Lokalsport

In Ungers Windschatten an die Sprint-Spitze

Sie rennt schnell, ihr Freund rennt noch schneller und auch was das Redetempo angeht, zählt sie eher zur fixen Fraktion. Seit sie darüberhinaus im Dezember ihren Führerschein gemacht hat, darf die Sprinterin des VfL Kirchheim auch auf den Straßen ihrer Tempovorliebe frönen: Geschwindigkeit spielt eben eine große Rolle im Leben von Katja Holder.

PETER EIDEMÜLLER

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KIRCHHEIM Was auf der Tartanbahn gut ist, kann auf kommunikativer Ebene nicht schaden oder doch? "Mir wird oft vorgeworfen, dass ich zu schnell rede", sagt die 18-jährige Blondine mit einem Lachen. Wenn man mit Tobias Unger den derzeit schnellsten deutschen Mann als Freund hat, ist ein flinkes Mundwerk bestimmt auch kein Nachteil. Doch Katja Holder ist mehr als nur das Anhängsel des unumstrittenen Stars der deutschen Sprintszene. Als frischegebackene baden-württembergische A-Jugendmeisterin über 200 m in der Halle hat sie bewiesen, dass sie ein hoffnungsvolles DLV-Talent ist eine Einschätzung, die auch ihr Trainer teilt: "Ich traue ihr zu, irgendwann in der nationalen Spitze bei den Frauen mitzumischen", sagt Micky Corucle. Sein Schützling dankt's mit Gegenlob. "Micky ist zur Zeit der beste Trainer in Deutschland."

Beweis für beider Aussagen ist der Erfolg der 4 x 100-m-Staffel des VfL Kirchheim im vergangenen Jahr bei den deutschen Jugendmeisterschaften in Braunschweig. Zusammen mit Ann-Kathrin Fischer, Anja Wackershauser und Melanie Föll gewann Katja Holder die Silbermedaille in der Kreisrekordzeit von 46,86 Sekunden. "Dieser zweite Platz war umso toller, weil wir alle in den Einzelkonkurrenzen nur auf den hinteren Plätzen gelandet waren", erinnert sich die Lenningerin, die übrigens nicht verwandt oder verschwägert mit der ehemaligen VfL-Athletin Angelika Holder (Neidlingen) ist. Dem Teckstadtquartett werden in dieser Saison auf Landesebene alle Titelchancen eingeräumt, für die deutschen Meisterschaften visieren Holder und Co. den Endlauf an. Ob dies noch im VfL-Dress zu Stande kommt, scheint fraglich: Die LAZ Salamander Kornwestheim ist hinter den schnellen Mädels, unlängst durch die Freudenstädterin Valerie Hess verstärkt, her. "Wir wollen so lange es geht für den VfL laufen", sagt Holder, die jedoch einräumt, dass das letzte Wort in dieser Angelegenheit nur einer hat: Micky Corucle.

Mit dessen berühmt-berüchtigter Trainingsdisziplin kommt die Schülerin der 12. Klasse am Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasium im Großen und Ganzen klar. "In seiner Gruppe sind wir uns alle bewusst, dass wir Leistungssport machen", sagt sie, "wer verhätschelt werden will, ist bei ihm an der falschen Adresse." Obwohl die Trainingseinheiten mitunter sehr hart sind ("Dass sich einer mal übergeben muss, ist keine Seltenheit"), wird zwischendrin auch mal gelacht. "Es macht schon Spaß, wir sind eine coole Truppe."

Aus einer sportlichen Familie kommend (Vater Ex-Sprinter, Schwester macht Skilehrerausbildung), startete die junge Katja beim TV Unterlenningen ihre Karriere, um vor sechs Jahren vom Bühl nach Kirchheim zu wechseln. Dort lernte sie auch Tobias Unger kennen, mit dem sie seit dreieinhalb Jahren zusammen ist. Seit dessen kometenhaftem Aufstieg gerät auch sie mehr und mehr ins Rampenlicht an seiner Seite war sie zu Gast im Aktuellen Sportstudio des ZDF ("Das Studio ist kleiner, als es im Fernsehen wirkt"), bei Sport im Dritten im SWR ("Dort haben wir Felix Magath kennen gelernt") und beim Ball des Sports Ende vergangenen Jahres in Karlsruhe. Enttäuscht darüber, dass manche in ihr in erster Linie nur die Unger-Freundin und nicht die Athletin sehen, ist sie nicht. "Das macht mir nichts aus", sagt sie unverkrampft. Dennoch müssen beide einen mitunter hohen Preis für Ungers Beliebtheit zahlen. "Nach Olympia 2004 haben wir uns sechs Wochen nicht gesehen", erzählt Holder, die sich aber auch von den Erfolgen ihres Freundes motivieren lässt. "Das spornt schon an." Und dass ihr Freund ("Ich sehe ihn in erster Linie nicht als Läufer, sondern als Tobi") so gefragt ist, bringt auch für sie gewisse Annehmlichkeiten mit sich: "Alle Blumensträuße, die er nach Läufen oder Auftritten bekommt, hebt er für mich auf."

Tobias Unger hin, Leichtathletik her Katja Holder macht sich auch Gedanken um ihre "normale" Zukunft. Nach dem Abitur, das im nächsten Jahr ansteht, strebt sie auf alle Fälle ein Studium an. Was, weiß sie nocht nicht genau. "In Richtung Medizin kann ich mir etwas vorstellen." Trotz ihres jungen Alters hat sie erkannt, dass es mit dem Sport schnell von heute auf morgen vorbei sein kann. "Ich weiß, dass ich mir auch parallel zur Leichtathletik etwas aufbauen muss." Je näher das Abitur rückt, umso mehr Gedanken mache sie sich über Dinge abseits der Tartanbahn. "Die Schule muss das wichtigste bleiben", sagt sie, die auch schon sportliche Leidenszeiten hinter sich hat. Im vergangenen Jahr musste sie die komplette Hallensaison aufgrund eines Bänderrisses sausen lassen. "Danach", sagt sie, "ist es mir richtig schwer gefallen, mich wieder zu motivieren." Nicht zuletzt deswegen hat sie erkannt, dass ihr ein straff organisierter Tagesablauf entgegenkommt. "In den Tag hineinleben, das könnte ich nicht."