Lokalsport

„Es macht wieder Spaß“

Basketball: Die Knights beschenken sich und das Publikum mit einem neuen Teamgeist

Deutschlands beliebteste TV-Show lief noch, da hatte Kirchheim schon seinen Wettkönig. Knights-Coach Frenkie Ignjatovic hatte an seine Mannschaft geglaubt und wurde mit Beifallsstürmen belohnt. Mit dem Sieg der Basketballer gegen Jena endete in der Sporthalle Stadtmitte am Samstag eine lange Dürreperiode: Der erste Heimsieg seit dem Erfolg gegen Crailsheim am 9. März dieses Jahres – und was für einer.

Kirchheim Knights - JenaRadi Tomasevic
Kirchheim Knights - JenaRadi Tomasevic

Kirchheim. Ein Resultat für die Merkliste: 29 Dreier zischten in 40 Spielminuten hüben und drüben durch die Reuse. Und einer schien davon noch immer nicht genug zu haben: Kirchheims Kapitän Radi Tomasevic, gegen den Tabellenführer aus Jena bester Mann auf dem Spielfeld, griff noch einmal in die Tasten und setzte den Schlussakkord. Sein erfolgreicher Distanzwurf zum 113:101 zwei Sekunden vor Schluss war eigentlich bedeutungslos und führte doch zur einzigen unschönen Szene einer ansonsten fairen Partie. Als Tomasevic zum finalen Wurf ansetzte, war die Partie bereits entschieden und ein frustrierter Gegner hatte den Arbeitstag vorzeitig beendet. Das Team in Blau fühlte sich durch den Treffer ohne Gegenwehr noch mehr gedemütigt, als es ohnehin schon war. Ein kurzer Tumult, der ohne Folgen blieb. Coach Frenkie Ignjatovic nahm seinen Kapitän hinterher in Schutz: „Wir sind hier nicht die NBA. Anders als in Amerika wissen die Spieler, dass erst Schluss ist, wenn die letzte Sekunde abgelaufen ist.“

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Dass auch drei Punkte in der Endabrechnung entscheidend sein können, weiß man in Kirchheim nur allzu gut. Schließlich stand man zum Saisonende nur deshalb auf einem Abstiegsplatz, weil man im direkten Vergleich mit den Konkurrenten den Kürzeren zog. Das sah offenbar auch Jenas Trainer Björn Harmsen so. „Er kam hinterher zu mir und hat betont, dass er es in dieser Situation nicht anders gemacht hätte“, erzählt Tomasevic, der sich gestern vor allem über kritische Stimmen aus dem eigenen Fanlager enttäuscht zeigte.

Die Enttäuschung bei den Thüringern saß deutlich tiefer. Fast konnte einem die junge Mannschaft aus Jena leid tun. Selten zuvor hatte ein Gegner in der Sporthalle Stadtmitte spielerisch und kämpferisch so überzeugt. Drei Viertel lang lagen sie vorne, hatten auf jeden Kirchheimer Versuch, das Blatt zu wenden, die passende Antwort und standen am Ende doch mit hängenden Köpfen da. Am Ende gab die größere Erfahrung den Ausschlag. Von Spielern wie Tomasevic oder Sebastian Adeberg, der mit Dorenzo Hudson den entscheidenden Mann der ersten Hälfte im zweiten Spielabschnitt an die Kette legte. Ignjatovics ausgegebener Marschplan zur Pause war klar: Das Spiel so lange wie möglich offen halten. Ein knappes Ergebnis war für den Tabellenführer, der schon am ersten Spieltag gegen Magdeburg locker die Hundert-Punkte-Marke geknackt hatte, eine neue Situation.

Offen blieb das Spiel auch deshalb, weil die Knights in dieser Saison wieder einen echten Playmaker in ihren Reihen haben. Bryan Smithson ist nach drei Spieltagen der erfolgreichste Passgeber der Liga und der Kirchheimer Motor mit Langlauf-Garantie: Drehfreudig und durchzugsstark. Seine elf Korbvorlagen am Samstag sind vorläufig die Richtschnur in dieser Saison. Dabei sieht der Coach seinen Ideengeber noch nicht einmal bei hundert Prozent: „Bryan hat zwei Jahre lang pausiert, in manchen Situationen fehlt ihm noch die Spielpraxis“, sagt Ignjatovic, der für die Berufseinstellung seines Schützlings hingegen nur ein Wort findet: vorbildlich. Dabei hatte Smithson, wie schon in den beiden Partien zuvor, trotz seiner kraftraubenden Spielweise kaum Gelegenheit zum Luftholen. Heute Abend wird Ersatz Michael Baumer im Training zurückerwartet. Ob es nach zehntägiger Grippe-Erkrankung zu einem Einsatz am Samstag in Essen reicht, ist allerdings fraglich. Die Mannschaft funktioniert derzeit freilich auch ohne ihn. Ein Beweis für den intakten Teamgeist. „Wer bei uns die Punkte macht, ist völlig egal, es macht wieder Spaß“, meint Kapitän Radi Tomasevic, der sich als Backup auf der ungeliebten Spielmacherposition in den Dienst der Mannschaft stellt. Der 35-Jährige ist am längsten dabei und weiß: Das war nicht immer so.

Einstellung und Charakter stimmen also. Mit der Linientreue seiner Jungs hatte der Coach am Samstag allerdings seine liebe Not. Weil die Mannschaft seine taktische Vorgabe im ersten Viertel nicht befolgte, geriet Ignjatovic einige Male außer sich. Auf die konsequente Pressdeckung der Jenaer war man dank ausführlichem Video-Studium vorbereitet. Einige unnötige Ballverluste beim ersten Pass von der Grundlinie brachten den Coach allerdings so in Rage, dass er sich kurz darauf nach zwei strittigen Schiedsrichter-Entscheidungen ein technisches Foul einhandelte.

Jetzt heißt es, den Kopf kühlen und umschalten. Am Samstag in Essen erwartet die Kirchheimer ein Gegner mit völlig anderer Spielweise. Für den Coach kein Grund, sich Sorgen zu machen. „Meine Mannschaft ist psychisch stark“, sagt er. „Da hebt so schnell keiner ab.“