Lokalsport

"Ich sehe keinen Grund, mich zu verstecken"

Kurz vor dem Start in seine erste Saison beim Team Gerolsteiner gibt sich Radprofi Stefan Schumacher kämpferisch. Erstklassig ist 2006 nicht nur das Team. Der Rennkalender des 24-jährigen Nürtingers liest sich wie der GrandSlam des Radsports.

BERND KÖBLE

Anzeige

Die Sonne leuchtet grell vom spanischen Winterhimmel, 16 Grad Außentemperatur, ein laues Lüftchen, das vom Meer herüberweht. Pullover-Wetter auf der Deutschen liebsten Urlaubsinsel. Die blaue Karawane ist schon früh am Morgen auf Betriebstemperatur. Es geht in Richtung Berge im Hinterland der Touristenmeile um El Arenal und einer scheint ganz besonders gute Laune zu haben: Stefan Schumacher ist am Ziel, auch wenn die Fahrt gerade erst begonnen hat.

Der Sprung in die Champions-League des Radsports, dazu in einem deutschen Team. Für den 24-Jährigen aus Großbettlingen ist ein lang gehegter Traum in Erfüllung gegangen. Flankiert von Topfahrern wie Levi Leipheimer, Georg Totschnig oder Davide Rebellin trägt er das Gerolsteiner-Logo auf breiter Brust. Als Newcomer einen Dreijahresvertrag vorgelegt zu bekommen ist keine Selbstverständlichkeit in einer Mannschaft, die 2005 für die positivste Überraschung in der Radsport-Szene sorgte. Ein satter Vertrauensvorschuss also, den Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer dem jungen Nürtinger da gewährt. Der nimmt's erfreut zur Kenntnis, ohne in Demut zu erstarren. Das Jahr 2005 hat ihm ungeachtet aller Tiefschläge Selbstvertrauen geschenkt. "Ich bin seit vier Jahren Profi, habe vergangenes Jahr drei Rundfahrten gewonnen", sagt er. "Ich sehe keinen Grund, mich zu verstecken." Das sieht auch Gerolsteiner-Sportchef Christian Henn so, der seinem Novizen gleich im ersten Jahr einiges zutraut: "Stefan hat Talent, Biss und viel Substanz, um sich rasch an das höhere Niveau in einer Pro-Tour-Mannschaft zu gewöhnen."

Entsprechend hart ist das Programm, das dem 24-Jährigen in seinem Premierenjahr bevorsteht. Mit Mailand San Remo, Paris Roubaix, dem Amstel Gold Race, Fleche Wallon oder Lüttich Bastogne Lüttich fehlt keiner der ganz großen Namen unter den Frühjahrsklassikern im Programm. Saisonhöhepunkt aus Schumachers Sicht wird am 6. Mai der Start beim Giro d'Italia sein. Respekt ja, Furcht nein, so lautet seine Devise. Bei mehrtägigen Schleifen wie der Niedersachsen- und der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt hat der Arztsohn aus Nürtingen im vergangenen Jahr Stehvermögen bewiesen. Dreiwöchige Strapazen mit schweren Hochgebirgsetappen wie beim Giro Das bedeutet Neuland für ihn. Dass er dort als Klassement-Fahrer gesetzt ist, zeigt auch, dass man im Team auf seine Qualitäten als Allrounder setzt. Schumacher ist weder ein begnadeter Sprinter, noch ein ausgeprägter Kletterkünstler. Seine Stärke ist seine Vielseitigkeit. Oder wie er selbst es ausdrückt: "Von denen, die gut über die Berge kommen, bin ich einer der Schnelleren." Und die Tour? "Die ist momentan kein Thema", sagt Stefan Schumacher. Die Planung reiche derzeit bis Ende Mai und "die Wahrscheinlichkeit, dass ich nach dem Giro eine Pause brauche, ist groß."

Während sich ein Teil der Mannschaft vom Trainingslager auf Mallorca in Richtung Persischer Golf verabschiedet hat und dort noch bis Freitag an der Qatar-Rundfahrt teilnimmt, beginnt für den schwäbischen Schumi die Saison am 5. Februar mit der Mallorca-Rundfahrt. Von dort geht es weiter an die Algarve, wo er im vergangenen Jahr den elften Platz belegte. Beides gilt zunächst noch als Aufwärmprogramm für bevorstehende größere Aufgaben. Zum ersten wirklichen Härtetest kommt es am 8. März in Mittelitalien bei der einwöchigen Fernfahrt Tirreno-Adriatico. "Das Profil dort müsste mir eigentlich liegen", freut sich der Nürtinger auf die erste Standortbestimmung.

Das Selbstvertrauen stimmt also, das Vertrauen, das man ihm entgegenbringt, ebenso. Teamchef Holczer glaubt fest daran, dass der 24-Jährige mit den Aufgaben wächst und es hat den Anschein, als hätte endlich zusammengefunden, was zusammengehört. Vier Jahre ist es her, da stand Schumacher schon einmal bei Gerolsteiner auf der Wunschliste. Damals zog der Jungspund in seinem ersten Profijahr einen Vertrag beim Branchenführer Team Telekom vor und scheiterte. Später war es Holczer, der dem reumütigen Nürtinger die kalte Schulter zeigte und Schumacher musste notgedrungen den Umweg über zweitklassige Teams wie Lamonta und den niederländischen Rennstall Shimano nehmen. "Damals hätte ich es einfacher haben können", sagt Stefan Schumacher heute. "Doch wer weiß, wofür das gut war."

Bleibt die Frage, ob der letztjährige Sieger auf dem Kirchheimer Alleenring seinem Heimpublikum auch am 4. Juni 2006 die Treue hält. Eine Woche nach Ende des Giro d'Italia sind Lockerungsübungen angesagt. "Der Termin könnte passen", sagt Schumacher vieldeutig. Sein heutiger Mannschaftskollege Sven Krauß vor Jahresfrist in Kirchheim vom Pannenpech verfolgt hätte ebenfalls Grund zur Imagepflege. Vielleicht dürfen sich die Kirchheimer an Pfingsten auf ein internes Teamduell freuen.