Lokalsport

Ende der Reifezeit

Nach WM-Silber im vergangenen Sommer will Manuel Fumic 2014 zu seinem Jahr machen

Nie war die Zuversicht größer, nie waren die Erwartungen höher gesteckt. Wenn für Manuel Fumic kommende Woche auf Zypern der Startschuss für die neue Rennsaison fällt, gehört der Mountainbike-Vizeweltmeister erstmals zum Kreis der Topfavoriten auf große Titel.

Schautraining im Februar mit Kindern des SV Reudern: Wenn es der Rennkalender zulässt, widmet sich Manuel Fumic mit Freude dem w
Schautraining im Februar mit Kindern des SV Reudern: Wenn es der Rennkalender zulässt, widmet sich Manuel Fumic mit Freude dem wissbegierigen Nachwuchs. Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Sechs Wochen Kap haben Spuren hinterlassen. Braun gebrannt, lächelnd, zufrieden sitzt er auf dem schmalen Hocker in seinem Stammcafé. Nur die unruhigen Beine unterm Tisch verraten: Es ist Februar. Zeit, dass es losgeht. Wenn Manuel Fumic über seinen Sport redet, klingt das noch immer so, als ob ein Halbwüchsiger von seiner ersten großen Liebe erzählt. Hastig, ohne Pause, fast atemlos. Am Vortag hat er in der Teamzentrale das Material für die neue Saison gemustert. „Das ist etwa so, wie wenn ein Kind in einen Spielzeugladen kommt“, sagt er, lacht und nippt an seinem Cappuccino.

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Die Deutschland-Zentrale und das Materiallager seines Teams Cannondale liegen inzwischen drüben im Remstal. Genau gesagt in Kernen. Dort, wo man sich über das Wachstum von Riesling- und Trollinger-­Reben den Kopf in der Regel eher zerbricht, als über Laufräder und Carbonteile. Wein ist auch in der Kap-Provinz Stellenbosch ein bedeutendes Thema. In der Umgebung von Kapstadt findet Deutschlands erfolgreichster Mountainbiker seit Jahren ein perfektes Winterquartier fürs Training, und obwohl er von Berufs wegen die Finger eher vom Alkohol lässt, gibt es doch viele Parallelen. Ein Spitzenwein darf auf dem Weg zum Höhepunkt mitunter Jahrzehnte reifen. Manuel Fumic steht vor seinem 14. Jahr als Mountainbike-Profi und glaubt, den Gipfel in Sichtweite zu haben.

Auch das hat mit Südafrika zu tun. Am Südende des schwarzen Kontinents ist er im August vorigen Jahres Vizeweltmeister geworden. Das hat vor ihm kein Deutscher geschafft, und darauf ist er zu Recht stolz. Dass an der Stätte seines bisher größten Erfolgs im April die neue Weltcup-Saison beginnt, könnte man als gutes Omen werten. Seit Sommer jedenfalls zeigt seine Erfolgskurve steil nach oben: Silber bei der WM in Pietermaritzburg, Platz drei wenige Wochen später beim Abschluss-Weltcup im norwegischen Hafjell, wo in diesem Jahr im September die Weltmeisterschaften stattfinden. Gut möglich, dass 2013 auch im Weltcup sein Jahr geworden wäre. Hätte ihm nicht wie schon so oft in seiner bisherigen Karriere das Schicksal einen Streich gespielt. Weil er sich im Training vor dem Auftaktrennen in Albstadt das Schlüsselbein brach, erlebte er die erste Saisonhälfte nur als Zuschauer.

Darüber reden will er nicht mehr, auch nicht mehr daran denken. Als gelte es, böse Geister zu verscheuchen. Das Thema heißt 2014, und Manuel Fumic ist heiß wie selten zuvor. Gut sechs Wochen sind es bis zum Weltcup-Auftakt. „Meinetwegen könnte es schon morgen los gehen“, sagt er. So redet einer, der überzeugt ist, bisher alles richtig gemacht zu haben. Die Trainingswerte belegen dies, doch Daten sind auch im Sport nicht alles. Es ist das Gesamtpaket, das ihm die Zuversicht gibt, dass 2014 ein gutes Jahr wird. Viele kleine Stellschrauben, an denen er schon in der vergangenen Saison gedreht hat. Im Rennen und in der Trainingsplanung. „Ich bin auf dem richtigen Weg, mache viel weniger Fehler als früher“, sagt er. „Jetzt gibt es keine Ausreden mehr.“

Ende März wird er 32. Die Wintermonate sind auch die Zeit für Zukunftsgedanken. Gedanken ans Karriereende? „Lass uns über etwas anderes reden“, sagt er. „Es gibt noch so viel zu tun.“ Konkreter: der lang ersehnte erste Weltcupsieg, ein Platz unter den Top drei der Welt und nicht zuletzt die Aussöhnung mit Olympia. Rio 2016 wären seine vierten Spiele und die wohl letzte Chance auf eine Medaille. Danach vielleicht noch ein, zwei Jahre dranhängen. Der Spanier José Hermida zeigt, dass es geht. Der ist 35 und noch immer ein Kandidat für einen der vorderen Plätze.

Olympia ist noch fern. Erst 2015 gilt es, sich für Rio in Position zu bringen. Von einem „toten Jahr“ kann dennoch nicht die Rede sein. Die Phase zwischen zwei Olympia-Zyklen ist für die meisten Fahrer die Zeit für Vertragsverhandlungen. Auch Manuel Fumics Kontrakt mit Cannondale läuft zum Saisonende aus. Für fast alle gilt es, den eigenen Marktwert neu zu taxieren. Das zeigt der Blick aufs Starterfeld beim Sunshine-Cup, wo am 9. März auf Zypern die ersten Rennkilometer der Saison gesammelt werden. Das traditionelle Auftaktrennen ist in diesem Jahr so stark besetzt wie selten zuvor. Für Manuel Fumic geht es danach Schlag auf Schlag: zwei Rennen der US-Cup-Serie im Heimatland von Cannondale, bevor am 13. April im südafrikanischen Pietermaritzburg die Weltcup-Saison beginnt. Die dauert in diesem Jahr länger als zuletzt: Sieben Termine statt sechs stehen 2014 im Kalender. Dabei macht die Serie am 24. April im australischen Cairns zum ersten Mal seit 18 Jahren wieder auf dem fünften Kontinent Station. Auch Deutschland mischt wieder mit im Weltcup-Zirkus: Wie schon im Vorjahr bei der Saisoneröffnung ist Albstadt 2014 Austragungsort. Diesmal bei der vierten Etappe am 1. Juni.

Wie viele Reisekilometer er in seiner bisherigen Profilaufbahn gesammelt hat, weiß er nicht. Bis auf eine kleine Lücke im Juli ist der Terminkalender auch in diesem Jahr randvoll. In der Welt zu Hause sein, aus dem Koffer leben – früher hatte das seinen Reiz. Seit er Familienvater ist, hat sich der Blick verändert. „Flughäfen sind nicht mehr wirklich das, was ich brauche“, gesteht er. „Gut, dass es Skype gibt“, meint er feixend, „sonst hinge daheim der Haussegen schief.“ Die Zeit zu Hause in Lindorf ist kostbar geworden. Wenn er zu Hause ist, heißt es, am Morgen so früh wie möglich aufs Rad, damit der Rest des Tages der Familie gehört. Sie gibt ihm die Ruhe und die Balance, die er braucht, um das zu sein, was er seit Sommer ist: Der beste Fumic, den es jemals gab.

Die wichtigsten Termine 2014

Weltcuprennen 10. April Pietermaritzburg (SFA) 24. April Cairns (AUS) 23. Mai Nove Mesto (CZE) 30. Mai Albstadt (GER) 31. Juli Mont-Sainte-Anne (CAN) 7. August Windham (USA) 21. August Méribel (FRA) Weltmeisterschaften 2. bis 7. September Hafjell (NOR) Deutsche Meisterschaften 19./20. Juli Bad Säckingen