Lokalsport

"Gejubelt wie die Teufel"

KIRCHHEIM Siegfried Gumnitz (54) war früher mal Rechter Verteidiger von Dynamo Dresden. Die Frage

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THOMAS PFEIFFER

für wen er im innerdeutschen WM-Prestigeduell

O:9020603.JP_1974 Partei ergreifen sollte, stellte sich für ihn im sozialistisch geprägten Elternhaus als 20-Jährigem in keiner Sekunde. "Die ganze Familie war damals für die DDR-Auswahl", sagt er heute. Als Jürgen Sparwasser 12 Minuten vor dem Abpfiff der legendäre 1:0-Siegtreffer gelang gegen das favorisierte Westdeutschland, da "jubelten wir wie die Teufel": Vater Gerhard, ein Dynamo-Funktionär, die Bier und Schnittchen reichende Mutter, der Bruder sowie drei enge Freunde, die sich im 14 Quadratmeter kleinen Wohnzimmer des Einfamilienhauses an der Peripherie Dresdens voller Hoffnung auf eine WM-Sensation ("eigentlich war klar, dass die BRD gewinnt") ebenfalls um das Fernsehgerät geschart hatten. Später ging die Siegesfeier in die Verlängerung: Nach dem Abpfiff ging's in die Kneipe.

Gumnitz, Dynamo-Jugendspieler ab dem 12. Lebensjahr, später Stammspieler der zweiten Mannschaft mit zwei, drei Kurzeinsätzen in jener Oberliga-Elf, zu der DDR-Größen wie Eduard Geyer und Dixie Dörner zählten, war damals so, wie es der staatstreue Vater immer verlangt hatte: linientreu und patriotisch zumindest beim Fußball.

Das war einmal . . . Heute spricht der Mann, der sich in den Jahren nach dem DDR-Sieg wegen der fehlenden Reise- und Meinungsfreiheit vom politischen System zunehmend entfernte und nach Verbüßung einer einjährigen Haftstrafe wegen versuchter Republikflucht 1985 in den Westen ausreiste, im Zusammenhang mit seinem Ex-Land von der "Tätärä". Seit zwei Jahrzehnten lebt er nun in Kirchheim. "Das ist meine Heimat", sagt er. Wie sich die Zeiten ändern. Doch den (W

M-)Fußball liebt "Siggi" Gumnitz immer noch.

INFOSiegfried Gumnitz (Jahrgang 1952) ist gebürtiger Dresdner, spielte sieben Jahre lang für den Fußballclub Dynamo (1964 bis 1971), ehe ihn ein Achillessehnenriss zum Laufbahnende zwang. Auf nicht-sportlicher Ebene hatte der gelernte Maschinenbauer mehr Glück. Nach einem ersten Ausreiseantrag (1979), anschließendem Berufsverbot, missglückter Republikflucht und einjähriger Haft durfte er 1985 im Austausch in die Bundesrepublik ausreisen. Heute arbeitet Gumnitz, wohnhaft in Kirchheim, als Messtechniker beim TÜV Bernhausen.