Lokalsport

Ergraute Zugpferde bleiben im Stall

Rezept in der Krise: Der GP Kirchheim lenkt den Fokus auf Amateursport und Nachwuchs

Ein rekordverdächtiges Teilnehmerfeld, neue Bescheidenheit und die große Hoffnung, dass beides Anerkennung findet beim sportbegeisterten Kirchheimer Publikum – das sind die Kennzeichen vor der 25. Auflage des Kirchheimer Radrennens, das morgen Abend um 18.30 Uhr mit dem Citysprint der Mountainbiker beginnt.

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Bernd Köble

Kirchheim. Ginge es nach der Vielzahl von Liebesbekundungen, den Machern des GP Kirchheim müsste um die Zukunft des traditionsreichen Rennens kaum bange sein. Die Atmosphäre, der Kurs mitten durch die von Fachwerk umsäumte Innenstadt hat ihren ganz besonderen Reiz, und der bleibt auch den meisten Fahrern nicht verborgen. „Kirchheim ist einfach super, so etwas findet man selten“, meint Marc Sannwald, Teamchef von Sixdays-Triumphator Leif Lampater, der am Sonntag zum dritten Mal Anlauf auf den obersten Treppchenplatz nimmt.

Dass dies mehr als nur eine höfliche Geste ist, beweist die Tatsache, dass der RSV Schmiden in diesem Jahr nicht weniger als 15 Fahrer in die Teckstadt entsendet. Das Signal ist deutlich: Mehr Rückendeckung für Teamkapitän Leif Lampater, der sich in den vergangenen beiden Jahren jeweils im Zielsprint geschlagen geben musste, nachdem er in der Schlussphase des Rennens auf sich alleine gestellt war. Diesmal also wollen die Schmidener alles richtig machen und zumindest zahlenmäßig die Dominanz des stark besetzten Merida-Teams durchbrechen. Einer im Trikot der Remstal-Equipe ist der Lenninger Karsten Vesterling, der sich aufs Heimrennen vor der eigenen Haustür freut.

Von einer Kampfansage will Sannwald dennoch nicht sprechen, dafür kennt man sich zu gut. „Wir sind eng mit dem Merida-Team befreundet“, verrät er. „Da klopft keiner vorher große Sprüche.“ Doch wenn der Startschuss fällt, haben Freundschaften Pause. „Wettkampf ist Wettkampf“, meint Merida-„Capitano“ Steffen Greger, der erst vor zwei Wochen seinen baden-württembergischen Meistertitel erfolgreich verteidigt hat. Gut drauf sind sie alle, die Jungs im blaugrünen Express aus Herrenberg, bei dem am Sonntag nur USA-Tourist Andi Mayr fehlen wird und der mit Vorjahressieger Benjamin Diemer den vielleicht sprintstärksten Fahrer im Feld vorweisen kann. „Wir sind ausgeglichen besetzt und jeder von uns kann ein Rennen lesen“, sagt Greger. Er traut seiner Mannschaft zu, auf jede Taktik die passende Antwort zu finden. Er weiß aber auch: „Leif Lampater ist einer, der auf so einem Kurs immer gewinnen kann.“

Für den diesjährigen Sieger des Bremer Sechstagerennens ist nach einer langen und kraftraubenden Bahnsaison auf der Straße noch nicht allzu viel gelaufen. Auf den Sommer eingestimmt hat er sich an einem Ort, an dem man schnelle Leute allenfalls auf der Tartanbahn vermutet: Beim Cycling-Festival auf Trinidad and Tobago belegte Lampater im März Platz vier unter stechender Karibik-Sonne. Tropische Hitze haben die Fahrer am Wochenende kaum zu erwarten, auch wenn einer damit vermutlich kein Problem hätte: Erik Hoffmann, Deutscher mit namibischem Pass, ist ein weiterer heißer Anwärter auf einen Podiumsplatz. Auch ohne Teamunterstützung ist dem diesjährigen Schönaich-Sieger, der unter namibischer Flagge im Glutofen von Peking Platz 22 im olympischen Straßenrennen belegte, ein Sieg in Kirchheim durchaus zuzutrauen.

Für Spannung ist folglich gesorgt, zumal auf dem engen und verwinkelten Kirchheimer Stadtkurs eine Sprintentscheidung vorprogrammiert ist.

Mit rund 70 Startern im Hauptrennen hat Organisator Albert Bosler so viele Anmeldungen wie noch nie unter seiner Federführung entgegengenommen, und auch die restlichen Klassen sind ähnlich stark besetzt. Das knapp 30 Fahrerinnen starke Feld der Frauenelite etwa rekrutiert sich aus dem gesamten Bundesgebiet, Österreich und der Schweiz. Die Entscheidung, im schwersten Krisenjahr seit den Anfängen des Rennens vor 25 Jahren, den Fokus wieder mehr auf den Amateursport zu richten, zeigt Wirkung. Nun hofft Bosler, dass dies vom Publikum auch honoriert wird. Statt auf angegraute Zugpferde mit zweifelhafter Vergangenheit setzt Kirchheim wieder verstärkt auf den Nachwuchs.

Das gilt nicht nur fürs Straßenrennen, das gilt auch fürs Feld der Mountainbiker, die bereits am morgigen Samstag ihren Sieger beim Citysprint durch die Fußgängerzone ermitteln. Eine Reihe von U23-Fahrern aus dem Landeskader von Trainer Thomas Schediwie wollen versuchen, gestandenen Profis wie Hannes Genze das Leben so schwer wie möglich zu machen. Der drittbeste deutsche Marathonfahrer des vergangenen Jahres wird übrigens auch am Sonntag am Start sein. An Gastspiele der Geländebiker im Straßenpulk knüpfen viele in Kirchheim gute Erinnerungen: 2007 hatte Genzes Teamkollege Jochen Käß bei seinem Parforceritt als einsamer Verfolger 52 Runden lang das Podium vor Augen, ehe er auf den letzten Metern vom Feld gestellt wurde. Geschichten wie diese sind das Salz in der Suppe eines jeden Rennens.