Lokalsport

Geheimwaffe Bippo sticht gegen die "Ciechi"

Italien beginnt gleich hinterm Hagebaumarkt. Im Centro Italiano in der Zementstraße schlägt das Fussball-Herz der Kirchheimer Tifosi .

BERND KÖBLE

Anzeige

KIRCHHEIM Guiseppes Wort hat Gewicht. Das liegt weniger an der beachtlichen Körperfülle des Mannes

O:902F603.EP_ hinterm Tresen als vielmehr an dessen Funktion. Der Herr über Zapfhahn und Panini-Tablett ist so etwas wie der Mittelfeld-Regisseur der Tifosi, die sich zu ungewohnter Stunde im Centro Italiano um die Großbildleinwand drängen. Die meisten von ihnen haben Urlaub genommen, um die Squadra Azzura gegen Tschechien ins Achtelfinale zu brüllen. Andere haben den Laden einfach dicht gemacht und die Mitarbeiter gleich mitgenommen. So wie Samuele Convertino, der als selbständiger Handwerker seinem eigenen WM-Fahrplan folgt. "Heute ist in Italien Feiertag", sagt Centro-Chef Vincenzo Magliarisi mit unerschütterlichem Grinsen. Da hat das Spiel noch gar nicht begonnen.

Draußen vor der Tür sind die Experten unter sich. Recht hat der, der gut bei Stimme ist. Und gut bei Stimme sind sie alle. "Johnny", der im richtigen Leben eigentlich Giovanni heißt, macht seinen Mangel an Körpergröße durch die Haarpracht wett. Die ist zwar äußerst spärlich, dafür in schillernden Landesfarben. Azurblaue Trikots spannen sich allenthalben über stattliche Bäuche. Fleisch gewordene Fussball-Leidenschaft, wo das Auge hinfällt. Noch fünf Minuten bis zum Anpfiff.

Die Begeisterung ist grenzenlos. Keiner, der auch nur einen Gedanken ans durchaus mögliche Ausscheiden an diesem Tag verschwendet. Ganz im Gegenteil: Brasilien im Viertelfinale und danach über die Deutschen ins Endspiel. Die Zuversicht trägt Blau, die Brust ist breit trotz des größten Korruptionsskandals, der derzeit den Fussball am Stiefel erschüttert. "Was bei Juve läuft, weiß jeder schon lange", sagt Peppe mit einem Achselzucken. "Was willst du, das ist eben Italien." Die Geldgier im Norden, so hört man, ist schuld am Dilemma. Von denen die hier sind, stammen die meisten aus Sizilien. Juve-Fans sind sie fast alle. Auch das ist eben Italien. Noch eine Minute bis zum Anpfiff.

2:1 für uns Der 13-jährige Salvatore lässt sich nicht beirren bei seinem Tipp. Nicht nur das. Er erklärt auch warum und wartet dabei mit einem Stückchen Landeskunde auf: Schließlich gehe es heute gegen die "cechi" , meint er. Füge man denen an geeigneter Stelle ein "i" ein, ergebe dies "ciechi" zu deutsch: blind. Was kann da schon noch schief gehen.

Inzwischen rollt dann auch der Ball und schnell wird klar, weshalb die Italiener landläufig als "fußball-verrückt" gelten. Gellende Pfiffe. Warum, weiß jeder außer mir. Statt Bela Rethy oder Beckmann sind es hier die früheren Stürmerstars Gianluca Vialli und Paolo Rossi, die dem unterversorgten Zuschauer mit mehr oder weniger nützlichen Infos zur Hand gehen. Auf italienisch, versteht sich, und in atemberaubendem Tempo obendrein. "Lippi setzt Toni auf die Bank", klärt Guiseppe kopfschüttelnd auf. "Den einzigen, der im Sturm etrwas bringt." Die Tschechen spielen munter mit und drängen auf ein frühes Tor. Wenn dem Kasten von Gianluigi Buffon Gefahr droht, dann meist von Juve-Star Pavel Nedved. Der Spielmacher der Tschechen prüft Italiens Schlussmann mehrmals mit Schüssen aus der Distanz. Die Italiener sind optisch überlegen, doch Tschechien bleibt gefährlich. Für die Squadra Azzura sind es vor allem die Defensivkräfte wie Gattuso und Kapitän Cannavaro, die für Gefahr vor dem Tor sorgen Catennacio verkehrt. Die Blaumänner vor der Leinwand beschleicht ein mulmiges Gefühl. So mancher ahnt, dass dies nicht der Tag des Francesco Totti werden wird, und den hatten die meisten als Torschützen auf der Rechnung.

Doch ein anderer springt in die Bresche und nach Tottis Eckball höher als alle anderen: Materazzis Kopfballtreffer zum 1:0 bringt die Tifosi aus dem Häuschen. Die kleine Bar im Centro kocht, Italia-Rufe treiben im Baumarkt nebenan die Kundschaft vor die Tür. Als kurz vor der Halbzeitpause der Nürnberger Jan Polak nach der zweiten Verwarnung vom Feld muss, ist der Gruppensieg beschlossene Sache. Eine Halbzeit lang gegen zehn Tschechen das muss doch zu machen sein. Die Erlösung kommt in der 87. Minute durch einen, der viel zu lange auf der Bank schmoren musste, wie man hier findet. Die "Bippo-Bippo"-Rufe gehen im Inferno unter, als Filippo Inzaghi den Treffer zum 2:0 erzielt. Sechs Minuten später ist das Spiel vorbei und die Bar im Centro wie leergefegt. Draußen auf dem Parkplatz nimmt das Unvermeidliche seinen Lauf. Stoßstange an Stoßstange rollt der hupende Tross in Richtung Alleenring. Während ich froh darüber bin, einen Schleichweg zu kennen, fallen mir die Worte Peppes wieder ein: "Was willst du, das ist eben Italien."