Lokalsport

"Ganz knappe Kiste": VfL steigt auf

Es ist vollbracht: Vor rund 800 begeisterten Zuschauern in der Sporthalle Stadtmitte haben die Kirchheimer Kunstturnerinnen den Aufsteig in die 1. Bundesliga perfekt gemacht. Der VfL holte sich den vierten Rang mit nur 0,05 Punkten Vorsprung vor der TG Frankfurt.

HEIKO PAUL

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KIRCHHEIM Die erst zwölf Jahre alte Alina Binder eröffnete für den VfL den Wettkampf, und das auch noch am Schwebebalken, dem Zittergerät aller Turnerinnen. Nervenstark und routiniert ging sie zur Sache, brachte ihre Übung fehlerfrei durch und setzte damit ein Signal für die Kirchheimerinnen. Dass sie letztendlich aus der Wertung fiel, weil Daniela Flaig, Lisanne Lichner, Carolin Riethmüller und Nina Leikov-Florin ihre Übung toppten, war nur folgerichtig. 30,6 Punkte hatte die Mannschaft am Schwebebalken gehamstert und damit das drittbeste Ergebnis aller teilnehmenden Teams erreicht.

Wollte die Mannschaft nach der Klasseleistung am Schwebebalken zu viel oder konnte sie ihr hohes Spannungsniveau nicht halten? rätselte VfL-Coach Herbert Leikov nach dem Bodenturnen. Dabei hatten seine Turnerinnen an sich keine Fehler gemacht. Der Trainer verglich nur mit dem Auftritt vor einer Woche in Chemnitz und analysierte: "Wir waren hier nicht ganz so stark." Fest mache er dies nicht an akrobatischen Teilen. Konnte er auch gar nicht, denn die beiden Leistungsträgerinnen Daniela Flaig und Lisanne Lichner erreichten immerhin 7,85 Punkte, Alina Binder und Caroline Riethmüllers Übungen honorierten die Kampfrichterinnen mit 7,6 Punkte. Was dem Trainer vielmehr fehlte, war die Ausstrahlung. "Hier waren wir in Chemnitz besser", verglich er.

Die gut 800 Zuschauer sahen das anders und verwandelten die Stadthalle Stadtmitte nach den Übungen ihrer Kirchheimerinnen in ein Tollhaus. Die zwölfjährige Pia Pohl segelte am Sprung mit einem Überschlag mit anschließendem Salto über den Tisch und kam in den Stand. Daniela Flaig (8,60 Punkte), Lisanne Lichner (8,40 Punkte), die erst 13-jährige DTB-Kaderturnerin Magdalena Heffner (8,40 Punkte) und Nina-Florin Leikov (8,35 Punkte) zelebrierten den gleichen Sprung spektakulärer und erhielten folgerichtig dafür auch höhere Wertungen. Das zweitbeste Mannschaftsergebnis an diesem Gerät mit 33,75 Punkten hinter dem SSV Ulm (34,75 Punkte) katapultierte die Kirchheimer Riege auf den sensationellen zweiten Rang.

Was auch bitter notwendig war. Denn der Stufenbarren zählte schon während der ganzen Saison nicht zu den Kirchheimer Stärken. Das sollte sich auch nicht ändern: Daniela Flaig kämpfte sich durch eine schwierige Übung mit hohem Ausgangswert, erhielt ein D-Teil nicht anerkannt und kam auf 7,5 Punkte. "Sechs bis sieben Zehntel mehr wären bei unserer Stufenbarrenspezialistin drin gewesen", bilanzierte Herbert Leikov. 7,30 Punkte erzielte Nina-Florin Leikov, 7,10 Punkte gab es für Lisanne Lichner. Als Zeichen, noch einmal alles zu geben, war die verletzte Tatjana Würslin nach Pia Pohl an den Stufenbarren gehumpelt. 7,05 Punkte erhielt sie für ihre Darbietung sie hatte zum Abschluss sogar ihren Unterschwung-Salto gewagt.

Zittern war jetzt angesagt dass Leipzig an Kirchheim vorbeigezogen war, stand außer Frage, aber wie sah es mit den Mädchen aus Wetzlar aus? "Ganz knappe Kiste", kommentierte Herbert Leikov. Er wusste, dass es um Hundertstel ging und hatte immer noch vor Augen, wie sein Team im vergangenen Jahr um wenige Zehntel den Aufstieg verpasst hatte.

Banges Warten war jetzt angesagt, erst recht, als der Wettkampfleiter und Vizepräsident der Deutschen Turnliga, Jörg Rosenkranz bekannt gab, dass zur Sicherheit noch einmal gerechnet werde. Abteilungsleiter Wolfgang Sahm machte sich mit seinen EDV-Helfern wieder ans Werk, während die Kirchheimer Fans bibberten und Rosenkranz den vielen freiwilligen Helfern um die Turnfamilie Sahm/Pohl für eine tolle Veranstaltung ein Sonderlob aussprach und dabei auch das fantastische Kirchheimer Publikum nicht vergaß.

Als Kirchheims Bürgermeister Günter Riemer zusammen mit Jörg Rosenkranz zur Siegerehrung schritt, war das Ergebnis bestätigt. Ulm erster, Leipzig zweiter, Wetzlar dritter und der VfL Kirchheim vierter mit sage und schreibe 0,05 Punkten Vorsprung vor der TG Frankfurt, die mit der TG Karlsruhe-Söllingen, dem TT VTF Hamburg und dem STV Schorndorf im kommenden Jahr in der 2. Bundesliga antritt. Riesenjubel in der Halle und ein zunächst sprachloser Herbert Leikov, der dann aber analysierte: "Dass wir an Ulm und Leipzig nicht vorbeikommen, war klar." Es ging letztendlich um Wetzlar, Kirchheim und Frankfurt.

Alle drei Teams verfolgen die gleiche Strategie: Mit dem eigenen Nachwuchs diese Leistungen zu erbringen.