Lokalsport

Für 90 Minuten liegt Ghana morgen in Amerika

Osei Ocansey ist Holländer auf dem Papier. Als Sohn afrikanischer Eltern schlägt sein Herz "zu einhundert Prozent" weiter für Ghana. Für die WM-Überraschung, die morgen gegen Weltmeister Brasilien spielt, nimmt der schwarze Mann aus Albershausen, der auch Landesliga-Fußballer ist, weite Wege in Kauf.

THOMAS PFEIFFER

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ALBERSHAUSEN Was die deutsche Anhängerschaft nach dem denkwürdigen 2:0-Erfolg über

O:902F603.EP_Schweden seit dem Samstagabend in ausgelassenen Siegesfeiern zwischen Flensburg und Friedrichshafen schon hinter sich hat, würde Osei Ocansey (25) nur allzu gerne: ausgiebig den Einzug der eigenen Mannschaft ins WM-Viertelfinale begießen. Ocanseys Mannschaft kickt gegen Weltmeister Brasilien am Dienstag in Dortmund in der Spielbewertung pendelt der Schwarzafrikaner zwischen Hoffen und Bangen. "Eine echte Siegchance hat Ghana eigentlich nicht", sagt er in perfektem Deutsch und schiebt eine Pointe nach: "Hoffentlich nutzen wir sie."

Knapp 22 000 Ghanaer leben derzeit in Deutschland, doch Ocansey, Sohn ghanaischer Eltern aus der Millionenstadt Kumasi, wird in dieser Statistik nicht erfasst: Genauso wie seine Brüder Samuel (22) und Gimma (20) alle leben zusammen mit der Mutter inzwischen in der Nähe von Amsterdam, den Vater hat's nach Italien verschlagen hat der 1980 in Stuttgart geborene Osei Ocansey seit Jahren die holländische Staatsbürgerschaft. Eine reine Formsache, denn im Grunde seines Herzens blieb der Mann aus Albershausen stets Ghanaer zumindest in Sachen Fußball. "Ich halte einhundert Prozent zu Ghana", formuliert er seine WM-Präferenz, in der Oranje keine Rolle spielt.

Jetzt sitzt er zusammen mit Freundin Stefanie (25), einer gelernten Fotografin, daheim in der Wohnung vor dem Fernseher, spricht über den ghanaischen Fußball ("die WM-Erfolge haben unser Land richtig bekannt gemacht"), den bisher so guten Weltmeisterschafts-Ausrichter Deutschland ("das Motto "zu Gast bei Freunden" trifft voll"), seine berufliche Etablierung ("ich habe in Deutschland Bankkaufmann gelernt, schule derzeit auf Betriebswirt um") und darüber, dass er auch selber kicke: "Trainer Jürgen Schorstädt, den ich von meiner Zeit als Bezirksligaspieler des VfL Kirchheim kenne, hat mich für die kommende Saison zum GSV Dürnau geholt". Ocansey, der als Allroundspieler mit dem FC Frickenhausen vor zwei Jahren den Verbandsliga-Aufstieg schaffte und bis zuletzt beim TV Echterdingen unter Vertrag war, wirkt rundherum zufrieden. Ein Problem(chen) gleichwohl hat er: Im Gegensatz zu Italienern, Franzosen, Tunesiern und Ukrainern muss der Ghanaer hier zu Lande fast immer weite Wege gehen, um die WM in landsmannschaftlicher Exklusivrunde zu erleben. "Ich kenne keinen einzigen Ghanaer, der in Albershausen wohnt", sagt Ocansey. Er selbst wohnt dort, bei Pflegeeltern, seit '86.

Also, was tun, wenn sich im Ort partout keiner findet, der mithelfen kann, im WM-Erfolgsfalle mit Fahnen, Tröten und fangemäß einen patriotischen Auto(mini)corso zu initiieren? Wenn das genussvolle WM-Event vor der Glotze mangels Gleichgesinnter zur einsamen Veranstaltung zu verkommen droht? Kein richtiger Fan dieser WM würde derlei Schikanen ertragen wollen ein eingefleischter Anhänger erfolgreichen Afro-Fußballs schon gar nicht. Osei Ocansey ist so ein Edelfan, schwört fest auf die ghanesischen Nationalspieler wie Michael Essien, Derek Boateng oder Bundesliga-Legionär Otto Addo ("wir haben ein Weltklasse-Mittelfeld"). Um die zu sehen, fährt der schwarze Mann aus Albershausen manchmal einen weiten Weg. Der ist 49 Kilometer lang, dauert 52 Autominuten (ohne Stau) und endet bei Ludwigsburg.

"Dort, in der Wohnung einer Verwandten, treffen wir uns regelmäßig, um WM-Spiele im Fernsehen zu verfolgen", berichtet Ocansey. Diese "Auswärtsspiele" fernab der ghana-freien Zone in Albershausen haben's ihm angetan. "Die Stimmung ist immer prächtig", sagt er, "es kommen dann um die 20 Leute, darunter Verwandte, Freunde und deren Kinder." Das jüngste der Kids ist ein Mädchen, ganze acht Monate alt und heißt "Queen": eine Art WM-Maskottchen. Auch ein Opa (70) ist mit von der Partie, wenn nahe der Barockstadt bei Hühnchen und Reis vorm Flimmerkasten ghanaische Fußball-Technik(en) lautstark zelebriert werden.

Man sollte mal dabei gewesen sein, sagt Osei Ocansey, dessen bisher wichtigster Fernseh-Termin im Norden des Ländles immer näher rückt: Morgen ab 17 Uhr, beim Achtelfinalspiel gegen Brasilien, müssen sie lauter schreien als sonst, denn "eigentlich sind die Spieler des Weltmeisters individuell ja stärker als die aus Ghana", wie Ocansey neidlos anerkennt. "Auf die große Sensation hoffen wir dennoch." Oder auf ein Elfmeterschießen.

Wo genau der Favoritensturz von einer eingeschworenen Ghana-Fraktion mit Beschwörungsformeln und Kraftparolen forciert werden soll, verrät der Albershausener zuletzt auch noch: in Pattonville, der einstigen US-Wohnstadt fünf Kilometer östlich von Ludwigsburg. 90 Minuten lang liegt Ghana für ihn morgen also quasi in Amerika.

Nicht mittendrin, sondern npch vor dem großen Teich.