Lokalsport

In neuem Outfit zu alter Stärke

Trotz kurzfristiger Regeländerungen hat sich die Nürtingerin Tordis-Arlett Nitsch bei der Vorderlader-Weltmeisterschaft im französischen Bordeaux nicht verunsichern lassen. Am Ende jubelte die ansonsten für den Schützenverein Wendlingen schießende Pädagogin über zwei Goldmedaillen in der Mannschafts-wertung sowie eine Silbermedaille im Einzel. In beiden Mannschaftswettbewerben stellte die deutsche Mannschaft zudem einen neuen Weltrekord auf.

MAXIMILIAN HAUPT

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BORDEAUX "Es war ein Albtraum." So beschreibt die neue Doppelweltmeisterin Tordis-Arlett Nitsch das Gefühl, unter vollkommen neuen und unbekannten Bedingungen in einen Weltmeisterschaftswettkampf gehen zu müssen. Am Donnerstagabend, also keine 24 Stunden vor dem für Freitag angesetzten Stehend-Schießen der Männer, wurde nach Protesten der italienischen Nationalmannschaft der Gebrauch von Schießhosen verboten. Vor allem für Frauen sind diese Hosen immens wichtig, um das Gewicht des gut neun Kilogramm schweren Gewehrs ohne Rückenschäden stemmen zu können. Noch nie hatte Nitsch zuvor ohne diese Hilfe laut Reglement zugelassen an einem Wettkampf teilgenommen oder auch nur trainiert. "Das war für mich absolutes Neuland", erklärte sie.

Abends im Hotel habe sie dann alles Erdenkliche ausprobiert, um sich auf die neue Situation einzustellen. Mehrere Hosen übereinander, die Jacke so eng und tailliert wie möglich nichts blieb unversucht, um die größtmögliche Stabilität zu erreichen. Bis nachts um ein Uhr hat sie getüftelt und getestet, ehe das vermeintlich optimale Ergebnis erreicht wurde. Doch an Regeneration war auch danach nicht zu denken: "Ich konnte einfach nicht schlafen. Beim Frühstück war ich dann immer noch viel zu nervös, um etwas zu essen", bilanzierte die blonde Nürtingerin die schweren Stunden vor dem Wettkampf. Es war jedoch nicht nur diese kurzfristige Änderung, die der deutschen Mannschaft zusetzte. Bereits am Montag, dem ersten offiziellen Trainingstag, wurde unter erschwerten Bedingungen trainiert. Das übliche Schießpulver war plötzlich nicht verfügbar und man musste bis abends warten, um welches zu bekommen. Für jeden der deutschen Schützen reichte es dann lediglich für zehn Schuss.

Trotz der komplizierten Trainingsbedingungen untermauerte die deutsche Nationalmannschaft inklusive Tordis-Arlett Nitsch ihre Ausnahmestellung in der Vorderladerbranche. Mit neuem, um vier Punkte verbessertem Weltrekord schossen sich die Damen zur Goldmedaille in der Mannschaftswertung. Nitsch selber hatte etwas Pech, da sie mit 94 Ringen im Vergleich zum Training schlechter abschnitt und nur auf Platz sechs landete. "An diesem Abend war ich etwas enttäuscht, die Chance auf eine Einzelmedaille hatte ich vergeben."

Zumindest bis zu diesem Zeitpunkt. Da war noch nicht klar, dass sie als dritte Schützin für die Männer an den Start gehen würde: "Damit hatte ich nicht gerechnet." Wegen Unsicherheiten ihres Teamkollegen wurde sie aber ins Team berufen.

Dem Glücksgefühl über die Berufung folgte dann aber recht schnell die Wut über die kurzfristige Regeländerung. "Das war einfach nicht in Ordnung, so kurzfristig die Regel zu ändern, nachdem wir noch mit den Hosen trainiert hatten." Ohne einen Schuss abgegeben zu haben, wurde es um neun Uhr morgens dann ernst für die gebürtige Brandenburgerin. Mit 96 Ringen erzielte sie ein unter den gegebenen Umständen unerwartet gutes Ergebnis. "Da war ich nicht mehr nervös. Da war ich eiskalt." Und dann war nur noch Wut da.

Mit dieser Wut im Bauch erzielten die deutschen Schützen um den späteren Einzel-Weltmeister Walter Massing einen neuen Weltrekord und sicherten sich die Goldmedaille im Mannschaftswettbewerb. Doch auch für Tordis-Arlett Nitsch war die Hoffnung auf eine Einzelmedaille plötzlich wieder da. Zusammen mit fünf weiteren Schützen hatte sie das zweitbeste Ergebnis erzielt. Zwei Stunden dauerte es, bis das offizielle Ergebnis bekannt gegeben wurde. In dieser Zeit gingen ihr einige Gedanken durch den Kopf: "Es war klar, dass ich vom zweiten bis zum sechsten Platz alles werden konnte. Letztendlich dachte ich nur: Hoffentlich nicht Vierte, alles, nur das nicht."

Am Ende reichte es, dank des besten schlechtesten Schusses, zur dritten Medaille bei diesen Weltmeisterschaften. Platz zwei und damit die Silbermedaille bedeuten Nitsch einiges: "Darauf bin ich stolz. Schließlich ist ,Stehend Männer' sowas wie die Königsdisziplin im Vorderladerschießen."

Mit drei Medaillen und fünf Urkunden im Gepäck, darunter zwei für die neuen Weltrekorde, reiste die Mannschaft in der Nacht von Samstag auf Sonntag zurück nach Deutschland. Nach dem Abschlussbankett in Bordeaux wurde im Bus richtig schön gefeiert. Gefreut hat sich Nitsch aber nicht nur über die Medaillen und Rekorde, sondern auch darüber, einen neuen Fan gewonnen zu haben: "Unser Busfahrer hat schon gesagt, er würde liebend gerne nach Parma fahren. Dort findet 2007 die nächste Europameisterschaft statt."

Dann hoffentlich wieder mit Schießhose . . .