Lokalsport

Erfolgsstory einer Stammtischwette

BERND KÖBLE

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BISSINGEN Wenn die Schatten am Dachsbühl länger werden, schlägt auf der Bissinger Meile die Stunde der Favoriten. Keine Regel ohne Ausnahme, war man gestern lange Zeit versucht, zu meinen, denn Morgenstund' hatte diesmal wirklich Gold im Mund. Wer sich nicht scheute, den Tag mit einem Gewaltakt zu beginnen, hatte bei der gestrigen 10. Auflage des Bergzeitfahrens über 1,6 Kilometer vor den Toren Bissingens beim Windpoker die besseren Karten. Die erfrischende Brise hätte eigentlich für willkommene Abkühlung sorgen können, doch ständig wechselnde Windrichtungen lieferten im Verlauf des Tages so manchem Zeitenjäger einen erbitterten Kampf und sorgten am Start für ein regelrechtes Lotteriespiel.

Und doch war es am Ende fast eine Kopie des Vorjahres. Damals fuhr der Notzinger Simon Mößner in neuer Rekordzeit (2.46,64) übern Zielstrich, als alle schon ans Einpacken dachten. Dessen Bestzeit hielt, doch wieder war es ein Last-Minute-Mann, der gestern kurz vor Torschluss um 15 Uhr den Tagessieg einfuhr: Der Jesinger Andreas Miller verdrängte in 2.54,70 Minuten den bis dahin führenden Tobias Blahak (2.57,00) noch von der Spitze. Auch bei den Frauen war die Bestmarke nicht in Gefahr. Dem Streckenrekord von Susanne Niemeyer aus Owen (3.24,48) am nächsten kam die 18-jährige Weilheimerin Heike Noever, deren Tagesbestzeit von 3.49,90 von keiner Konkurrentin unterboten wurde.

Einen eindrucksvollen Beweis dafür, dass Alter nicht vor Sportsgeist schützt, lieferte hingegen der Naberner Max Kanal, der zwar keine Bestzeit verbuchte, dafür jedoch einen neuen Altersrekord aufstellte. Allein die Tatsache, dass das Klassement den Jahrgang 46 als oberes Limit setzt, verwehrte dem 83-Jährigen einen Klassensieg. In guter Gesellschaft war der rüstige Radler in der Seniorenklasse allemal. Tagessieger Eugen Mayer folgt dort offenbar dem Motto "Je älter, desto besser." Bei seinem zehnten Start im zehnten Jahr der Veranstaltung glänzte der 65-jährige Weilheimer mit neuer persönlicher Bestzeit (3.38,10), die manch Jüngerem an diesem Tag zur Ehre gereicht hätte.

Zufriedene Gesichter allenthalben waren in den Reihen des Veranstalters zu beobachten. Wenn schon keine neuen Streckenrekorde, so konnten die mehr als 40 Helfer der Alpin- und Radsportabteilung des TV Bissingen mit 225 Startern gestern immerhin einen neuen Teilnehmerrekord vermelden. Die genossen einen herrlichen Sommertag in und ums Festzelt, wo zum kleinen Jubiläum "Die üblichen Verdächtigen" schon am frühen Nachmittag musikalisch den Takt auf der Strecke vorgaben. Dort hat traditionsgemäß auch der Spaß seinen Platz, wie die Besitzer zahlreicher kurioser Vehikel verdeutlichten, die sich das stetig steiler werdende Asphaltband bis zum Ziel hinaufquälten. Sieben Mann respektive Frau hoch auf einem Gefährt das "Conference-Bike" macht's möglich.

Und als das Fest sich schließlich zum Ende neigte, war auch das Geheimnis gelüftet, wie vor mehr als zehn Jahren alles begann: Hätte der TV Bissingen Ernst Pangerl nicht, und jener kein "Wiesle" unterm Breitenstein, die Bissinger würden manches Fest feiern nur eben die Meile nicht. Den Mann mit dem Kopfhörer, der die Fahrer alljährlich auf die Strecke schickt, trieb einst die blanke Neugier um. Die Frage, wie schnell man vom Dachsbühl zu jener Baumwiese komme, entwickelte sich zum heiß diskutierten Stammtischthema und Pangerl selbst legte vor: 3,30 Minuten lautete der Ur-Rekord, den zu schlagen mit einem Kasten Bier belohnt wurde. Die Idee war geboren und die Meile entwickelte sich vom reinen Bissinger Wettstreit in Kürze zum lokalen Sportereignis mit stetig wachsender Teilnehmerzahl bis zum gestrigen Tag.