Lokalsport

"Immer lebendig von der Eisfläche kommen"

Früher Kanonenfutter, haben sich die "Dettinger Eisbären" im Freizeit-Eishockey zu einer echten Größe entwickelt. Neulich gelang den Spielern, die ihre ersten Gehversuche in den späten Achtzigerjahren auf dem Bürgersee machte, beim internationalen Füssener Hoppe-Hobby-Cup sogar Platz vier.

THOMAS PFEIFFER

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DETTINGEN Boing. Schon wieder liegt ein Eisbär flach er hat sich zu früh aufs Glatteis gewagt. Der Stolperer löst Schmunzeln aus, doch den Spaß am Spiel verliert der Wintersportler nicht. Tapfer spielt er seinen Stiefel auf der rund 60 mal 30 Meter großen Spielfläche runter bis er sich ausgepowert auswechseln lässt. Und er lässt sich viel auswechseln in jenen Anfangstagen. Das Konditionsdefizit bei der schnellsten Mannschaftssportart der Welt hat er mit seinen Mannschaftskameraden gemein.

Gestatten, "Dettinger Eisbären". Derzeit umfasst der Eishockey-Club ohne Eintrag ins Vereinsregister vielleicht 20 Mann im Gründerjahr der späten Achtziger war's nur knapp die Hälfte. Wann genau und weshalb alles begann, erinnert Eisbären-"Manager" Alexander Class (36) nicht mehr ("keine Ahnung, wer die Idee zum Eishockeyspielen hatte"), wie, weiß er indes noch ganz genau. "Damals spielten wir sonntags immer auf dem zugefrorenen Bürgersee", erzählt er, "eine echte Gaudi war's." Wir, das waren fast durchweg Dettinger Feuerwehrkameraden mit Rollhockey-Vergangenheit, alle um die 20, sportlich, spielbesessen und auf Geselligkeit bedacht. "Manche konnten sich anfangs kaum auf dem Eis halten", scherzt Class, wie Stefan Epp-le einer der Mitbegründer, "geschweige denn hatten sie eine richtige Eishockey-Ausrüstung." Gut, dass es Sperrholzplatten gibt. Manch ein Schläger wurde damals einfach aus dem Rohmaterial heraus gesägt, ebenso die Tore. Die Maßvorgabe für die Dettinger Freizeit-Bodychecker war bei beiden Utensilien in etwa gleich: pi mal Daumen.

Jahre später: Die Dettinger Cracks dreschen den Puck jetzt woanders, die auserwählte Trainingsfläche ist nicht mehr naturbelassen, sondern blitzblank gepflegtes Eis und überdacht. Mit dem Umzug ins Wernauer Eisstadion (1991) wächst bei den Eisbären nicht nur die Mitgliederzahl, sondern auch der finanzielle Aufwand, den jeder für sein Hobby fortan betreiben muss. 150 DM pro Stunde kostete damals die Spielflächen-Anmietung. Hinzu kamenfür jeden Hobbypuckjäger Fixkosten im dicken dreistelligen Bereich, zwecks Anschaffung einer kompletten Ausrüstung. "Für einen Helm musste man damals mit 100 Mark rechnen." Die Geldfrage polarisierte die Eisbären seinerzeit: Entweder griff man für den lieb gewonnenen Kufenspaß nun tiefer in die Tasche oder man sprang wieder ab.

Jene Hinterbliebenen, die im Club blieben, erleben 1993 ein sportliches Waterloo. Beim Füssener Hoppe-Cup belegt die Mannschaft Platz 15 nur ein Club ist schwächer. Doch die Kanonenfutter-Rolle beim allerersten öffentlichen Clubauftritt überhaupt bleibt eine Eintagsfliege. Bei den nachfolgenden zwölf Hoppe-Cup-Trips der Eisbären zwischen 1994 und 2005 erinnert so gar nichts mehr an die verpatzte Premiere. "Da haben wir meistens Mittelfeldplätze belegt", berichtet Class über spiele-rische Fortschritte. In solchen Erfolgsfällen wird nach der Schlusssirene mitunter in großer Runde gefeiert. Bis zu 40 Leute fahren insgesamt schon mal mit nach Füssen, darunter auch Freundinnen und Angehörige. Längst gehört der Hoppe-Hobby-Cup, angeblich der größte europaweit, zum festen Jahresprogramm des waschechten Dettinger Hobbyclubs, der weder Vereinssatzung, Mitgliederversammlungen noch Vorstandswahlen kennt. 180 Euro beträgt die Jahresgebühr.

Einen echten Feier-Tag hatten die Eisbären um Mannschaftskapitän Volker Diez (31) bei der Turnier-Auflage '05 vor wenigen Wochen. Platz vier so gut waren die Eisbären in Füssen noch nie. Dieser Prestigeerfolg setzt(e) neue Maßstäbe. "Jetzt wollen wir den Pokal auch einmal gewinnen", sagt Claas, der eines weiß: Zwischen dem Eisbären-Auftritt '93 und dem von 2005 hat sich vieles verändert.

Ehrgeizige Vereinsziele hegen sie dennoch nicht. Der Club, den "in Dettingen nicht mal die Gemeindeverwaltung kennt" (Class), will auch weiterhin improvisiert agieren, nicht zum eingetragenen Verein mutieren. (Sport-)Spaß anstatt (Funktionärs-)Stress lautet die Maxime, an der alle festhalten. "Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass wir mal offiziell im Vereinsregister stehen", betont Class und gibt, mit Augenzwinkern, ein Stück Club-Ideologie weiter: "Für unsere Spieler zählt nur eines immer lebendig von der Eisfläche zu kommen."

Understatement. Inzwischen fällt beim Auflaufen keiner der Eisbären mehr um. Mit Platz vier in Füssen sind sie gewissermaßen in die erste Liga aufgestiegen auf Hobbyebene.

ONLINE-INFO

www.dettinger-eisbaeren.de