwei Bänderrissen zu Saisonbeginn steht die 26-jährige Kreisläuferin aus Oberlenningen mit dem Thüringer HC vor einem Neuanfang in der Bundesliga.

BERND KÖBLE

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LENNINGEN Frühstück mit den Eltern, danach Besuch bei der Schwester, am Nachmittag zur Theatheraufführung mit den Patenkindern. Christine Dangel ist auf Heimaturlaub, auch wenn ein Blick in den Terminkalender anderes vermuten lässt. Stress? Keine Spur. Volles Programm? Allerdings. "Ich genieße jede Stunde mit der Familie", sagt sie. Die kurze WM-Pause macht's möglich. Während die Nationalmannschaft in Frankreich in der Hauptrunde steht, bleibt den Bundesligateams bis zum WM-Finale am 16. Dezember Zeit zum Durchatmen. Vier Tage vor Weihnachten beginnt für Christine Dangel und ihren neuen Club, den Thüringer HC, bereits wieder der Alltag: Im Achtelfinale des DHB-Pokals wartet der Ligakonkurrent aus Ketsch, eine Woche später geht es zum Punktspiel nach Frankfurt/Oder.

Seit Juni pendelt Christine Dangel zwischen ihrer neuen Wohnung in Erfurt und dem 35 Kilometer entfernten Trainingszentrum in Bad Langensalza, wo der Thüringer HC seine Bundesligaspiele bestreitet. In einem kleinen Konstruktionsbüro, nicht weit von der Sporthalle entfernt, verdient sie sich zwei Mal die Woche ein Zubrot, um auch in ihrem Beruf als technische Zeichnerin am Ball zu bleiben. Der Job macht ihr Spaß, in dem kleinen sechsköpfigen Team fühlt sie sich aufgehoben. Nicht nur dort. Das Gesamtpaket, sagt sie, habe ihr den Wechsel an die Gera erleichtert. "Ich bin ein heimatverbundener Mensch", gesteht die Ausnahmehandballerin aus dem Täle. "Wenn ich mich zu einem solchen Schritt entscheide, muss auch das Drumherum stimmen." Dass dies vor allem sportlich stimmt, bestätigen ihr die müden Glieder, wenn sie nach einem harten Trainingstag nach Hause kommt: "Hier wird unglaublich professionell gearbeitet sowohl was Umfänge, als auch Inhalte angeht", stellt sie fest.

Es ist das zweite Mal, dass es die Lenningerin zu einem Bundesligaclub in die Fremde zieht, seitdem sie vor fünf Jahren eine Saison lang das Trikot des 1. FC Nürnberg getragen hatte. Der unvermeidbare Abstieg mit Frisch Auf Göppingen in die zweite Liga war für die 26-Jährige im Frühjahr gleichzeitig das Ende aller Hoffnungen auf eine sportliche Zukunft unterm Hohenstaufen. Dort hatte sie während der sechs Jahre in Diensten der Grün-Weißen alle Höhen und Tiefen miterlebt. Entscheidend war am Ende die Erkenntnis, dass im Schatten der übermächtigen Männermannschaft in Göppingen die finanziellen Perspektiven fehlen. Als THC-Trainer Dago Leukefeld bei ihr anrief, fiel die Bedenkzeit kurz aus.

Dass sich Erfolg nicht planen lässt, ist hingegen ein Lehrstück aus der Thüringer Schule: Das erste Mal rissen die Bänder im Sprunggelenk während der Vorbereitung im Sommer, das zweite Mal zu Beginn der Saison. Seitdem kämpft Christine Dangel in Erfurt um den Anschluss und darum, ihrer Rolle als Führungsspielerin gerecht zu werden. Keine leichte Aufgabe, denn die Konkurrentin am Kreis heißt seit ein paar Monaten Kathrin Blacha. Die zweimalige Handballerin des Jahres ist trotz Karriereendes die derzeit wohl gefragteste Aushilfskraft im deutschen Handball. Erst lotste sie Leukefeld als Dangel-Ersatz nach Erfurt, dann verhalf Bundestrainer Armin Emrich der 37-Jährigen zu ihrem 209. Länderspiel. Weil Kreisläuferin Anja Althaus nach ihrer Schulter-OP zum Auftaktspiel gegen die Ukraine nicht rechtzeitig fit wurde, kam Kathrin Blacha unverhofft zu ihrer dritten WM-Teilnahme.

Für Christine Dangel, die als etatmäßige Nummer eins am Kreis den Weg nach Thüringen antrat, ruhen die Hoffnungen nun auf einer verletzungsfreien Rückrunde. Ein Wunsch, in den sie die gesamte Mannschaft mit einbezieht, denn die Personaldecke beim THC ist dünn. Mit Marielle Bohm, die ihre Handballschuhe schon in Wernau und Metzingen schnürte, und der Tschechin Lucie Fabikova machte sich die Verletzungsmisere zuletzt auch im Rückraum bemerkbar. Als Tabellensiebter ist der THC derzeit vom erklärten Saisonziel Platz vier ein gutes Stück weit entfernt.

"Die Situation ist momentan nicht einfach", sagt Christine Dangel, die ihren Optimismus fürs neue Jahr nicht verloren hat. Wenn es sportlich nicht rund läuft, wird das Telefon mehr denn je zur Lebensader. "Ich hab' zum Glück eine Flatrate", meint sie lächelnd. Rat und Beistand aus dem Elternhaus in Oberlenningen bedeuten ihr viel. Schließlich weiß sie, wem sie ihr Talent zu verdanken hat: Der Vater, einst gefürchteter Abwehrstratege zu Oberlenninger Oberligazeiten, die Mutter, über zwei Jahrzehnte lang Stammtorhüterin beim Nachbarclub TSV Owen dort, wo auch die Tochter das Handballspielen erlernte. Die Eltern haben noch kein Heimspiel des THC in dieser Saison versäumt. "Es tut gut, wenn man weiß, dass man daheim unterstützt wird", sagt Christine Dangel und blickt erschrocken auf die Uhr. "Die Verabredung mit der Schwester und den Patenkindern", meint sie entschuldigend. Eine WM ist manchmal doch schneller vorbei als man denkt.