Lokalsport

Hoffen auf "Lado-Wetter" am Mount Parnitha



BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Abschlaffen ist nicht seine Sache, auch wenn die Beine

(O:27070409.JP_schmerzen und der Körper sich nach der Horizontalen sehnt. Wenn Lado da ist, ist Leben in der Bude. Stapelweise mit Ersatzteilkartons beladen, eine Federgabel unter den Arm geklemmt, gibt er in der T-Mobile-Schaltzentrale in der Kirchheimer Alleenstraße letzte Wünsche fürs Feintuning vor dem morgigen Bundesligastart in Sankt Märgen in Auftrag. Er gilt als der Perfektionist und unumstrittene Chef im Bonner Rennstall. Einer, der lieber selbst mit Hand anlegt, bevor er irgend ein Detail dem Zufall überlässt. Immer in Hektik, immer in Eile. Brutal, sagt er, seien die letzten Wochen gewesen und damit meint er nicht nur sein Trainingspensum, dass er tagtäglich absolviert. Fernsehauftritte, Pressetermine, Fotoshootings allesamt Pflichten, denen der 28-Jährige Mountainbike-Profi in der Regel nicht abgeneigt ist. Doch so kurz vor dem Höhepunkt seiner bisherigen Sportlerkarriere sehnt sich auch ein Lado Fumic nach etwas Ruhe.



Die Strapazen der langen Olympia-Vorbereitung bekommt der Körper inzwischen deutlich zu spüren. "Im Moment bin ich ziemlich platt", gesteht er unumwunden ein. Mit der Teilnahme an der Niedersachsen-Rundfahrt, der Sachsentour und zuletzt der Regio-Tour haben die Magentafahrer seit Frühjahr unzählige Kilometer auf der Straße abgespult. Für die Mountainbiker eine ungewohnte Ausdauerbelastung, die dem Körper neue Reize setzen soll, um am Tag X über die optimalen Kraftreserven zu verfügen. Der stetige Wechsel zwischen Be- und Entlastung, das Auf und Ab der Leistungskurve folgt einem ausgeklügelten Plan. Doch Lado Fumic wäre nicht Lado Fumic, würde er auch in diesem Punkt fachlichen Rat dem eigenen Gefühl vorziehen. "Ich kenne meinen Körper sehr genau", sagt er und es bedarf nur eines Blickes auf seine Erfolgsbilanz, um nicht zu widersprechen.



Erfahrung ist eine Bank im Kampf um entscheidende Sekunden, doch sie lehrt auch, dass im Sport nichts berechenbar ist. "Leistungssport ist kein Wunschkonzert", sagt Lado Fumic, der keinen Hehl daraus macht, dass ihm zwei Wochen vor dem Start in Athen auch Gedanken durch den Kopf schießen, die er meist schnell wieder wegwischt. Ein platter Reifen oder eine gerissene Kette und die harte Arbeit zweier Jahre wäre auf einen Schlag zunichte gemacht. "Wenn der Startschuss fällt, muss das alles weg sein", sagt er. Psychische Stärke, Abgebrühtheit das lässt sich nicht trainieren. Der eine hat es, der andere nicht. Lado Fumic hat es zweifelsohne, und darin liegt sein Vorteil gegenüber der Konkurrenz. "Gute Beine haben an diesem Tag schließlich alle", meint er und ist sich deshalb sicher: "Das Rennen wird im Kopf entschieden." Während andere versuchen, sich den Druck von den Schultern zu nehmen, hält der extrovertierte Kirchheimer seinen Kopf in den Wind. Seitdem er sein Olympia-Ticket sicher in der Tasche weiß, hat er das Pokerface abgelegt. "Ich fahre dorthin, um eine Medaille zu gewinnen", sagt er jedem, der ihn danach fragt. Er braucht den Druck wie das Adrenalin während des Rennens, auch wenn dieser inzwischen enorm geworden ist. Längst geht es nicht mehr nur um die eigene Erfolgsstory. "Da hängen Sponsorenverträge, Verbandsgelder und ganze Existenzen dran", sagt Lado Fumic mit Blick auf sein Teamumfeld. Eine Medaille würde dem Mountainbikesport auf seinem Weg ins Licht der Öffentlichkeit zudem einen gewaltigen Schub verpassen.



Die Voraussetzungen für einen Erfolg stimmen, denn die 40 Kilometer lange Strecke am Mount Parnitha scheinen dem 28-Jährigen wie auf den Leib geschneidert zu sein. Hart, schnell, trocken, heiß für einen, der nichts mehr hasst, als tiefe Schlammrennen sind das ideale Vorzeichen. Zwar führt rund ein Drittel der technisch eher unproblematischen Strecke durch lichten Pinienwald, doch der dürfte den Fahrern nur wenig Schatten spenden. Bei Temperaturen bis zu 40 Grad wartet eine mehr als zweistündige Hitzeschlacht auf das Teilnehmerfeld. In der Kirchheimer Teamzentrale spricht man deshalb schon jetzt vom "Lado-Wetter" in Athen.



Kühlen Kopf bewahren, sich jetzt bloß nicht verrückt machen lassen, lautet die Devise in den letzten Tagen vor dem Start. Deshalb hat der Kirchheimer auch auf eine genauere Inspektion der Olympiastrecke im Vorfeld verzichtet. Anders als sein Teamkollege Bart Brentjens, der die zweite Goldmedaille für die Niederlande anpeilt und die Strecke schon mehrfach getestet hat, will der Olympia-Fünfte von Sydney dies erst wenige Tage vor dem Start tun. Am Freitag reist die deutsche Delegation geschlossen nach Athen. Acht Tage vor dem Start, denn die Mountainbiker setzen erst am Samstag den Schlusspunkt im Programmkalender der Spiele. Vorfreude auf spannende Wettkämpfe? Fehlanzeige. "Mir wäre ein späterer Abreisetermin lieber gewesen", meint der Vize-Europameister mit Blick auf die verbleibende Zeit bis zum Ernstfall. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit in der Festung Athen und die Furcht, sich in klimatisierten Räumen eine Erkältung einzufangen, dämpfen die Euphorie vor dem großen Ereignis.



Mit oder ohne Medaille dass die Fumic-Brüder Olympia-Geschichte schreiben, steht bereits vor Beginn der Spiele fest. Als erstes Brüderpaar sind die beiden Kirchheimer gemeinsam in einem Wettbewerb am Start. "Das ist schön", meint Lado, "doch überbewerten sollte man es nicht." Dass Manuel als frisch gekürter U23-Europameister in den Kampf um eine Medaille eingreifen könnte, glaubt der Ältere bei aller Bruderliebe nicht. Dazu ist die erfahrene Konkurrenz zu stark. Unter den Top Ten der Welt komme jeder für eine Medaille in Frage. "Manni steht dort, wo ich in Sydney war", meint Lado realistisch und fügt hinzu: "Seine Zeit kommt bestimmt in Peking 2008."



Über seine eigene Zukunft schweigt sich der 28-Jährige aus. Ob er sich einen dritten Anlauf zutraut, sollte das Unternehmen Medaille scheitern, ist eine Frage, die er nicht beantworten will. "Wenn dein Körper mitmacht und du von Krankheiten verschont bleibst, kannst du auch mit 35 noch ganz oben stehen", ist er überzeugt. Und wenn's mit einer Medaille nicht klappt, ginge davon die Welt auch nicht unter, meint er knapp. Wer ihn kennt, weiß, dass ihm solche Sätze nur schwer über die Lippen kommen.

Ein Stück Olympia-Geschichte: Lado und Manuel Fumic gehen als erstes Brüderpaar bei Olympia im selben Wettkampf an den Start.