Lokalsport

"Ich wusste immer, dass ich das schaffen werde"

NOTZINGEN Mit ihrer erfolgreichen Teilnahme am weltgrößten Langdistanz-Triathlon im Juli im fränkischen Roth erfüllte sich Silke Wist aus Notzingen nicht nur einen

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ROLF BAYHA

langersehnten Traum. Die 33-jährige Diabetikerin trat gleichzeitig den Beweis an, dass auch durch Krankheit Gehandicapte zu sportlichen Hochleistungen fähig sind. Überglücklich lief sie gemeinsam mit Ehemann Thomas beim Quelle-Challenge-Triathlon nach 13 Stunden und 36 Minuten höchster körperlicher Anstrengung mit erhobenen Armen über die Ziellinie.

Ein Bild, das die jubelnden Zuschauermassen entlang der Zielgeraden an diesem Tag häufig sahen. Doch nur wenige kannten die besondere Geschichte des Ehepaares: Silke Wist ist Diabetikerin. Für sie war die Ironman-Distanz von mehr als 226 Kilometern (3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und ein abschließender Marathonlauf über 42 Kilometer) eine besondere körperliche und zugleich auch seelische Herausforderung. "Ich habe während des Wettkampfes immer an mich geglaubt und wusste, dass ich das schaffen werde", freut sich Silke Wist, wenn sie sich an ihren großenTag erinnert.

Mit ihrem Ehemann bereitete sie sich ein halbes Jahr lang intensiv darauf vor. Eigentlich wollte sie bereits beim Ironman in Klagenfurt starten, doch dort erhielt sie eine Absage als bekannt wurde, dass sie Diabetikerin ist. "Ich habe dann von Herbert Walchshöfer, dem Organisations-Chef in Roth, grünes Licht erhalten." Anders als seine österreichischen Kollegen sah der in der Krankheit kein Problem und sicherte der Notzingerin seine Unterstützung zu. So durfte die Debütantin von ihrem Ironman-erfahrenen Ehemann Thomas, der Mitglied im Sparda-Team Rechberghausen ist, in zulässiger Entfernung von zehn Metern auf dem Rad begleitet werden. Bei der Kontrolle ihrer Blutwerte durfte er zudem als Handlanger fungieren.

Für Silke Wist sind derlei Hürden nichts Neues. Die ehemalige Polizeibeamtin, die auf der Karriereleiter zur Polizeikommissarin von ihrer Krankheit jäh gestoppt wurde, bekam 1999 ihren Dienst quittiert. Etwas wehmütig denkt sie heute an ihre Polizeidienstzeit zurück, die sie 1996 damals noch völlig gesund bei der Bereitschaftspolizei in Göppingen begonnen hatte. "Mit dem Polizeiberuf hatte ich mir einen Traum erfüllt, durfte ihn aber wegen meiner Krankheit nicht mehr ausüben", bedauert sie noch immer die schmerzliche Entscheidung ihres Dienstherrn, die noch während ihrer Probezeit erfolgt war.

Trotz ihres anfänglichen Leidensdruckes bewies die Diabetikerin Stärke, arrangierte sich mit ihrer Krankheit und absolvierte eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. Mit Unterstützung ihres Mannes, der bei einer Polizei-Spezialeinheit seinen Dienst tut, führte ihr Weg sie vor drei Jahren wieder zur Polizei zurück, wo sie inzwischen als Angestellte in einer Kripo-Außenstelle arbeitet. "Hier fühle ich mich zu Hause, das macht mir Spaß", schwärmt sie.

Da ihr bewusst war, dass Ausdauersport den Insulinbedarf des Körpers zu senken vermag, begann sie schon kurz nach Bekanntwerden ihrer Krankheit mit dem Laufen und bestritt 1999 in Köln in 4:10 Stunden ihren ersten Marathon. "Ich lernte, dass nur der Wille zählt und auch Diabetiker zu sportlichen Leistungen fähig sind", sagt sie. Über ihren Mann fand sie dann zum Triathlon, musste erst das Kraulschwimmen lernen und kaufte sich schließlich ein gebrauchtes Rennrad, um endlich ihren Status als "Nur-Begleiterin" aufzugeben. Acht bis zwölf Stunden Training in der Woche investierte sie in das ehrgeizige Ziel Ironman.

"In Roth passte dann einfach alles", schwärmt sie rückblickend. "Das Publikum trug mich die Berge hoch und bei der tollen Stimmung am Solarer Berg bekam ich eine Gänsehaut." Bei Kilometer 65 unterbrach sie das Rennen erstmals zur Blutzuckermessung. "Da die Kampfrichter eingeweiht waren, haben sie dies akzeptiert." Nur zweimal musste sie sich während des Rennens Insulin spritzen, verzichtete weitgehend auf Kohlenhydrate und führte sich hauptsächlich Mineralien zu. Eine schwierige Gratwanderung, da der Körper bei einem Langdistanz-Triathlon viel Energie verbraucht, die über Flüssignahrung ausgeglichen werden muss. Doch Energielieferant Nummer eins sind die für Diabetiker gefährlichen Kohlenhydrate.

Lediglich in der letzten Stunde auf dem Rad kämpfte Silke Wist mit einer Schwächephase. Dass sie es schaffen würde, daran zweifelte sie nie. "Ich vertraute auf mein gutes Gefühl", sagt sie. Den Rest besorgten die begeisterten Zuschauer entlang der Strecke. In einer Gesamtzeit von 13 Stunden 36 Minuten und 13 Sekunden beendete die chronisch Kranke ihren ersten Wettkampf auf der Langdistanz und denkt bereits über eine Neuauflage nach. Wie fast alle Finisher hatte sie zwei Tage danach noch Mühe beim Gehen. Die auch bei gesunden Athleten danach häufig auftretende Immunschwäche fürchtete sie vergeblich: "Ich fühlte mich einfach nur glücklich und wohl."