Lokalsport

Im feinen Tuch gegen das Kneipenimage

KIRCHHEIM Mit zusammengekniffenen Augen umkreist Hubert Kratschmann den Tisch. Abwechselnd begutachtet er die Kugeln und die Taschen, nimmt Maß, holt Schwung. Das Vokabular ist knapp:

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PETER EIDEMÜLLER

"Sicherheit", teilt er seinem Gegenspieler mit, der das Geschehen von einem Barhocker aus verfolgt und mit einem Nicken quittiert. Vorsichtig setzt Kratschmann zum Stoß an, gemächlich rollt die kleine, weiße Kugel über das grüne Tuch, touchiert die Bande und kommt hinter dem Pulk der restlichen Kugeln zum Stehen die Ankündigung ist in die Tat umgesetzt, Hubert Kratschmann hat seinem Gegner, der nun an den Tisch tritt, eine "Sicherheit" hinterlassen.

Allwöchentlich treffen sich die Spieler des Pool Billard Clubs (PBC) Kirchheim, um sich in der Bezirksliga mit gegnerischen Mannschaften zu messen. Dies tun sie bereits im 15. Jahr: Seit 1991 heißt es im Classics-Cafe am Schlierbacher Dreieck, wo die Queue-Artisten beheimatet sind, "Gut Stoß!". Mit Hubert Kratschmann und Rainer Rurländer sind zwei Gründungsväter in der aktuellen Truppe vertreten, die sich an die Glanzzeit im Kirchheimer Poolbillard erinnern können: Vor sieben Jahren spielte der PBC in der Oberliga wie im Fußball die vierthöchste Klasse in Deutschland. Nach dem zwischenzeitlichen Absturz in die Kreisliga haben sich die Kirchheimer in der Bezirksliga etabliert. "In den nächsten beiden Spielzeiten peilen wir den Landesligaaufstieg an", verrät Oliver Hirthe, neben Kratschmann, Rurländer und Rainer Schaaf Vierter im Mannschaftsbunde. Dass sie einer Randsportart nachgehen, ist ihnen durchaus bewusst: "Klar, Billard hat den Ruf einer Kneipenbetätigung", so Hirthe, "aber man versucht dem auch von Verbandsseite her entgegenzusteuern." Heißt: Ligaspieler müssen in schwarzen Tuchhosen, schwarzen Schuhen und einem Hemd antreten.

"Das soll auch mannschaftliche Geschlossenheit demonstrieren", sagt Hirthe.

Um weg vom Kneipenimage zu kommen, herrscht während der Begegnungen absolutes Alkoholverbot Rauchen ist hingegen nach Absprache mit dem gegnerischen Team erlaubt. "Allerdings nur in den unteren Ligen", wie Oliver Hirthe weiß, "in der Bundesliga gibt's das nicht." Die deutschen Top-Clubs sind in Pfullingen, Dachau oder Fulda beheimatet aber selbst dort hält sich das mediale Interesse in Grenzen. Nicht zuletzt weil Billard eine für den Zuschauer nur mäßig fesselnde Angelegenheit darstellt. Ein Problem, dass auch beim Besuch einer PBC-Begegnung offenbar wird: Die Partie gegen den Tabellenführer BSC Göppingen II findet quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Nur ab und zu schaut die Kellnerin des Classics nach, ob noch jemand etwas trinken will.

Dabei wäre der Aufwand, den die PBC-Cracks betreiben, durchaus den einen oder anderen Zaungast wert: Dreimal pro Woche treffen sich die 14 aktiven Mitglieder zum Training als technisch anspruchsvolle Sportart setzt Billard ein hohes Maß an Konzentrationsfähigkeit voraus. "Das ist vergleichbar mit Schach", sagt Oliver Hirthe, "man sollte ruhig und ausgeglichen sein." Für Temperamentvolle also eher ungeeignet? "Je mehr man sich über eine verschossene Kugel ärgert, umso schlimmer wird's", weiß Hirthe. In Wutausbrüchen zerbrochene Queues kämen zwar schon vor, bildeten aber eher die Ausnahme. "So ein Queue ist ja schließlich auch nicht ganz billig", so Hirthe, der betont, dass Billard sogar eine gewisse körperliche Fitness voraussetzt. "So ein Spieltag kann bis zu vier Stunden dauern. Ohne sich nebenher fit zu halten, steht das keiner durch." Joggen und Schwimmen seien daher die präferierten Ausgleichsbetätigungen des Billardspielers.

Inzwischen ist Hubert Kratschmann wieder mit dem nächsten Stoß an der Reihe. Wieder kündigt er knapp an, was er vorhat: "Die 14. Lang." Schwungvoll rauscht die anvisierte Kugel über den gesamten Tisch in die obere rechte Tasche. Das versenkte Spielobjekt wird von Kratschmanns Gegner mit einem dreimaligen Fingerschnippen bedacht die beim Billard übliche Form der Lobbezeugung. Klatschen wäre zu laut.

INFOIm Poolbillard unterscheidet man drei Spielformen: Beim 8-Ball versuchen die Spieler, jeweils die halben oder vollen Kugeln nach Ansage zu lochen. Bei einem Foul darf die weiße Kugel frei auf dem Tisch platziert werden. Gewinner ist, wer die schwarze Kugel (8) versenkt, nachdem er "seine" Kugeln zuvor versenkt hat. Es wird auf 5 Gewinnsätze gespielt. Diese Variante wird auch von den meisten Hobbyspielern bevorzugt.Beim 9-Ball müssen die Kugeln von 1 bis 9 in aufsteigender Reihenfolge versenkt werden, mit dem Ziel, die 9. Kugel als Erster zu versenken. Dabei sind auch Kombinationsstöße erlaubt. Die Kugeln bzw. Taschen müssen nicht angesagt werden. Es wird auf 6 Gewinnsätze gespielt.Beim 14.1 wird in einem "Endlosspiel" versucht, alle 15 Kugeln in willkürlicher Reihenfolge zu versenken. Jede Kugel ist dabei einen Punkt wert. Nachdem die 15. Kugel versenkt ist, werden die restlichen 14 wieder neu aufgebaut. Das geht so lange, bis der erste Spieler 80 Punkte erreicht. In der Kreisliga reichen 50 Punkte.Eine Poolbillardbegegnung zwischen zwei Mannschaften läuft in zwei Halbzeiten ab. Eine Mannschaft besteht aus vier Spielern. In der ersten Halbzeit spielen die Mannschaften nach Auslosung zwei 8-Ballpartien, eine 9-Ballpartie und eine Partie 14.1 gegeneinander. In der zweiten Halbzeit wird eine 8-Ballpartie, eine 9-Ballpartie und wiederum eine 14.1-Partie ausgetragen. Der höchste Sieg einer Mannschaft kann somit 8:0 lauten.