Lokalsport

Hurra, wir leben noch!

Ist das schön, wenn der Schmerz nachlässt . . . Direkt nach dem ersten Halbmarathon, den die Sportfreunde aus der Teckboten-Redaktion in Tübingen gemeinsam durchgestanden haben, machte sich auf der Stelle ungläubige Euphorie breit. Mit einem „Hurra, wir leben noch“, fiel man sich im Ziel in die Arme.

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I. Strifler / P. Eidemüller

Kirchheim. Vergessen die Zweifel in den Tagen zuvor („Packen wir‘s überhaupt?“, „Sind wir in Form?“). Vergessen das Zaudern am Morgen des Wettkampftages, als in Tübingen Sauwetter herrschte. Nur die Tatsache, jetzt nicht mit Last-Minute-Kneifen Schwächen zeigen zu wollen und den Spott dann jahrelang in der Redaktion ertragen zu müssen, hielt die wackeren Kämpfer bei der Stange.

Vergessen aber auch die Torturen während der 21,1 Kilometer langen, fies-hügeligen Strecke beim Tübinger Nikolauslauf. Ehrlich gesagt: Spätestens ab Kilometer 17 war definitiv Schluss mit lustig. Durch etliche Minuten und Hunderte von Läufern voneinander getrennt, durchlitten Sportkollege und Lokalredakteurin jeweils einsam Höllenqualen. Aschfahl erreichte der Sportmann schließlich das Ziel, weit entfernt von angestrebten Traumzeiten, und wimmelte dort hilfsbereite Sanitäter wortkarg ab – zu leer die Kohlehydratspeicher, die schon weit vor dem Zielstrich irgendwo im Schönbuch geplündert waren, zu groß die erste Enttäuschung, nicht unter zwei Stunden geblieben zu sein. Erst als erfahrene Nikolauslauf-Teilnehmer erklärten, dass man von der Zielzeit getrost zehn Minuten abziehen könne, um so die Zeit eines flachen Halbmarathons zu erhalten, hellte sich die zuvor blutleere Miene des Kollegen wieder auf: Trotz totaler Erschöpfung fällt angesichts solchen Läuferlateins das Kopfrechnen leicht: 2,08 Stunden minus 10 Minuten = 1,58 Stunden – der Tag ist gerettet.

Etwas später traf die Kollegin ein, mit brettharten Beinmuskeln, aber alles in allem guter Dinge. Geschafft! Und das halbwegs lebendig! – Mehr hatte sich die Lokalredakeurin in weiser Voraussicht vom ersten Mal nicht erwartet. Anders als der Kollege ist sie vom gefürchteten „Mann mit dem Hammer“ verschont geblieben – die Glückliche.

„Hallo finisher“, lautete spontan der augenzwinkernde Gruß, und gemeinsam ging‘s im Pulk mit über 2 000 anderen Läufern zum heißen Tee in die nahegelegene Sporthalle. Aug in Aug mit Lokalmatador Dieter Baumann (der bekanntlich nicht seinen besten Tag hatte und nach mehreren Siegen in Folge „nur“ Vierter wurde) war Fachsimpeln und Wundenlecken angesagt. Beides hielt noch geraume Zeit an. Denn noch etwas ist großartig nach dem ersten Halbmarathon: Das sanfte Ziehen in den Oberschenkeln und der stechende Schmerz beim ersten Schritt erinnern selbst am Schreibtisch noch tagelang an die vollbrachten Leistungen.

Klarer Fall: Jetzt geht‘s weiter mit neuen Zielen. Sportredakteur und Lokalberichterstatterin sind sich einig, dass Tübingen nur der erste einer möglicherweise langen Reihe von Halbmarathons sein darf. Das neue Jahr gibt Anlass zu großen Plänen. Einigkeit herrscht allerdings auch darüber, dass die zweite 21-Kilometer-Hatz in beider Laufkarriere möglichst durch ebene Gefilde verlaufen sollte, sprich: Beim nächsten Mal bitte wenig(er) Höhenmeter.

Bereits tags darauf begeben sich beide auf Internetsuche nach potenziellen Herausforderungen. Einsteinlauf in Ulm, Dämmerhalbmarathon in Mannheim, Dreiländerlauf in Lindau – trotz pochender Gliedmaßen haben beide Blut geleckt. Zumal der Kollegenkreis sich schon beinahe ehrfürchtig nach dem Gelingen der Premiere erkundigt: „Wie war‘s denn? Also, ich könnte so was nicht!“ – Auch wenn das bei Weitem nicht der Anspruch war, aber angesichts solcher Respektsbekundungen tun die Oberschenkel und Hüftgelenke gleich mal weniger weh.

Auch das war übrigens eine Erkenntnis des ersten Mals: Mit den Eitelkeiten der Läuferszene lässt sich offenbar gut Geld verdienen. Nicht nur, dass vor und nach der Veranstaltung eine Läufermesse die (merkwürdigen) Bedürfnisse der Teilnehmer befriedigt, nein: Via Internet kann man sich nach Eingabe der Startnummer in Aktion bewundern: Ein Online-Fotodienst bietet Erinnerungen an die Schinderei.

Wo die Kollegin lächelnd abwinkt („So nötig hab ich‘s dann auch wieder nicht“), konnte sich der Kollege den entsprechenden Klick auf der Homepage nicht verkneifen: Ein Beweisfoto ist auf dem Postweg – weniger aus Gründen der Eitelkeit als aus Voraussicht: Vor der nächsten Anmeldung zu einem Halbmarathon soll ein Blick aufs Bild mahnen: „Willst du dir das wirklich noch einmal antun?“ Die Antwort wird wohl trotz aller erlittenen Qualen definitiv „Ja!“ lauten.