Lokalsport

Helmträger sind nicht auf den Kopf gefallen

Erfreuliches gibt es von den Ski- und Snowboardpisten zu berichten: Die Zahl der schweren Skiunfälle ist laut der jüngsten Erhebung des Deutschen Skiverbandes (DSV) weiter rückläufig. Doch weniger die Vernunft hält Einzug in den Partyzonen der Skiarenen als vielmehr Schutzhelme und Protektoren.

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Mit der gefühlten Sicherheit ist das so eine Sache. Wenn es auf den Pisten zur Hochsaison heiß hergeht, stellt sich auch bei erfahrenen Brettlfans ein leichtes Unbehagen ein. Überfüllte Hänge, immer schnelleres Material und nicht selten alkoholisierte Pistenrowdys mahnen zur Wachsamkeit. Doch wer dabei den Eindruck gewinnt, in den Skizentren von Alpen und Mittelgebirgen lauere heutzutage hinter jeder Kuhle das Klinikbett, der irrt. Glaubt man den jüngsten Unfallzahlen des DSV aus der Saison 2005/06, so waren Ski- und Snowboardfahrer zu keinem Zeitpunkt sicherer unterwegs. Die Statistik jeden-falls weist für diesen Zeitraum die niedrigste Verletzungsquote seit Beginn der Auswertung Ende der Siebzigerjahre auf. "Wir registrieren in diesem Zeitraum einen Rückgang der Verletzungen um 47 Prozent", sagt Andreas König, Sicherheitsexperte beim DSV. Auch die Zahl der schweren Verletzungen mit anschließendem Krankenhausaufenthalt oder gar Todesfolge ist demzufolge rückläufig.

Oben ohne läuft nicht, heißt es inzwischen auf den Pisten Italiens. Seit 2005 gilt dort eine strikte Helmpflicht für Kinder unter 14 Jahren. Dass dabei ausgerechnet die für ihren Hang zur Extravaganz bekannten Nachbarn den ersten Schritt wagen, zeigt: Kopfschutz und modisches Styling widersprechen sich längst nicht mehr, und wer wetteifert nicht schon gerne mit Neureuther, Riesch und Co. zumindest optisch. Neue Farben, neue Formen, besserer Komfort und noch mehr Sicherheit. Gründe, beim Wintersport einen Helm zu tragen, gibt es genügend. Immerhin betreffen zehn Prozent aller Skiunfälle Kopf und Gesicht. "Die Akzeptanz, einen Helm zu tragen, ist deutlich gestiegen", stellt Axel Stephan, Geschäftsleiter bei Sport-Räpple in Kirchheim fest. Schwangen Helmträger vor wenigen Jahren noch als vereinzelte Exoten über die Pisten, liegt die aktuelle Quote auf Skiern bei rund 40 Prozent. Bei den Snowboardern ist inzwischen sogar fast die Hälfte mit Kopfschutz unterwegs. Gewicht, Polsterung und individuelle Verstellmöglichkeiten nennt Stephan die wichtigsten Kriterien, die man beim Helmkauf beachten sollte. Was Passform und Tragekomfort anbelangt, sollten sich Wintersportler nicht allein auf ihr Gefühl verlassen. "Die genaue Ermittlung der Kopfgröße ist wichtig", sagt Axel Stephan. Wer sich für ein Modell entschieden hat, muss als Erwachsener in der Regel zwischen 80 und 130 Euro hinblättern, zuverlässige Kinderhelme sind in der Regel bereits für 40 bis 70 Euro zu haben. Geld, das immer mehr Eltern gut angelegt sehen. Zwar ist die Helmpflicht in den meisten Skischulen noch nicht an der Tagesordnung. Doch scheint dies auch gar nicht nötig zu sein. Einsicht ist besser als jede Vorschrift. In der Skischule des VfL Kirchheim wurden vor zwei Jahren 20 Kinderhelme angeschafft, um sie bei Bedarf an Kursteilnehmer zu verleihen. Heute greift kaum mehr jemand auf dieses Angebot zurück. "Ohne Helm kommt so gut wie kein Kind mehr bei uns zum Skikurs", berichtet VfL-Skischulleiter Wolfgang Butz. Das ist auch ein Ergebnis hartnäckiger Aufklärungsarbeit bei Eltern und Erziehungsberechtigten. Anders sieht es bei Rückenprotektoren aus, die einen zweiten sensiblen Körperbereich schützen sollen: die Wirbelsäule. Was für Motorradfahrer längst zum Standard zählt, tut sich auf der Piste noch schwer. Für den Rundum-Schutz entscheiden sich deutlich weniger Wintersportler, dennoch ist auch hier die Nachfrage langsam steigend. Nicht ohne Grund: Die in Westen eingenähten oder mit Tragegurten versehenen Kunststoffprotektoren schützen nicht nur beim Aufprall auf harten Grund, sondern auch vor Risiken durch herrenlose Skier und Stöcke. Schäden an Rumpf und Wirbelsäule stehen in der Statistik des DSV zwar nur an vierter Stelle, sind dafür aber häufig gravierend. Sicherheit sollte auch keine Frage des Alters sein. Wer sich für neue Pistentrends zu alt fühlt oder sich als hartnäckiger Traditionalist gebährdet, handelt hinsichtlich der eigenen Gesundheit fahrlässig. Lässt man allzu wagemutige Snowboarder unter 16 Jahren außer Acht (14 Prozent aller Verletzungsfälle auf den Pisten), ist die Altersgruppe der über 30-Jährigen in der Statistik überproportional stark vertreten. Konditionsmängel und da-raus folgende Konzentrationsschwäche werden als Hauptursachen ausgemacht. Krachen Knochen und Bänder, dann meist am Nachmittag, wenn die Kräfte schwinden und nicht selten auch der Alkoholpegel steigt: Zwischen 14 und 16 Uhr ereignen sich rund 38 Prozent aller Unfälle.