Lokalsport

Jahr für Jahr dasselbe: Zittern um die eigenen Talente bis zum 31. August

KIRCHHEIM Man stelle sich mal vor: 26. August 2007, erster Spieltag der nächstjährigen Fußballkreisliga-A-Saison, Nachbarschaftsduell SV Nabern gegen SF Dettingen. Vom Endresultat redet hinterher keiner, nur vom neusten Blitztransfer: Naberns Torjäger-Größe Markus Prettner hat unter der Woche in einer

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THOMAS PFEIFFER

Nacht-und-Nebel-Aktion bei den

SFD angeheuert. Der Freibrief dafür, dass er trotz vorangegangener August-Einsätze in sämtlichen Naberner Vorbereitungsspielen nun ganz offiziell für den Nachbarclub kicken kann, ist ein Kontrakt als "Vertragsspieler", den er schon unterschrieben hat. Bisher war Prettner lediglich "Amateur" (ohne Vertrag) gewesen. Nun spielt der Mann auf Ligaebene mit einem Mal in jener Mannschaft, die er noch in SVN-Diensten kurioserweise erst eine Woche zuvor durch einen Treffer aus dem Bezirkspokal gekickt hat.

Die Wechsellust von Naberns Starstürmer ist frei erfunden, die anderen Eckpfeiler dieser Lokal-Vision 2007/08 nicht. Der Fußballer-Status des "Vertragsspielers" und des "Amateurs" findet sich in den Statuten des Württembergischen Fußballverbandes (WFV) wirklich, und die Option eines spontanen Vereinswechsels nach Unterschrift unter einen Vertragsspieler-Kontrakt gibt es im Spielordnungs-Paragraphen 23 ebenso. Heute noch beim alten Verein, sieben Tage später schon beim neuen: Wäre ein Amateurfußballer wechselwillig und jene 150 Euro fixes Monatssalär wert, die der aufnehmende Verein für jeden Vertragsspieler netto und nachweislich berappen muss, kann er schneller weg sein als seinem Heimatclub lieb ist.

Alles ganz legal, sagen die WFV-Statuten. Weil die abgebenden Vereine keinerlei Aufwandsentschädigung kassieren, gibt es auch keinerlei Dispute am Verhandlungstisch. Bestimmte Abmeldeformularien fallen, wie WFV-Passstellenleiter Otto Beißwenger nochmals versichert, bei der Vertragsspieler-Verordnung ebenfalls weg: "Im Gegensatz zu sonstigen Vereinswechseln ist bei Vertragsspielern eine schriftliche Abmeldung beim abgebenden Verein nicht mehr nötig."

Die WFV-Auskunft bringt Norbert Krumm in Rage. Der Sportliche Leiter des Verbandsligisten VfL Kirchheim zählte vor wenigen Wochen noch fest Torhüter-Routinier Jürgen Rechner zum Spielerkader bis er aus der Zeitung erfuhr, dass aus dem VfL-"Amateur" klammheimlich ein SGEH-"Vertragsspieler" geworden ist. Krumm und Geschäftsführer-Kollege Kurt Antel sehen durch das gültige Prozedere nicht nur die Informationspflicht verletzt ("es kann doch nicht sein, dass der alte Verein vom Wechsel eines seiner Spieler offiziell von keiner Stelle etwas erfährt"), sondern die ganze Amateurfußballszene in Gefahr: "Die Statuten erlauben es, dass kleinere Vereine durch Spielerausverkauf buchstäblich in letzter Minute noch platt gemacht werden können." Laut WFV-Paragraph 23 können Vertragsspieler zwischen dem 1. Juli und dem 31. August verpflichtet werden.

Krumm ist sauer, sieht Handlungsbedarf. Er möchte am liebsten, dass die Amateurvereine wegen des fehlenden Abmeldezwanges "auf die Barrikaden gehen". VfL-Kritik: eine in der Sache fehlerhafte Vorgehensweise des WFV auf Basis seiner eigenen Statuten. "Warum wurde im Falle von Jürgen Rechner vom Verband eigentlich nicht Paragraph 16 angewendet?" fragt Krumm ganz offensiv. Jener Paragraph klärt die "Spielberechtigung beim Vereinswechsel von Amateuren" und hat als Einleitung im Originalwortlaut diesen Satz: "Will ein Spieler seinen Verein wechseln, muss er sich bei seinem bisherigen Verein als aktiver Spieler abmelden (. . .)." Für den VfL ein Widerspruch zum Ablauf im Falle von Jürgen Rechner.

Für Otto Beißwenger nicht.

Der WFV-Mann beharrt auf die Richtigkeit der Vorgehensweise, sieht in der speziellen Angelegenheit andere Paragraphen treffend und den württembergischen Landesverband im Übrigen aus dem Schneider. Die kritisierten WFV-Paragraphen seien nicht hausgemacht, sondern zählten zu den allgemein verbindlichen Richtlinien, die der Deutsche Fußball-Bund (DFB) erlassen habe. Nachdrücklich unterstreicht Beißwenger den Sinn der Vertragsspieler-(Wechsel-)Regelung: "Seit dem Bosman-Urteil und diversen Urteilssprüchen von Oberlandesgerichten kann der DFB nicht anders verfahren." Beißwenger zieht einen Vergleich ins Berufsleben ("die freie Wahl des Arbeitsplatzes ist geltendes Recht") und verteidigt in der Sache alles: den Wegfall der Spielerabmeldung, Ablöseerlass, WFV-Statuten. Letztere ließen auch keinen Interpretationsspielraum: "Die eingearbeiteten Vertragsspieler-Statuten wurden von den DFB-Juristen schließlich überprüft."

Mit den Statements wollen sich die VfL-Macher nicht begnügen. "Wir fordern vom WFV eine schriftliche Bestätigung, dass in der Sache alles rechtens war", sagt Krumm, "uns geht es aber nicht darum, Jürgen Rechner wieder zurückzuholen." Es ginge ums Prinzip und darum zu kämpfen, dass die Vereine "wieder Planungssicherheit bekommen".

Die allerdings hatten sie auch in jüngerer Vergangenheit nicht. Laut Beißwenger findet die Vertragsspieler-Regelung schon seit "etlichen Jahren" Anwendung, und Hunderte ähnlich gelagerter Spielerwechsel seien in dieser Zeit von der WFV-Passstelle abgewickelt worden. "Ein Fall, in dem sich ein abgebender Verein gegen den Ablauf gewehrt hat, ist mir nicht bekannt."

Ob's ernsthaft zum Scharmützel zwischen VfL-Fußballabteilung und der WFV-Zentrale kommen wird: abwarten. So oder so macht die Vertragsspieler-Regelung in Zeiten reduzierter Finanzquellen einem Gros der rund 1800 WFV-Mitgliedsvereine zu schaffen. Beispiel: SV Nabern. "Man zittert wirklich Jahr für Jahr bis zum 31. August und hofft, dass kein anderer zahlungskräftiger Verein in letzter Minute kommt und mit lukrativen Vertragsspieler-Kontrakten die eigenen Talente wegholt", klagt SVN-Abteilungsleiter Rainer Kneile.