Lokalsport

Juristerei als eine Frage der Ehre

Dem sportlichen Höhenflug folgt der Dämpfer am grünen Tisch: Der VfL Kirchheim muss zum Rückrundenstart mit drei Zählern weniger auf dem Punktekonto auskommen. Der 2:1-Auswärtssieg gegen die SF Dorfmerkingen zum Saisonauftakt ist nach einem Urteil des Sportgerichts Makulatur. Der Grund: die fehlende Unterschrift unter einem Passantrag.

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Vor bürokratischen Fallstricken ist auch die angeblich schönste Nebensache der Welt nicht gefeit. Die bessere Mannschaft auf dem Platz zu sein reicht mitunter nicht aus, um am Ende auch drei Punkte mit nach Hause nehmen zu können. So geschehen am 20. August vergangenen Jahres, als Kirchheims Fußballstolz beim Konkurrenten Dorfmerkingen die erste Ligahürde nahm. Einer von elf Freunden auf dem Platz: Kirchheims Abwehrspieler Guido Fuchs, der erst kurz zuvor aus Schönaich unter die Teck gewechselt war. Der Mann für die Defensive hätte an diesem Tag wohl alle Freiheiten der Welt gehabt bloß auf dem Platz, da hätte er nicht stehen dürfen.

Der Reihe nach: Am 15. August ist man in der VfL-Geschäftsstelle damit beschäftigt, die restlichen Formalitäten vor dem bevorstehenden Saisonauftakt in der Verbandsliga zu erledigen. Dazu gehören auch die Papiere des Neuzugangs aus Schönaich, der bei der Auftaktpartie in Dorfmerkingen spielberechtigt sein soll. Zwei Tage später gehen Passantrag und Begleitdokumente ordnungsgemäß in der WFV-Geschäftsstelle in Stuttgart ein. Als VfL-Mitarbeiter Helmut Adam am Vormittag des 20. August in anderer Sache die Verbandszentrale besucht, erkundigt er sich auch über die Akte Guido Fuchs, der schließlich am Abend im VfL-Dress auflaufen will. Die Papiere lägen vor und würden am selben Tag noch bearbeitet. Der Spieler sei damit spielberechtigt und es genüge, am Abend dessen Personalausweis bei der Passkontrolle vorzulegen, was einer durchaus gängigen Praxis entspricht. So will Helmut Adam es an jenem Freitag aus dem Munde des WFV-Spielbetriebsleiters Thomas Proksch erfahren haben.

Der freilich bestreitet dies. Er habe Adam lediglich darauf hingewiesen, dass der Spieler Fuchs auch mit Personalausweis eingesetzt werden könne, wenn alle Unterlagen vollständig beim WFV vorlägen. Ein Kommunikationsproblem so scheint es das am Ende zu einem Fall fürs Sportgericht wird, denn was beide Gesprächspartner zum damaligen Zeitpunkt nicht wissen: Der Passantrag ist zwar mit Vereinsstempel, nicht jedoch mit der Unterschrift eines entsprechenden Vereinsvertreters versehen. Weil das Versäumnis von beiden Seiten unbemerkt blieb, kam es, wie es kommen musste. Fuchs leistete am Abend pflichtgemäß seinen Beitrag zum 2:1-Erfolg der Blauen, obwohl er de facto nicht spielberechtigt war, und der VfL hatte fortan ein juristisches Problem.

0:3 Punkte, 0:3 Tore, 235 Euro Geldstrafe samt Verfahrenskosten für das Sportgericht ist der Fall in zweiter Instanz inzwischen abgehakt. Nicht so in der Führungsetage des VfL: "Wenn ich WFV-Funktionären nicht mehr glauben kann, wem dann?" macht VfL-Abteilungsleiter Winfried Scholz seinem Ärger Luft. Was Scholz und dessen Geschäftsführer Kurt Antel am meisten ärgert: In der Urteilsbegründung wird das Verhalten der VfL-Riege als "in höchstem Maße unsportlich" bezeichnet. "Wir lassen uns nicht als Lügner diffamieren", überlegt sich der Abteilungsleiter nun sogar, das Verfahren auf zivilrechtlichem Wege fortzusetzen. Man sei dabei, dies mit Rechtsanwalt und Versicherung zu prüfen, sagt Scholz.

Die Juristerei inzwischen eine Frage der Ehre der numerische Aderlass längst verkraftet. "Die Mannschaft hat das auf ihre Weise gelöst", meint Scholz im Blick auf die erfolgreiche Hinrunde. Und auch Kurt Antel ist sich sicher: "Wegen der drei Punkte steigen wir nicht ab."