Lokalsport

Im Fall Schumacher droht weiterer Instanzen-Marathon

Anwalt des Nürtingers kreidet Verfahrensfehler an – Beschuldigter trainiert auf Zypern und beantragt Lizenz

Stefan Schumacher gibt sich nicht geschlagen. Der des Dopings verdächtigte Nürtinger Radprofi trainiert zur Stunde auf Zypern und hat gestern beim BDR seine Lizenz für 2009 beantragt. Hinter den Kulissen kämpft Schumacher juristisch an allen Fronten. Sein Anwalt Michael Lehner sieht seinen Mandanten als Opfer von Verfahrenswillkür und fordert die Einstellung des Verfahrens.

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Bernd Köble

Kirchheim. Business as usual. Kurz vor Weihnachten tut Stefan Schumacher das, was er zu dieser Zeit in den vergangenen Jahren immer zu tun pflegte: Er sammelt Grundlagenkilometer unter südlicher Sonne. Das Trainingslager auf Zypern ist das erste dieses Winters. Schumacher, der nach wie vor seine Unschuld beteuert, will kämpfen – für Gerechtigkeit, wie er sagt. Gestern hat er deshalb beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR), wie immer um diese Zeit, die Lizenz für die neue Saison beantragt. „Wir werden in den kommenden Wochen prüfen, ob die Voraussetzungen dafür erfüllt sind“, bestätigt Hilmar Hessler, stellvertretender Generalssekretär beim BDR, den Eingang des Antrags. Hessler sagt auch: Solange das Verfahren nicht abgeschlossen und keine Sperre verhängt ist, bestünden durchaus Chancen auf eine Lizenzerteilung. Die Frage freilich ist, wer den 27-Jährigen zum gegenwärtigen Zeitpunkt unter Vertrag nehmen sollte. Glaubt man Schumachers Manager Heinz Betz, sind noch nicht alle Brücken zu Quick Step abgebrochen. „Stefan ist nach wie vor gewillt, seinen Vertrag zu erfüllen“, betont Betz. Damit die Belgier zu ihrem bereits im September vereinbarten Kontrakt stehen könnten, müsste die Unschuld des Nürtingers jedoch zweifelsfrei bewiesen sein.

Schumachers Anwalt Michael Lehner ist deshalb akribisch dabei, entlastendes Material für seinen Mandanten zu sammeln. Der Heidelberger Sportrechts-Experte bezweifelt, dass es zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein verlässliches Testverfahren zum Nachweis von Cera, einer neuen Generation des Blutdopingmittels Epo gebe. Bei seinen Recherchen im Rechtsstreit mit der französischen Doping-Agentur AFLD will Lehner auf eine ganze Reihe von Ungereimtheiten und Versäumnissen bei der Analyse der beiden A-Proben gestoßen sein, die Schumacher während der Tour am 3. und 15. Juli dieses Jahres entnommen wurden. Für den Juristen gibt es keinen dokumentierten Beweis für ein positives Ergebnis. Stattdessen seien die beiden bereits entsiegelten Proben mehrfach aufgeteilt und zum Zwecke mehrerer Nachtests mit unterschiedlichen Verfahren zwischen den Dopinglaboren in Lausanne und Châtenay-Malabry bei Paris hin und her geschickt worden. Der positive Befund sei das Ergebnis einer fragwürdigen Gesamtbewertung mehrerer positiver und negativer Einzelergebnisse. Was ihm besonders mysteriös erscheint: „Stefan Schumacher wurden während der Tour de France zwölf Urin- und fünf Blutproben entnommen. Eine davon am 8. Juli nach seinem Etappensieg beim Einzelzeitfahren, genau zwischen den beiden angeblich positiven Proben vom 3. und 15. Juli,“ sagt der Anwalt. Diese seien jedoch allesamt negativ gewesen.

Lehner, der eigens nach Paris reiste, um Einsicht in alle verfügbaren Dokumente zu nehmen, kommt zu dem Schluss: „Hier wurde unprofessionell herumgedoktert.“ Bis heute gebe es keinen einzigen Beleg dafür, was mit den beiden A-Proben nach der Entsiegelung geschehen ist. Auch ein anderer Punkt ist für ihn juristisch von Bedeutung: Die Proben werden beim ersten Öffnen decodiert, das heißt, sämtliche Nachtests fanden nicht mehr anonym statt. Der Heidelberger Rechtsanwalt fordert von den französischen Behörden einen Freispruch für seinen Mandanten. Der sei „rufvernichtend mit angeblichen Ergebnissen nicht zugelassener und unsicherer Testverfahren weltweit an den Pranger gestellt und vorverurteilt worden.“ Angesichts der Tragweite einer möglichen Verurteilung reiche die Beweislage nicht aus, sagt Lehner und wählt einen eigenwilligen Vergleich: „Das ist, als würde ich die Todestrafe verhängen, weil ich zu 80 Prozent von der Schuld des Angeklagten überzeugt bin.“ Dass Schumacher nicht der einzige Dopingfall bei der diesjährigen Tour war und ertappte Sünder wie der Italiener Ricardo Ricco oder Schumachers österreichischer Teamkollege Bernhard Kohl längst gestanden haben, ist für den Anwalt kein Grund, an der Unschuld seines Mandanten zu zweifeln.

Über die muss nun die Rechtskommission der AFLD entscheiden. Die hat Schumacher, wie erst gestern bekannt wurde, im Januar zur Anhörung nach Paris geladen. Käme es irgendwann zu einer Verurteilung, wäre er zunächst nur in Frankreich gesperrt. Für eine generelle Sperre müsste das deutsche Sportgericht zur selben Auffassung kommen. Bei Ausschöpfung aller Rechtsmittel stünde Stefan Schumacher ein langwieriger Marathon durch alle Instanzen bevor. „Mein Mandant ist bereit, diesen Weg zu gehen“, kündigt Michael Lehner an. Ob er danach jemals wieder Rennen fährt, steht auf einem anderen Blatt.