Lokalsport

Im Gebirge schlägt die Stunde der Wahrheit

Es ist schon jetzt das erfolgreichste Jahr seiner noch jungen Profikarriere. Nach Top-Ten-Platzierungen in der Protour und dem Gewinn der Sarthe-Rundfahrt Anfang April wartet auf Stefan Schumacher nun die erste ganz große Nummer: Beim am Samstag beginnenden Giro d'Italia will sich der 24-Jährige mit einem Etappensieg verewigen.

BERND KÖBLE

Anzeige

NÜRTINGEN Man braucht kein Grünschnabel im internationalen Profigeschäft des Radsports zu sein, um beim Blick in den Etappenplan der 89. Italien-Rundfahrt weiche Knie zu bekommen. Mit fünf Bergankünften, vier Zeitfahr-Entscheidungen und einer hammerharten Abschlusswoche ringt die 3 526 Kilometer lange Schleife, die in diesem Jahr auch durch Belgien, die Schweiz und Österreich führt, selbst alten Hasen einigen Respekt ab. "Der Giro 2006 ist vielleicht der schwerste seit Jahrzehnten", sagt Stefan Schumacher, der beim Prolog am Samstag im wallonischen Seraing sein Debüt geben wird.

Respekt ja, Furcht nein. "Ich bin nicht überschwänglich, aber ich weiß, was ich mir zutrauen kann", meint Schumacher gewohnt selbstbewusst. Ein Etappensieg während der dreiwöchigen Rundfahrt ist das erklärte Ziel. Ein realistisches zudem, nimmt man die vergangenen Monate als Maßstab. Seit Anfang März hat der Großbettlinger im Gerolsteiner-Trikot kaum einen Frühjahrsklassiker ausgelassen. Wenn doch, dann stets aus Krankheitsgründen, so wie beim Protour-Auftakt Paris-Nizza, als er lange an der Spitze mitmischte und die Nachwuchswertung anführte, bis ihn ein Magen-Darm-Infekt zur Aufgabe zwang. Im Anschluss an Fleche Wallone, wo Schumacher bereits angeschlagen auf Platz 155 landete, musste er wie acht andere Fahrer seines Teams erkältet das Bett hüten. Pech oder erste Auswirkungen der enormen Rennbelastung? "Ich denke, dass ich das Frühjahrsprogramm ganz gut verkraftet habe", meint er. "Ich habe mich bei Teamkollegen angesteckt, das ist einfach dumm gelaufen."

Alles andere als dumm gelaufen ist der Rest der bisherigen Saison für den Neueinsteiger: Gewinner der Sarthe-Rundfahrt, Platz neun beim Amstel Gold Race, zuletzt Sechster bei Rund um den Henninger Turm Schumacher ist in der Weltspitze angekommen und wird dort längst als ernst zu nehmender Konkurrent betrachtet. Das einstellige Resultat beim Amstel Gold Race, wo er Gerolsteiner-Kapitän Davide Rebellin bei dessen sechstem Platz treue Dienste leistete, stuft er höher ein als den Gewinn seiner ersten Rundfahrt in diesem Jahr. "Weil ich dabei gezeigt habe, dass ich mannschaftsdienlich fahren kann", sagt er.

Für Gerolsteiner-Teamchef Christian Henn wohl keine neue Erkenntnis; anders hätte dieser den 24-Jährigen wohl kaum frühzeitig als feste Größe neben Rebellin beim Giro benannt. "Wir müssen sehen, wie es bei ihm läuft", bremst Henn jedoch allzu große Erwartungen. "Ich rechne nicht damit, dass Schumi sich vorne platziert." Doch Schumacher sieht sich vor dem Saisonhöhepunkt mitnichten in der Rolle des Wasserträgers. "Ich werde beim Giro meine Freiheiten haben und versuchen, auf Klassement zu fahren", kontert er.

Gestern Abend ist er in Belgien zur Mannschaft gestoßen, wo die ersten knapp 600 Kilometer der insgesamt 21 Etappen zu absolvieren sind. Nach medizinischen Voruntersuchungen am heutigen Donnerstag steht morgen das Abschlusstraining auf dem Programm. Ein Rest an Unsicherheit bleibt: "Es ist schwer, die Form richtig einzuschätzen", meint Schumacher mit Blick auf den Rennkalender, der zuletzt kaum Zeit zur Regeneration ließ. "Ich bin seit März sämtliche Eintagesklassiker gefahren, was sicherlich eine untypische Giro-Vorbereitung ist."

Die Rennbelastung ist das eine, die fehlende Kletterpraxis das andere. Während das Peloton im Frühjahr mit Ausnahme einiger giftiger Rampen in den Ardennen weitgehend durch die Ebene rollt, wartet beim Giro erstmals das Hochgebirge auf die Fahrer. Für Schumacher, der zwischen den Rennen überwiegend auf der heimischen Alb trainiert hat, wird daher die entscheidende Frage sein, wie er mit den langen Anstiegen in den Alpen zurecht kommen wird. Am 24. Mai fährt der Giro auf Südtiroler Gebiet seine schärfsten Krallen aus: Die 17. Etappe über 158 Kilometer von Tramin hinauf zum Kronplatz krönt im Schlussanstieg eine fünf Kilometer lange Schotterpiste mit Steigungen bis zu 24 Prozent. "Vor diesem Tag hat wohl jeder Fahrer Respekt", meint Schumacher ehrfürchtig.

Für die Eifel-Equipe wird bei der Italien-Rundfahrt in diesem Jahr erstmals ein "Schwaben-Express" am Start sein: Neben Schumacher sind mit den beiden Herrenbergern Sven Krauß und Ronny Scholz, der erst vorgestern für den verletzten Sven Montgomery ins Team rückte, sowie dem Tübinger Volker Ordowski und Matthias Ruß aus Reutlingen fünf Fahrer aus Baden-Württemberg mit dabei. Komplettiert wird die Mannschaft um ihren italienischen Kapitän Davide Rebellin durch Robert Förster (Markkleeberg), Torsten Hiekmann (Berlin) und den Italiener Andrea Moletta.

Seit gestern zählt Stefan Schumacher auch zum erweiterten Kreis der Kandidaten für die Tour de France. Ob der Großbettlinger in Frankreich dabei sein wird, ist allerdings fraglich. "Eigentlich ist nach dem Giro eine Pause eingeplant, um mich in Ruhe auf die Deutschland-Tour vorbereiten zu können", sagt er. Doch das Sturzpech Sven Montgomerys, der sich bei der Tour de Romandie das Schlüsselbein brach, zeigt, wie schnell Bewegung in den Teamkader kommen kann. Die endgültige Nominierung will Teamchef Christian Henn daher erst nach der Tour de Suisse Ende Juni bekannt geben.

Während Schumachers Aussichten auf einen Tour-Start diffus sind, hofft man anderswo, von dessen Regenerationsphase nach dem Giro profitieren zu können: Als Titelverteidiger auf dem Alleenring steht der Lokalmatador ganz oben auf der Wunschliste für das Kirchheimer Rennen am 4. Juni nur eine Woche nach Ende des Giro. "Ich würde gerne nach Kirchheim kommen", sagt Schumacher, der tags zuvor beim GP Schwarzwald antreten muss. Das letzte Wort wird wohl die Teamleitung haben.