Lokalsport

INTERVIEW

Sport als wichtiger Baustein in der Sonderpädagogik

Susanne Wansky-Domhöver ist seit 30 Jahren Sportbeauftragte an der Schule für Geistigbehinderte der Esslinger Rohräckerschule. Die Sonderpädagogin und ehemals erfolgreiche Läuferin aus Kirchheim macht sich für die Integration behinderter Menschen im Breitensport stark. Gemeinsam mit 13 Jungen und Mädchen der Schule startete sie 2007 ein landesweites Pilotprojekt: Die Sportabzeichenprüfung mit geistig Behinderten.

Bernd Köble

Wie kam es zum Entschluss, mit geistig behinderten Schülern für das Deutsche Sportabzeichen zu trainieren?

Wansky-Domhöver: Aus meiner täglichen Arbeit weiß ich, dass Bewegung für geistig Behinderte das Nonplusultra ist. Dies mit dem Sportabzeichen zu verbinden lag nahe, weil ich als ehrenamtliche Sportabzeichenreferentin im Sommer regelmäßig die Prüfungen dafür abnehme. Letztlich ging es um das Erfolgserlebnis, etwas zu schaffen, was für Nichtbehinderte ganz normal ist. Ein gemeinsames Ziel verfolgen, gemeinsam darauf hin arbeiten, das sind Erziehungsziele, die wichtig sind. Im Übrigen auch für Nichtbehinderte.

Scheitern inbegriffen?

WANSKY-DOMHÖVER: Dass man akzeptieren muss, wenn etwas nicht geht, ist Teil des Konzepts. Nicht nur die eigenen Grenzen erkennen, sondern auch die Chance. Indem man sich sagt, es gibt noch ein nächstes Mal. Frustrationstoleranz zu entwickeln, ist für viele Behinderte eine ganz wichtige Sache. Dabei muss man natürlich die Grenze zwischen Herausforderung und Überforderung genau im Blick haben. Es ist meine Aufgabe, in Gesprächen mit Klassenlehrern abzuwägen, wer es schaffen kann und wer nicht.

Sind geistig behinderte Menschen im Sport leichter zu motivieren?

WANSKY-DOMHÖVER: Sie sind auf jeden Fall begeisterungsfähiger als die meisten ihrer Mitmenschen. Das gilt nicht nur für den Sport. Wir erleben dies täglich auch in anderen Neigungsgruppen, beispielsweise im Schulchor oder in der Theater-AG

Welche Rolle kann Sport im Leben eines behinderten Menschen spielen?

WANSKY-DOMHÖVER: Sport kann für jeden Menschen ein Stück Lebensqualität und auch Lebensbewältigung darstellen. In der Sonderpädagogik ist Bewegung ein wichtiges Unterrichtsprinzip.

Sind Behinderte beim Sport größeren Risiken ausgesetzt als ihre gesunden Mitmenschen?

WANSKY-DOMhöver: Nein. Selbstverständlich muss man das Behinderungsbild genau kennen und beispielsweise wissen, ob jemand zu Anfällen neigt. Bei extremen Ausdauerleistungen wie einem Halbmarathon, auf den ich mit einem Schüler zurzeit trainiere, ist, wie bei jedem gesunden Sportler auch, eine ärztliche Unbedenklichkeitserklärung sinnvoll. Dass natürliche Belastungsgrenzen außer Kraft gesetzt sind, habe ich persönlich in 30 Jahren noch nie erlebt.

Wenn nicht wie in diesem Jahr in Peking die Paralympics im Programm stehen, führt Behindertensport ein Schattendasein? Werden die integrativen Kräfte des Sports zu wenig genutzt?

wansky-domhöver: Integration bedeutet ja, Behinderte und Nichtbehinderte zusammenzuführen. Wo nur die reine Leistung oder ein Ergebnis zählt, ist dies schwierig. Zum Beispiel in Ballsportarten. Keiner verliert gern aus reiner Rücksichtnahme. Bei Volksläufen ist das kein Problem. Dort hat sich in jüngster Vergangenheit auch viel getan. Bestes Beispiel ist die Laufgruppe des Kirchheimer AKB, die inzwischen bei allen lokalen Laufveranstaltungen vertreten ist. Auf Stadt- und Vereinsseite wäre sicher ein fester Ansprechpartner für Behinderte und deren Angehörige wünschenswert.

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