Lokalsport

„Huck-Fressen“ gegen „Erdferkel“

Der SVL Kirchheim hat die einzige Frisbee-Mannschaft in der Umgebung

Was ist rund, 28 Zentimeter breit und wiegt 175 Gramm? Eine Wettkampf-Frisbee. Seit einem Jahr hat der SVL ein Frisbee-Team, das Nachwuchs sucht.

Training auf der Kirchheimer Klosterwiese: Die Ultimate-Frisbee-Gruppe des SVL trifft sich einmal pro Woche am Mittwochabend.Fot
Training auf der Kirchheimer Klosterwiese: Die Ultimate-Frisbee-Gruppe des SVL trifft sich einmal pro Woche am Mittwochabend.Fotos: Carsten Riedl

Kirchheim. „Eins, zwei, drei, vier, fünf . . . zehn.“ Wer mittwochabends an der Klosterwiese in Kirchheim lauscht und auf das „Ich komme!“ wartet, harrt vergeblich aus. Hier sind nicht Kinder beim Versteckspiel, sondern die Mädels und Jungs der Ultimate Frisbee-Mannschaft des SVL Kirchheim am Werk. Sie trainieren im Sommer auf der Klosterwiese, im Winter in der Konrad-Widerholt-Halle.

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Auf dem Rasen stehen zehn Spielerinnen und Spieler im Alter zwischen 18 und 45 Jahren. Sie alle tragen Stollenschuhe und schwarze Trikots. Die eine Hälfte gelbe Leibchen. Das 60 Meter lange und 20 Meter breite Spielfeld ist mit roten Hütchen markiert. Zwei Spieler stehen sich gegenüber. Ein „Gelber“ hat ein Frisbee in der Hand, probiert, sich freizulaufen und die Scheibe weiterzuwerfen. Sein Gegner versucht, ihn daran zu hindern und zählt währenddessen laut. Bis zehn hat der Spieler Zeit, zu werfen. Gelingt ihm das nicht, wandert die Scheibe zur gegnerischen Mannschaft. Mit dem Frisbee in der Hand zu laufen, ist nicht erlaubt. Ziel des Spiels ist es, die Scheibe in der gegnerischen Endzone zu fangen. Dann gibt es einen Punkt.

Der gelbe Spieler hat es geschafft, das Frisbee fliegt 20, 30 Meter weit. Alle Spieler geben Vollgas, jagen hinterher. Zwei setzen zu einem akrobatischen Hechtsprung an. Ein „Schwarzer“ fängt sie nur Zentimeter, bevor sie den Boden berührt. Aber das Spiel geht nicht weiter. Stattdessen unterhalten sich die beiden. Foul wird reklamiert. Die beiden Mannschaften einigen sich. Es geht weiter. Spätestens jetzt fragt man sich: Wo ist eigentlich der Schiedsrichter?

„Es gibt keinen, auch nicht bei der WM“, sagt Philipp Hans, der Trainer der Kirchheimer Frisbee-Mannschaft. „Frisbee ist ein ganz besonderer Sport – der fairste, den ich kenne. Die Mannschaften klären alles untereinander.“ Niemand versucht, den Gegner zu attackieren oder eine Regel zu brechen. Ultimate ist ein wettkampforientierter, weitgehend berührungsloser Mannschaftssport, bei dem Ausdauer und Technik eine große Rolle spielen. Ein Mix aus American Football und Basketball. Das wichtigste im Spiel ist der Sportsgeist. „Es geht um Fairness und Spaß“, sagt Ann-Christine Müller, „beides sollte immer im Vordergrund stehen.“ Die 30-Jährige aus Holzmaden muss es wissen. Sie hat schon in der deutschen Frisbee-Nationalmannschaft gespielt.

Hans, der Sportlehrer am Ludwig-Uhland-Gymansium ist, hat den Frisbeesport nach Kirchheim gebracht. Zuerst als AG in der Schule, seit rund eineinhalb Jahren als Teil der Breitensportabteilung des SVL. Infiziert hat ihn das Frisbee-Virus beim Studium in Marburg. „Damals hab ich bei den hässlichen Erdferkeln gespielt.“ Frisbee-Mannschaften haben meistens schräge Namen, zum Beispiel die „Huck-Fressen“, die nach einem sehr langen Wurf benannt sind, bei dem das Frisbee übers ganze Feld fliegt. Dem „Huck“ eben. Manche bauen auch ihre Heimatstadt in den Mannschaftsnamen ein, wie die „Tekielas“ aus dem hohen Norden oder die Damenmannschaft aus Heidelberg, die sich „Heidis“ nennt. Die Kirchheimer haben noch keinen Namen. „Leider“, bedauert Ann-Christine Müller und denkt gleich laut, „irgendwas mit Teck . . . vielleicht auch ‚Albtraum’ . . .“

Neben einem Namen ist das SVL-Team auf der Suche nach weiterem Zuwachs. „Angefangen haben wir zu fünft“, erzählt Hans. Jetzt sind es schon zehn bis zwölf, die regelmäßig zum Training kommen. „Wenn wir in den Ligabetrieb um die deutsche Meisterschaft einsteigen wollen, brauchen wir mindestens 15 Jungs und Mädels, mehr wäre besser, damit wir wechseln können“, meint Müller.

Das Spielfeld ist groß, jeweils sieben Akteure pro Mannschaft stehen sich gegenüber. Außerdem kann ein Spiel bis zu 90 Minuten dauern. Das kostet Kraft. Bereits nach 20 Minuten Training sind alle schweißgebadet, die Köpfe leuchten rot. „Wer nicht schwitzen will, braucht gar nicht zu kommen“, witzelt Hans und hofft trotzdem auf viele Neuzugänge. „Am besten sind die Handballer. Die haben keine Angst und fangen jede Scheibe, egal wie weh es tut“, sagt er. „Fußballer haben gute Kondition und kennen die Laufwege.“

Wer Lust hat, mitzuspielen oder einfach mal vorbeizuschauen, ist in der Gruppe willkommen. Trainiert wird im Sommer jeweils mittwochs ab 18.45 Uhr auf der Klosterwiese. Mit dem Frisbeespielen am Strand habe der Sport allerdings fast nichts zu tun, meint Hans. „Wer die Technik mit Vorhand und Rückhand richtig erlernen will, der braucht mindestens ein halbes Jahr.“