Lokalsport

In der Stadionkasse grassiert die Schwindsucht

Wenn's im Kasten klingelt, freut sich der Kassier. Weil Erfolg auf dem Platz und Gedränge auf den Rängen meist Hand in Hand gehen, herrscht derzeit Rätselraten an der Jesinger Allee. Sportlich liegen die Blauen trotz jüngster Heimpleite auf Kurs. Doch während der vermeintliche Abstiegskandidat die Favoriten ärgert, bleiben die Fans zu Hause.

BERND KÖBLE

Anzeige

KIRCHHEIM Damit die Kulisse stimmt, muss der VfL Kirchheim derzeit auswärts antreten. 400 Zuschauer waren es zuletzt beim 4:2-Erfolg in Rottweil. Das ist zwar allenfalls gutes Liga-Mittelmaß, doch von dem ist man an der Jesinger Allee derzeit meilenweit entfernt. Dass ausgerechnet beim jüngsten Heimdebakel am vergangenen Samstag ein leichter Aufwärtstrend sich abzeichnete, erscheint als Ironie des Schicksals.

Knapp 160 Fans im Schnitt zog es bisher zu den sieben Heimspielen ins Kirchheimer Stadion. Damit zählt der VfL zu den Clubs mit der schwächsten Zuschauer-Resonanz in der Liga. Zum Vergleich: Zu den Heimspielen im benachbarten Frickenhausen kamen bisher knapp 300 Zuschauer im Schnitt. Dort mag im ersten Verbandsligajahr die Aufstiegseuphorie noch nachwirken, dafür steht der FC mit nur neun Punkten abgeschlagen am Tabellenende. Was die Anhänger der kickenden Zunft von ihrem samstäglichen Gang ins Stadion abhält, darüber zerbrechen sich die Verantwortlichen in der VfL-Fußballabteilung bisher vergeblich den Kopf. "Wir sind ratlos", gesteht Abteilungsleiter Winfried Scholz ohne Umschweife ein. "Wir bringen Leistung mit einer jungen Mannschaft, doch dies wird kaum honoriert."

Dass die Blauen aus dem breiten Mittelfeld heraus und als heimlicher Favoritenschreck in die Rückrunde starten würden, darauf hätte zu Saisonbeginn tatsächlich wohl kaum jemand gewettet. Klassenerhalt lautete das klar formulierte Ziel. Mehr als das trauten die wenigsten der jungen Truppe zu. Selbst wenn der augenblicklich siebte Tabellenplatz sich als trügerisch erweisen könnte die Plätze fünf und elf trennen gerade mal drei Punkte die Art und Weise wie sich die Mannschaft gegen Teams aus dem oberen Tabellendrittel bisher behauptete, zeigt Perspektive. Das sieht auch Winfried Scholz so, der dahinter eine klare Handschrift erkennt: "Michael Rentschler ist es gelungen, die Mannschaft zusammen zu schweißen", bricht Scholz eine Lanze für den Trainer. "Der Teamgeist ist intakt, die Leistung stimmt, trotz schwieriger Trainingsbedingungen." Dass sich das Flagschiff der Fußballabteilung mit insgesamt 19 Teams das Trainingsgelände teilen muss, hält Scholz für einen unhaltbaren Zustand, doch die Suche nach Ausweichquartieren verlief bisher erfolglos. Daran gemessen stimmt die sportliche Bilanz trotz zweiter Heimniederlage beim 2:5-Fehltritt gegen Metzingen.

Was also tun, um den Kirchheimern die lokale Fußballkost schmackhaft zu machen? Winfried Scholz übt sich als Psychologe, wenn er wie jüngst im Stadionheft die Seele des "treuen Stammpublikums" tätschelt. Dass dieses inzwischen in die Jahre gekommen ist, gibt dem Abteilungs-Boss am meisten zu denken. Während bei Hallensportarten wie Handball oder Basketball die Jugend ihre Helden feiert, verlieren sich im Kirchheimer Stadionrund meist altgediente Recken. Bis zu 800 Zuschauer wollten in dieser Saison miterleben, wenn die VfL-Basketballer in der Sporthalle Stadtmitte auf Punktejagd gingen die Hälfte davon im Teenie-Alter. Ähnliches gab es auch im Fussball schon: Knapp 1 000 Zuschauer im Schnitt erlebten in der Regionalliga-Saison 97/98 den sportlichen Höhenflug der VfL-Kicker. Im Aufstiegsjahr der Oberliga geriet das Duell mit dem FC Pforzheim zum Kassenschlager: 2 200 Zuschauer strömten damals an die Jesinger Allee. Doch mit dem erneuten Abstieg ins württembergische Oberhaus begann auch der Abstieg in der Zuschauergunst. Winfried Scholz denkt nicht nur an die prächtige Kulisse, wenn er sagt: "Jeder Zuschauer, der weg bleibt, bedeutet fünf Euro weniger in der Kasse." Geld, das die Abteilung mit ihrem Jahresetat von knapp 130 000 Euro dringender denn je benötigt. "Wir wandeln finanziell auf einem ganz schmalen Grat", sagt Scholz.

11 000 Euro an Eintrittserlösen hat VfL-Geschäftsführer Kurt Antel zu Saisonbeginn veranschlagt. Eine Zahl, die bewusst in den Keller gerechnet war und die am letzten Spieltag wohl trotzdem unerreicht bleiben wird. Momentaner Stand: Rund 4 000 Euro. Antel, dessen Herzblut seit der C-Jugend am Verein hängt, spannt den Bogen weiter. "Der Amateurfußball ist dabei, vor die Hunde zu gehen." Mancher Fußballfan, der ein paarmal pro Saison horrende Summen hinblättert, um seinen Lieblingsverein in der Bundesliga zu erleben, beginnt auf dem heimischen Fußballplatz immer häufiger zu rechnen. Dabei liegen die Eintrittspreise an der Jesinger Allee im üblichen Rahmen. "Wenn in einer Stadt mit 40 000 Einwohnern nur 150 Fans ins Stadion kommen, muss man sich überlegen, ob sich unsere Arbeit überhaupt noch lohnt", macht sich das VfL-Urgestein Gedanken.

Die will sich auch die Abteilungsspitze bei ihrem nächsten Treffen machen. Auf die Frage, wie der Trend zu stoppen ist, gibt es bisher keine schlüssige Antwort. Jetzt soll ein verbilligtes Restrundenticket den VfL-Anhängern Beine machen. "Entscheidend is auf'm Platz", hat schon Borussia Dortmunds einstiger Trainer Adi Preißler mit westfälischem Scharfsinn erkannt. Mit einem klaren Sieg heute Abend in Dorfmerkingen könnte die Mannschaft ein weiteres Stück Überzeugungsarbeit leisten.