Lokalsport

Frickenhausen – Peking – Mailand: Tokic im Reisefieber

Olympia-Kandidaten aus der Region (1): Der slowenische Tischtennis-Profi des TTC hat das China-Ticket bereits in der Tasche

Wer darf mit nach Peking und rückt weltweit ins Rampenlicht? Die olympische Gretchenfrage stellen viele Sport-Enthusiasten in diesen Tagen – klar: das größte Sportereignis aller Zeiten rückt näher. Die Sportredaktion des Teckboten beleuchtet die lokale Seite der Medaille. In einer Serie stellen wir jene Sport-Protagonisten aus der Region vor, die das Flugticket zu den Olympischen Sommerspielen entweder schon gelöst haben oder es noch lösen können. Heute: Tischtennis-Profi Bojan Tokic (TTC Frickenhausen).

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THOMAS PFEIFFER

Frickenhausen. Es ist die Malocher-Mentalität, die Bojan Tokic auszeichnet. Denn der 27-jährige Slowene, der seit Sommer 2004 Tischtennis-Vertragsspieler des Bundesligisten TTC Frickenhausen ist, trägt das Gen des Naturtalents vordergründig nicht in sich: Vater Miroslav ist in seiner Heimat ebenso wenig als frühere Sportsgröße bekannt wie die Mutter, die mit Sport „überhaupt nichts am Hut hat“, wie der Sohn schmunzelnd zu berichten weiß. Trotz der elterlichen Nicht-Vorbelastung ist der Angriffsspieler Tokic die Nummer 46 der aktuellen Weltrangliste und längst für die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking qualifiziert (wir berichteten). „Bojan erarbeitet sich alles hart“, skizziert der chinesische TTC-Trainer Jian Xin Qiu das Erfolgsrezept.

Jetzt sitzt Tokic, der gerne Spätzle und Spezi konsumiert, aber niemals Alkohol und Zigaretten, nach schweißtreibendem Training in seiner 90-Quadratmeter-Wohnung inmitten Frickenhausens Zentrum. Vorm Haus parkt sein bescheidenes Dienstgefährt – ein dunkelfarbiger VW Polo, der ebenso wie die Wohnung vom Verein finanziert wird und dem TTC-Spieler rund um die Uhr zur Verfügung steht. „Außer Essen, Benzin und Telefonkosten hab‘ ich hier alles frei“, sagt Tokic. Trotz der Profi-Privilegien lebt er weiter auf kleinem Fuß. Zwei Jahre lang logiert er nun im zweiten Stock der Hauptstraße 19, doch verändert in seinem direkten Wohnumfeld hat sich seither nicht viel.

Dekoratives Mobilar ist Mangelware, und so wird eine kleine Pinwand neben einer Essecke zum Blickfang. Fotos und Schlagzeilen aus den vergangenen Jahren finden sich dort – Reminiszenzen an seine persönliche Erfolgsgeschichte. Die ist, was das Kapitel TTC betrifft, lang.

Zwei Mal wurde der Vollprofi mit dem Tälesclub Deutscher Meister, je einmal DTTB-Pokalsieger und Gewinner des europäischen ETTU-Cups. Es ist das Beste, was ihm in seiner acht Jahre dauernden Profi-Karriere mit früheren Club-Stationen beim SV Plüderhausen („die haben mich nach einem Probetraining in Ochsenhausen geholt“), in Cagliara und Montpellier bisher widerfahren ist. Die Bilder wecken Gefühle, viele guten („wir haben mit dem TTC viel erreicht“), einige schlechte. Denn aus Gründen eines abgespeckten Saison-Etats muss der Slowene, der im Täle verhältnismäßig viel Popularität genießt („auch Verkäuferinnen erkennen mich“), zum Saisonende die Koffer packen beim TTC.

Diesen Abschied hätte er gerne vermieden, wäre am liebsten zwei weitere Jahre geblieben. Doch offenbar wollte das keiner – sagt ­Tokic: „Fünf Monate lang habe ich auf einen entsprechenden Anruf des Managers gewartet, um zu wissen, wie es mit mir weitergeht.“ Weil keiner kam und er wie auf Kohlen saß, unterschrieb Tokic noch vor Weihnachten 2007 beim italienischen Abonnementsmeister ASTT Pieve Emanuele Mailand. So jedenfalls Tokics Version zu seinem unverhofften Abgang – die des TTC ist naturgemäß eine andere. Präsident Rolf Wohlhaupter-Hermann: „Wir haben mit unseren Spielern entsprechend der Setzliste verhandelt. Boran war im Januar dran. Als wir mit ihm verhandeln wollten, hatte er bei den Mailändern bereits unterschrieben.“

Die hatten wochenlang um Tokic gebuhlt und schließlich auch noch Ma Wenge (40) verpflichtet. Ab dem Spätsommer 2008 jagt also die halbe TTC-Mannschaft in der Poebene der Zelluloidkugel nach. Tokic weiß schon jetzt, was ihn als Neuzugang aus Europas stärkster Liga dann erwarten wird: „Mailands Präsident will die fünfte Meisterschaft in Folge. Der nationale Titel zählt in Italien mehr als die Champions League.“ Tokic ist erwartungsfroh („das ist eine neue Herausforderung“), sagt aber auch: „Die deutsche Mentalität steht mir näher“.

Knapp 500 Kilometer entfernt vom kommenden Arbeitsplatz betont der gebürtige Bosnier – der in Peking das slowenische Ein-Mann-Tischtennisteam bilden wird und ganz bescheidene Ziele verfolgt („eins, zwei Spiele will ich gewinnen“) –, wie gut es ihm im Täle bisher gefalle. „Die Menschen hier sind nett, in Stuttgart kann man gut einkaufen und mit meinen TTC-Kameraden Bastian Steger und Patrick Baum gehe ich öfters mal aus.“ Die Freizeit in der 9000-Einwohner-Gemeinde abwechslungsreich zu gestalten ist kein Problem für ihn. Die Decke falle ihm nicht auf den Kopf.

Schließlich gibt‘s da seit zwei Jahren eine hübsche Freundin: Die Spanierin Sara Ramirez (20) teilt dieselbe Leidenschaft wie er – das Tischtennisspiel auf hohem Liga-Niveau. „Sara spielt in Spaniens erster Liga und hat sogar noch Olympia-Chancen“, sagt Tokic. Kennengelernt haben sich beide bei einem internationalen Turnier, seither gab‘s wenige Wiedersehen und umso mehr Chats und Telefongespräche via Internet. „Schön, wenn ich sie bei der Olympiade in Peking treffen könnte“, hofft Tokic.

Doch weil vor dem Vergnügen die Arbeit kommt, will Tokic an der Tischtennisplatte vorher nochmals richtig Gas geben. Der Mann, der jeden seiner Schläge unüberhörbar mit einem Urlaut unterstreicht, würde mit dem TTC gerne nochmals deutscher Meister werden. „Wenn Timo Boll nicht seinen besten Tag erwischt, haben wir gegen Borussia Düsseldorf in den Finalspielen eine echte Siegchance.“

Bojan Tokic greift nach den Sternen: Der dritte DM-Titel mit dem TTC, das wär‘s. Im Olympiajahr ganz besonders.