Lokalsport

Gute Zeiten – schlechte Zeiten

Top-Leichtathleten der Region stehen vor einer schwierigen Hallensaison – Start am Samstag

Am kommenden Wochenende fällt für die Leichtathleten der Startschuss in die Hallensaison. Auch die Stars und Sternchen aus der Teckregion scharren bereits mit den sprichwörtlichen Hufen. Die erfolgsverwöhnten Athleten aus der Kirchheimer Trainingsgruppe von Micky Corucle stehen dabei teilweise vor schweren Zeiten.

Peter Eidemüller

Kirchheim. Leichtathletik unter dem Hallendach findet in der Region eigentlich ausschließlich in Sindelfingen statt: Bereits seit Jahren ist der Glaspalast mit seinen 7 500 Quadratmetern Schauplatz von Meetings und Meisterschaften auf Landes- und Bundesebene. Auch wenn die deutschen Hallentitelkämpfe in diesem Jahr in Leipzig stattfinden, ist die Daimler-Stadt heuer wieder Austragungsort zahlreicher Top-Veranstaltungen.

Den Auftakt bildet das Meeting am kommenden Samstag, das auch für in Kirchheim trainierende Athleten der Startschuss ins Wettkampfjahr 2009 sein wird. Allen voran Sprinttalent Anja Wackershauser (20), die erstmals im Dress des VfB Stuttgart über die Tartanbahn fegen wird – die Kirchheimerin, die vergangenes Jahr so überraschend DM-Bronze über 200 Meter bei den Aktiven geholt hatte, wechselte bekanntlich im Herbst vom VfL Kirchheim zum VfB. Von ihrem Debüt als „Rote“ erwartet der pfeilschnelle Lockenkopf allerdings nicht allzu viel: „Ich will endlich mal einen 60-Meter-Lauf bestreiten, ohne den Start zu verschlafen.“ Darüberhinaus war in Sindelfingen eigentlich noch ein Start über 400 Meter zu Trainingszwecken geplant. „Daraus wird aber nichts“, erklärt Coach Micky Corucle, „der Zeitplan lässt das nicht zu.“ So wird Wackershauser kurzerhand eben die 200 Meter laufen.

Dabei nimmt sie die Hallensaison nicht ganz so wichtig. Grund: Der 60-Meter-Sprint ist ihr zu kurz, die 200-Meter-Strecke aufgrund der engen Kurvenradien mitunter zu gefährlich. Zu gut erinnert sich die Studentin an ihren Sturz in der VfL-Staffel vor drei Jahren in Leipzig, als sie virusgeschwächt in der Kurve eine schmerzhafte Bauchlandung hinlegte. „Mein Fokus liegt dieses Jahr eher auf der Freiluftsaison“, sagt sie.

Nichtsdestotrotz wird es eine Woche nach dem Saisonstart bei den baden-württembergischen Meisterschaften (24./25. Januar) richtig ernst – wo sonst als in Sindelfingen geht es für Wackershauser um die Qualifikation für das Hallen-Highlight 2009: Die deutschen Meisterschaften am 21. und 22. Februar in Leipzig. Auch wenn sie die Hallenwettkämpfe eher locker sieht, verspricht sie: „Ich versuche auf jeden Fall, die DM-Norm zu laufen.“

Für das Aushängeschild der Teck-Leichtathleten sollen die „Deutschen“ dabei nur Durchgangsstation sein: Tobias Unger hat neben der Titelverteidigung seines DM-Titels über 60 Meter aus dem Vorjahr die Teilnahme an der Hallen-EM im italienischen Turin (6. bis 8. März) fest anvisiert. Entsprechend intensiv gestaltet sich der Trainingsumfang: Bis vor Weihnachten waren zehn Einheiten pro Woche an der Tagesordnung. „Über die Feiertage haben wir wieder ein bisschen reduziert“, erklärt Corucle, der außer Unger und Wackershauser noch weitere heiße Sprint-Eisen im Feuer hat. Aus seiner Leistungsgruppe dürften auch Marius Broening (LAV Tübingen) und Klaus Neuendorf (VfB Stuttgart) 2009 unterm Hallendach für Furore sorgen.

Der Köngener Neuendorf hat dabei übrigens einen neuen Partner für die 4 x 100-Meter-Staffel bekommen: Nachdem VfB und VfL Kirchheim im männlichen Jugendbereich eine Startgemeinschaft gegründet haben, die seit 1. Januar unter STG VfB Stuttgart 1893 firmiert, kann der Kirchheimer Oliver Haussmann künftig im Dress der „Roten“ antreten – Premiere am Samstag beim Sindelfinger Meeting. Der 17-Jährige gilt als hoffnungsvoller Nachwuchssprinter, dem Corucle für diese Saison einiges zutraut: „Oli hat sehr viel Talent, kann im Sommer unter 11 Sekunden über 100 Meter laufen.“ Nachdem er beim VfL als Einziger seiner Altersklasse keine Staffelpartner hatte, fädelte Corucle vor Jahresfrist die Gründung der Startgemeinschaft ein. Deren Staffel gehören neben Haussmann und Neuendorf noch David Waibel, Kai Mühlbach und Fabian Berger an. In dieser Besetzung wurde das VfB-Quartett 2008 baden-württembergischer A-Jugendmeister über 4 x 200 Meter und baden-württembergischer Juniorenmeister über 4 x 100 Meter. Trainer ist neben Corucle kein Geringerer als Stefan Holz, der im Dress des VfL Sindelfingen in der Jugend und als Aktiver mehrmals deutscher Meister auf den Strecken zwischen 100 und 400 Metern war. Über 200 Meter hatte er 1999 seine Bestzeit von 20,43 Sekunden aufgestellt, im gleichen Jahr steigerte er sich über 400 Meter auf 45,11 Sekunden, bevor er seine Karriere vor sieben Jahren beendete.

So weit ist es bei Lukas Erdmann zwar noch nicht, doch plagen den Weilheimer Hürdensprinter aus der Corucle-Trainingsgruppe nach wie vor unerklärliche Leistenprobleme: „Seit fast einem Jahr renne ich von Arzt zu Arzt, ohne dass es besser wird“, klagt der 25-Jährige. Selbst Operationen an der rechten und linken Leiste brachten keine Besserung. Inzwischen kann der Wirtschafts- und Sportwissenschaftsstudent nicht mal mehr joggen, von trainieren ganz zu schweigen. „Daher habe ich schon vor rund sechs Wochen die Hallensaison abgehakt“, sagt er enttäuscht.

Ähnlich großes Verletzungspech plagt sein weibliches Pendant Stephanie Lichtl, die inzwischen auch für den VfB Stuttgart aktiv ist. Nachdem die 23-jährige Hürdensprinterin nach einer Knieoperation, bei der ihr im August vergangenen Jahres ein Schleimbeutel entfernt wurde, ohnehin nicht richtig in Tritt gekommen war, verletzte sie sich zu allem Überfluss vergangene Woche im Training. Vermutet wird ein Muskelfaserriss – nicht nur, dass die Bempflingerin deswegen ihren Start in die Hallensaison verschieben muss, nein: Durch den Ausfall Lichtls geht der hoch gewetteten Stuttgarter Staffel allmählich das Personal aus. Nachdem Franziska Dobler aufgrund eines studienbedingten USA-Trips erst im Sommer wieder im Land sein wird, steht der VfB nur noch mit den Ex-Kirchheimerinnen Anja Wackershauser und Ann-Kathrin Fischer sowie der Oberboihingerin Anke Hummel da, die vierte Position ist vakant.

Keine guten Voraussetzungen, um der nationalen Konkurrenz die Stirn zu bieten. Vor allem die MTG Mannheim hat sich vor Ende der Wechselfrist nochmal kräftig verstärkt. So werden mit Verena Sailer (dreifache Deutsche Meisterin über 100 Meter) und Julia Sutschet (Deutsche Juniorenmeisterin über 100 Meter) künftig zwei absolute Hochkaräter für die Kurpfälzer an den Start gehen. Mit Johanna Kedzierski (DM-Zweite 100 Meter) und Anne Möllinger (DM-Dritte 100 Meter) bietet die MTG damit vier Bundeskader-Athletinnen auf, die bereits über WM- und Olympia-Erfahrung verfügen – ganz harte Nüsse für die Corucle-Crew.

Auch wenn es seine Arrivierten heuer also schwer(er) haben, ist es dem Trainer-Tausendsassa nicht bange: Hoffnung bereitet Corucle nämlich der Kirchheimer Nachwuchs, der unter ihm trainiert. „Da wird in den nächsten Jahren was Gutes nachwachsen“, ist er sich sicher. Jungtalente wie Simone Fischer, Hannah Niemeyer, Stefanie Godel und Akschaya Vithyapathy (alle Jahrgang 1995) könnten eines Tages in die Fußstapfen der „Großen“ beim VfL treten. Und auch für Tobias Unger gibt es einen potenziellen Nachfolger: Corucles Sohn Tobias (13) trainiert seit Neuestem unter dem Herrn Papa.

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