Lokalsport

Geübt im Umgangmit Männer-Cliquen

Vor fünf Jahren war's. Damals saßen Rita und Horst Heimann gemütlich auf dem Balkon ihres Reihenhäusles im Nägelestal, dachten mal wieder an ihre fliegenden Töchter Cindy und Anni. Weil der Hahnweid-Flughafen nur fünf Autominuten entfernt liegt, kam ein bisschen Wehmut auf: sich nach zehnjähriger Flugpause endlich mal wieder selbst ins Cockpit eines Segelflugzeugs setzen zu können, wäre doch schön.

THOMAS PFEIFFER

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KIRCHHEIM Der damalige Nostalgieplausch zweier ehemaliger DDR-Piloten in warmer Kirchheimer Luft geriet letztlich zur Initialzündung für zwei Flieger-Comebacks im Westen: Seit dem Jahr 2000 haben Rita und Horst Heimann aus Dresden, die beide Diplomingenieure sind, eine neue sportliche Heimat gefunden die Fliegergruppe Wolf Hirth. In diesen Tagen haben sie ihren großen Auftritt. Während der Mann, ein ehemaliger DDR-Meister, den laufenden Hahnweid-Wettbewerb in der 18-Meter-Klasse als aktiver Pilot bestreitet ("ich will sehen, was ich noch leisten kann"), zählt Rita Heimann zum leitenden Bodenpersonal sie ist die Wettbewerbsleiterin. Es sei eine Herausforderung, sagt sie.

Denn es gab auch einige skeptische Stimmen, als die blonde Frau im Vorjahr mit der wichtigsten Wettbewerbs-Funktion betraut wurde. "Da haben sich einige gefragt: eine Frau als Wettbewerbsleiterin, geht denn das?", erzählt Rita Heimann von Sprüchen aus der Macho-Ecke. Es geht bisher sogar bestens: "Keinerlei Probleme, auch nicht mit den in diesem Jahr fast ausschließlich männlichen Piloten auf der Hahnweide", zog die "Chefin" gestern ein positives Zwischenfazit. Fünf Tage Urlaub hatte sie bei ihrem Arbeitgeber in Ostfildern für den Neun-Tage-Job auf der Hahnweide beantragen müssen. Bisher lohnt sich die Investition.

Rita Heimanns Arbeitsplatzbeschreibung auf der Hahnweide ist klar: Kraft ihres Amtes muss sie beispielsweise das allmorgendliche Pilotenbriefing moderieren. Die Worte fehlen ihr dabei nicht, sie wirkt geübt im Umgang mit Männer-Cliquen. Bringt sie, die erste Dame mit oberster Weisungsbefugnis in der 39-jährigen Wettbewerbshistorie, aber auch jenen spezifischen Pep ins verbale Spiel, den Luftsportler und Luftsportlerinnen angesichts der traditionell mit Fachbegriffen durchsetzten Tageseröffnung so mögen? Rita Heimann bringt's. "Sollen wir Frühsport machen", fragt sie etwa, als müde Männer-Blicke in der Fliegerhalle die Runde machen. Der Gag sitzt. Es wird gelacht.

Rita Heimann ist ein nachdenklicher Mensch. Ins Pressegespräch bringt sie ein, was ihr zum Thema auf der Zunge liegt: Die stagnierende Emanzipation von Segelfliegerinnen. "Sehen Sie", sagt sie, "es ist doch so, dass die deutsche Frauen-Nationalmannschaft im Segelflug viel weniger Beachtung hat als beispielsweise die im Fußball. Zudem sind weibliche Segelflieger zahlenmäßig im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen klar in der Minderheit." Rita Heimann findet das ungerecht und einige Ursachen dafür. Eine davon sei, dass junge Segelflug-Sympathisantinnen mitunter die falschen Ansprechpartner fänden. "Wenn bestimmte männliche Sprüche kommen, schreckt das manche junge Frau besonders in der Pubertät ab. Dann springt sie wieder ab." Und ist für den Segelflugsport vielleicht verloren.

Rita Heimann weiß, wovon sie spricht: Ihre beiden Töchter Cindy (22) und Anni (21) standen einst selbst vor der Wahl und entschieden sich fürs Segelfliegen. Die Mutter ist stolz, denn Cindy gilt inzwischen als deutsche Nachwuchshoffnung. "Sie hat sich bei den Doppelsitzern sogar für die deutschen Meisterschaften qualifiziert", sagt sie, "kann aus Studiengründen aber nicht daran teilnehmen." Das Talent, so Rita Heimann, habe Cindy vom Vater.