Lokalsport

„Ich bin ein Fußball-Verrückter“

Pippo Forzano: Vom Schlierbacher Straßenfußballer zum VfB-Juniorentrainer – Der Hauptjob wird fast zum Nebenjob

Der Mann liebt und lebt den Fußball wie kein Zweiter. Giuseppe „Pippo“ Forzano, Sohn eines italienischen Gastarbeiters der ersten Stunde, jagte schon 1964 auf Schlierbachs Straßen der Plastikkugel hinterher. Damals war er fünf. Heute ist er 51, blickt auf eine bewegte Zeit als Spieler, Trainer und Betreuer zurück und sagt: „Fußball war und ist mein Leben.“ Außerhalb der Winterpause ist sein Terminkalender rappelvoll.

THOMAS PFEIFFER

„Ich bin ein Fußball-Verrückter“

Kirchheim. Es vergeht kein Tag, an dem Giuseppe Forzano (51) nicht irgendwie mit irgendwelchen Vereinen, Spielern oder Vereinsfunktionären zu tun hat, und das hängt mit seiner tiefen Leidenschaft für den Fußballsport zusammen. Sein Aktionsradius ist groß: Beim VfB Stutt­gart ist er seit 2003 mit nur halbjähriger Unterbrechung „Co“ der B-Junioren-Bundesligamannschaft, bei seinem Heimatclub AC Catania Zweiter Vorsitzender, Spielleiter und Pressewart, und beim SSV Reutlingen Stamm-Zuschauer: Sohn Roberto (19) kickt bekanntlich dort. „Roberto hat das Zeug zum Oberliga-Stammspieler“, sagt Forzano, der beim VfL Kirchheim lange Zeit selber Oberliga-Stammspieler war. Damals kickte er unter Ex-Trainer und Raumdeckungs-Pionier Helmut Groß, dem heutigen Hoffenheim-Scout, und die Oberliga war noch drittklassig und der direkte Unterbau zur zweiten Liga.

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Theoretisch durfte Forzano damals also zu den 2 000 besten Fußballern in Deutschland gezählt werden – schließlich war der VfL Ende der Achtzigerjahre die Nummer eins unter den württembergischen Amateurteams. Doch der Spätberufene, der mit 25 von der Kreisklasse in die Verbandsliga weggelobt worden war, hatte sein Talent für Dribbling, Zweikampf und Torschuss in jungen Jahren nicht auf der grünen Wiese, sondern auf den Straßen und Hinter­höfen seines Wohnorts Schlierbach entwickelt. Forzano, 1964 als Fünfjähriger zusammen mit der Mutter von Sizilien nach Deutschland gekommen, um dem Vater, einem Gastarbeiter, nachzufolgen, war der klassische Straßenfußballer gewesen: ehrgeizig und hart im Nehmen. „Als Kinder kickten wir fast jeden Nachmittag“, erinnert er sich an seine Anfänge. Am Morgen Schulunterricht an der örtlichen Grundschule („ich bin vorzeitig eingeschult worden“), am Nachmittag die große Bolzerei auf alte Scheunentore inmitten der Häuserschluchten – „Pippos“ Tag hatte zwei höchst unterschiedliche Halbzeiten. Während er die erste Halbzeit wegen massiver Sprachprobleme („ich sprach kein einziges Wort Deutsch“) am liebsten geschwänzt hätte, war er in der zweiten Halbzeit, wenn‘s zwischen Verkehrsschildern, Gullydeckeln, Trottoirs und Rinnsalen wieder ums Kicken mit den Kumpels ging, stets der Ehrgeiz in Person. „Als junger Ausländer hattest du damals einen schweren Stand“, sagt Forzano heute, „deshalb waren Erfolgserlebnisse im Fußball für mich umso schöner. Jedes geschossene Tor war wie eine Genugtuung.“ Forzano kickte viel auf der Straße, und die Eltern hatten nichts dagegen: Es war 1964, und der Ortskern fast autoleer.

Und so kam der kleine Junge aus Sizilien in Schlierbach nicht unter die Räder, sondern auf den Fußball-Geschmack: Bald zog‘s ihn zum organisierten Spielbetrieb. Aus dem Straßenkicker wurde der pass-beglaubig­te TSV-Jugendfußballer (1969), der bis zum 18. Lebensjahr alle Mannschaften durchlief, danach der etab­lierte Aktive, aus jenem der Trainer mit A-Lizenz sowie VfL- und VfB-Engagement. Alle Stationen gingen nahtlos ineinander über, und einen Motivationsknick bekam er nie, auch wenn ihm das misslungene Comeback als Aktiventrainer in der Saison 2005/06 (Entlassung beim Verbandsligisten FC Donzdorf Mitte der Vorrunde) kurzzeitig einen Dämpfer versetzte. „Warum ich gechasst wurde, weiß ich bis heute nicht“, sagt er. 46 Jahre hält seine enge Fußball-Beziehung inzwischen an, und er selbst beurteilt sich freimütig so: „Ich bin ein Fußball-Verrückter.“ Im Hauptberuf ist Forzano Chef eines Fünf-Mann-Sanitärbetriebs – Geld verdienen muss er schließlich auch. Prob­leme, die vielen Geschäfts- und Fußballtermine unter einen Hut zu bringen? „Viel Freizeit bleibt mir nicht“, antwortet Forzano, der in Saisonzeiten „etwa 40 Prozent“ seines Tagesablaufs dem Fußball widmet.

Besonders an Wochenenden heißt es für den Kirchheimer mit dem italienischen Pass immer wieder: Fußball total. Dann jagt ein Termin den anderen – wie vor einigen Wochen. Nacheinander coachte er da samstags die VfB-B-Junioren beim offiziellen Training (ab 11 Uhr), dann verfolgte er zu Informationszwecken erst die Bundesliga-Partie der VfB-A-Junioren (ab 13 Uhr) und anschließend das Oberliga-Spiel an der Reutlinger Kreuzeiche (14.30 Uhr) mit Sohn Roberto, der für ihn quasi auch ein Spieler-Schützling ist: „Roberto wird von mir ebenso kritisiert wie er hilfreiche Tipps bekommt.“ Wieder daheim, wartet auf Forzano gegen 18 Uhr dann eine Catania-Pflicht: Getränke einkaufen für das Heimspiel der Bezirksliga-Mannschaft am Sonntag. Selbiger ist kein Ruhe-, sondern ein Frühaufsteher-Tag: Um 8 Uhr ist

Forzano

bereits

wieder auf den Beinen, weil die VfB-B-Junioren am Nachmittag ja in Hoffenheim spielen (13 Uhr).

Vorher müssen bei einem Wernauer Pizzaservice bis 9 Uhr noch 25 Nudelfertiggerichte in Warmhaltepackungen abgeholt und in den eigenen Kleintransporter verladen werden. „Bei Auswärtsspielen essen die B-Junioren immer solche Fertiggerichte“, sagt Forzano, der den VfB-Job mit Akribie und pflichtbewusst macht. Es ist wieder mal ein termin­überfrachteter Tag – und bald geht ihm die Zeit aus: Nach der Rückfahrt aus Hoffenheim reicht es nicht mehr zum Catania-Kick, der schon um 15 Uhr beginnt, und so fragt er bei Club-Chef Pasquale Martinelli per Handy öfters den Zwischenstand ab. Ein fauler Kompromiss: Viel lieber hätte er seine Catanesen am Tage des Stadtderbys gegen den VfL Kirchheim II live verfolgt.

Irgendwann am Abend kommt der Mann dann endlich heim – voll mit neuesten Fußball-Informationen. Jetzt braucht er, der zwar liiert, aber unverheiratet ist, sie nur noch geistig zu verarbeiten. Das tut er auch – so viel Zeit muss einfach sein.

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